Aus: Ausgabe vom 28.08.2017, Seite 8 / Ansichten

Ruhmredner des Tages: Sigmar Gabriel

Von Reinhard Lauterbach
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Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD)

Sigmar Gabriels Aufstieg zum Außenminister hat zweifellos nicht zuletzt mit seiner umfassenden Allgemeinbildung zu tun. So wird er gewiss das englische Sprichwort kennen: »When in Rome, do as the Romans do« – wenn du in Rom bist, verhalte dich wie die Römer. Und so ist es sicherlich nur gut gemeint gewesen, dass er der Ukraine vorigen Donnerstag in einem Tweet zum Tag der Unabhängigkeit von der UdSSR gratulierte und seine 140 Zeichen mit der Formel »Slawa ­Ukraini« schloss. »Ruhm der Ukraine«.

Das dürfte bei der Kiewer Regierung, die sich verschnupft zeigte, dass die Bundeswehr es »wegen der übervorsichtigen Haltung Deutschlands« versäumt habe, eine Delegation zur Militärparade zu entsenden, gut angekommen sein. Woher soll Gabriel denn auch wissen, dass »Slawa Ukraini« die Grußformel der ukrainischen Faschisten ist, seit den 20er Jahren verbreitet und von der »Organisation Ukrainischer Nationalisten« des Stepan Bandera auf ihrem zweiten Kongress im deutsch besetzten Kraków im Frühjahr 1941 gemeinsam mit der Antwortformel »Gerojam Slawa« (Ruhm den Helden) offiziell zum Parteigruß erhoben. Und wenn ihm dieses Argument zu akademisch gewesen sein sollte, hätten ihm seine in Kiew stationierten Diplomaten immerhin stecken können, dass dieser Gruß von der »Swoboda«-Partei auf den Euromaidan mitgebracht und seitdem von der ukrainischen Rechten als Symbol der von ihnen beanspruchten Hegemonie im öffentlichen Raum bestimmend sein soll. Es sind schon Leute verprügelt und angeschossen worden, weil sie den Bandera-Gruß verweigert haben.

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Glückwunschtweet des Auswärtigen Amtes

Die französische Olympiamannschaft, die 1936 in Berlin mit ausgestrecktem rechtem Arm ins Stadion einzog, erntete zwar den Jubel des deutschen Publikums, aber zu Hause einen Skandal. Sigmar Gabriel glaubt derweilen, aus »Wertegründen« vor Reisen in die Türkei warnen zu müssen.

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