Aus: Ausgabe vom 23.08.2017, Seite 16 / Sport

Bei den Ballmaschinen

Nach Cincinnati, vor den US Open: Personalwechsel möglich

Von Peer Schmitt
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Könnte nach den US-Open Nummer 1 sein, theoretisch: Simona Halep

Vor den am Montag beginnenden US Open ist Rafael Nadal zum ersten Mal seit drei Jahren wieder Nummer eins der Weltrangliste. Die Ehre fiel ihm als reines Rechenspiel letzte Woche in Cincinnati bereits vor Turnierbeginn in den Schoß, nachdem sowohl Roger Federer als auch der bisherige Weltranglistenerste Andy Murray die Teilnahme zur Ausheilung ihrer Verletzungen absagten. Bei den US Open werden beide aber voraussichtlich spielen.

Die Spitze der ATP könnte derzeit ohnehin ein Lazarett füllen. Neben Novak Djokovic, Stan Wawrinka und Kei Nishikori, die in dieser Saison alle nicht mehr spielen werden, trat auch Titelverteidiger Marin Cilic in Cincinnati nicht an. Es war das nominell schwächste Feld eines Masters 1000 Turniers seit Jahrzehnten. Genau dieser Umstand gestattete aber einen Blick in die Zukunft: Wie würde die ATP-Tour ohne die »Big Four« ausschauen? Länger als eine Dekade haben sie den Großteil der Turniere abgeräumt und mehr als eine »verlorene Generation« von Spielern der zweiten Reihe hinter sich gelassen.

Denn auch Nadal verlor in Cincinnati bereits im Viertelfinale glatt 2:6, 5:7 gegen die große australische Nachwuchshoffnung Nick Kyrgios, der im Halbfinale mit David Ferrer einen weiteren spanischen Veteranen 7:6, 7:6 ausschaltete und zum ersten Mal das Endspiel eines Masters 1.000 erreichte, um dort mit Grigor Dimitrow auf einen weiteren Debütanten in dieser Position zu treffen. Von allen nachrückenden Spielern ist der 26jährige Bulgare derjenige, der stilistisch Federer am ähnlichsten ist. Er entschied das Finale dank seiner größeren Variationsmöglichkeiten 6:3, 7:5 für sich. Werden er oder Kyrgios bei den US Open einen ähnlichen Coup landen können? Es scheint unvorstellbar.

Auch bei den Damen ging es in Cincinnati um die Position der Weltranglistenersten der WTA. Zum wiederholten Mal war Simona Halep nur einen Matchgewinn von dieser entfernt. Abermals scheiterte sie. Die 1:6, 0:6-Niederlage der Rumänin im Finale gegen die Wimbledon-Siegerin Garbiñe Muguruza offenbarte schonungslos: Halep ist eine auf endlose Cross-court-Duelle gedrillte Ballmaschine, beinahe ohne Variationsmöglichkeit. Muguruza wiederum wirkt zur Zeit wie die zumindest körperlich stärkste Spielerin der Welt.

Die Ära der Dominanz des ebenfalls konditionsstarken Bizarro-Tennis von Angelique Kerber – sie dauerte immerhin eine im nachhinein recht suspekte Saison lang – ist endgültig vorbei. Für die WTA hat ein neues Maschinenzeitalter begonnen. Das aktuell dominierende Ballmaschinentennis ist zwar monoton, die Top ten vor den US Open aber so spannend wie selten zuvor. In der Tat können in der kommenden Woche in New York rein rechnerisch neben der amtierenden Nummer eins und Vorjahresfinalistin Karolina Pliskova noch insgesamt sieben weitere Spielerinnen Weltranglistenerste werden: Halep, Muguruza, Caroline Wozniacki, Johanna Konta, Elina Switolina sowie die Veteraninnen Venus Williams und Swetlana Kusnezowa.

Eine Wildcard für das Hauptfeld der US Open wurde Maria Scharapowa zugesprochen, obwohl sie, verletzungsbedingt, in der laufenden US-Hartplatzsaison bisher nur ein einziges Match absolviert hat (die erste Runde von Stanford vor mehr als drei Wochen). Im Vorfeld soll sie zudem offiziell Antidopingaufklärung für Juniorinnen leisten, damit wurde vorbildlich der Bock zum Gärtner gemacht.

Das letzte Turnier vor den US Open sind in dieser Woche die Connecticut Open in New Haven. Dort hat die dreimalige Titelträgerin Petra Kvitova bereits in der ersten Runde gegen die Chinesin Zhang Shuai ziemlich kläglich 2:6, 1:6 verloren. Die Schwierigkeiten des Comebacks nach ihrer schweren Handoperation werden für die Tschechin immer offensichtlicher. Mit dem Ausgang der US Open wird sie wohl wenig zu tun haben.

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