Aus: Ausgabe vom 25.08.2017, Seite 15 / Feminismus

Sag meinen Namen

Junge Afghaninnen fordern, nicht mehr nur als »die Frau von« und damit als Eigentum des Mannes angesprochen zu werden

Von Petra Stein
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Auch eine Form von Empowerment: Diese Afghaninnen erlernen in der Nähe von Kabul die Shaolin-Kampfkunst (Januar 2017)

Bei seiner Antrittsrede 2014 nannte der neue afghanische Präsident Aschraf Ghani seine Frau Rula beim Namen und dankte ihr für die Unterstützung. Das sorgte für großes Erstaunen in der Loja Dschirga, der Nationalversammlung. Und es gab offene Anfeindungen. Denn Ghani hatte das jahrhundertealte Tabu ignoriert, den Namen einer Frau in der Öffentlichkeit auszusprechen.

Jetzt wird genau über dieses Tabu in einer Onlinekampagne diskutiert, die im Juli unter dem Hashtag »where­ismyname« gestartet wurde. Bei Twitter strömen im Minutentakt Medienberichte zum Thema ein, es gibt eine Facebook-Seite, einige Frauen posten Fotos, auf denen sie Schilder mit der Frage »Wo ist mein Name?« hochhalten. Manche berichten, ihnen sei erst als Erwachsene bewusst geworden, dass sie noch nie den Namen ihrer eigenen Mutter gehört haben. Auch Männer unterstützen die Kampagne.

Tahmina Arian ist eine der Initiatorinnen: »Bei unserem Namen genannt zu werden entspricht dem Grundrecht auf Identität«, sagte sie dem US-Sender CNN (11. August). Es werde afghanischen Frauen bis heute vorenthalten. Das öffentliche Nennen des Namens von Frauen wird mit Prostitution gleichgesetzt und schon von Jungen als Angriff auf die Familienehre empfunden. Die Sitte stammt noch aus vorislamischer Zeit, als Stammesriten das Leben weit über die Landesgrenzen hinaus bestimmten. Frauen gehen bis heute nach der Heirat vielerorts faktisch in den Besitz der Männer über. Mütter tauchen nicht in den Geburtsurkunden ihrer Kinder auf, der Brautname fehlt bei Hochzeitseinladungen und selbst auf Grabsteinen steht höchstens »Tochter von X«, »Frau von Y« oder »Mutter von Z«. Häufig werden Frauen von ihren Ehemännern als »schwächere Hälfte«, »Milchgeberin«, »Schwarzkopf« oder, noch herabwürdigender, als »Ziege« oder »Huhn« tituliert.

Die aktuelle Kampagne findet unterdessen nicht nur im Internet statt. »Wir wollen Druck auf die Regierung ausüben, um mit Gesetzen die Rechte von Frauen zu schützen«, sagte Bahar Sohaili, eine junge Frauenrechtlerin und Unterstützerin der Initiative, dem englischsprachigen indischen Frauenmagazin Oddnaari (29.7.). Doch Abdullah Atahi, Sprecher des Obersten Gerichts in Kabul, meinte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, die Mehrheit im Land wolle keine Veränderung, zumindest nicht so schnell: »Wir haben kein Problem mit der Namensnennung in Dokumenten, aber wenn es um die afghanische Kultur geht, sind die Menschen noch nicht bereit für so einen modernen Schritt. Es würde ein unerwünschtes Chaos geben.«

Hinsichtlich der Geschlechtergerechtigkeit gilt Afghanistan als eines der weltweit rückständigsten Länder. Vergewaltigung in der Ehe ist legal. Will sie einen Job annehmen, darf sie das nur mit Genehmigung des Gatten. Diese Regelungen stammen nicht etwa aus der Taliban-Zeit, sondern wurden im Frühjahr 2009 von Präsident Hamid Karsai unterzeichnet.

Seit dem Sturz der Taliban 2001 haben Frauen offiziell das Recht auf Bildung. Die Pflicht, die Körper und Gesicht verhüllende Burka zu tragen, wurde abgeschafft. In der Nationalversammlung gibt es weibliche Abgeordnete, seit 2014 liegt ihr Anteil sogar bei 28 Prozent, und die Zahl der Anwärterinnen auf eine Polizei- oder Justizlaufbahn steigt rasant. Doch noch immer ist Gewalt gegen Frauen weit verbreitet, die Burka weiterhin Standardkleidung, und mehr als die Hälfte der Frauen sind an ihrem 18. Geburtstag schon verheiratet.

Todesdrohungen und tätliche Angriffe kennt auch Paradise Sorouri, die in Medienberichten als »Afghanistans erste Rapperin« bezeichnet wird. Die junge Frau wurde nachts von Männern überfallen. Sie drohten sie zu töten, wenn sie nicht aufhöre, in ihren Songs von ihren Träumen vom Leben als emanzipierter Frau in ihrem Land zu singen. »Wenn du eine Frau in Afghanistan bist, bist du das Problem«, sagt Sorouri. Sie flüchtete über das Mittelmeer nach Europa und lebt jetzt in Berlin. Von hier aus will sie mit ihrem Partner weiter die Missstände in ihrem Land ansprechen und die Gesellschaft dort wachrütteln. Wie sie unterstützen Tausende afghanische Schriftsteller, Musikerinnen und Musiker, Journalistinnen und Journalisten sowie Politiker die Kampagne »Wo ist mein Name«. Einer der bekanntesten Sänger Afghanistans, Farhad Darya, postete ein Foto von sich und seiner Frau mit der Bildunterschrift »Farhad and Sultana Darya«.

Dennoch sind solche Fotos bei Twitter selten. Denn wo bereits ein Name ein Problem ist, trauen sich viele nicht, ein Bild von sich zu veröffentlichen. Und männliche Unterstützer in einem von einem US-Sender verbreiteten Video nennen nur stockend den Namen ihrer Mütter oder Frauen, sie wirken dabei verschüchtert und unsicher. Auch das, was Farhad Darya auf ­Facebook über die Reaktionen berichtet, wenn er auf seinen Konzerten oder in Interviews die Namen seiner Frau und seiner Mutter nennt, zeigt, wie schwierig die Lage ist: »Sie starren mich an, als wäre ich der Führer aller Memmen der Welt und als wüsste ich nichts von afghanischer Ehre und afghanischen Traditionen.« Dennoch scheint es immer mehr Frauen zu geben, die für ihre Rechte kämpfen wollen.

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