Aus: Ausgabe vom 23.08.2017, Seite 8 / Inland

»Foodora hat einen Fehler eingestanden«

Erstmals trat der Lieferdienst mit der FAU Berlin in Verhandlungen. Gespräch mit Clemens Melzer

Interview: Johannes Supe
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Ausrüstung eines Foodora-Beschäftigten (Paris, 6. April)

Vor zwei Monaten organisierte die Freie Arbeiterinnen- und Arbeiterunion in Berlin eine Fahrraddemonstration der ­Deliveroo- und Foodora-Beschäftigten (siehe jW vom 29. Juni). Mit der Aktion wollten Sie Druck aufbauen um die Essenlieferdienste zu Tarifverhandlungen zu bewegen. Ein erstes Gespräch mit Foodora hat am vergangenen Freitag stattgefunden. Wie lief es?

Unsere Forderungen sind noch nicht erfüllt, es werden also weitere Gespräche nötig sein. Aber Foodora ist uns in den Punkten Kostenübernahme bei den Arbeitsmitteln und Lohnerhöhungen entgegengekommen. Das Unternehmen sicherte zu, bis zum nächsten Treffen in vier bis fünf Wochen ein Modell der nach Länge der Betriebszugehörigkeit gestaffelten Lohnerhöhungen vorzulegen. Wie das genau aussehen wird, ist noch unklar.

Auch was die Übernahme von Kosten bei den Arbeitsmitteln angeht, müssen wir unsere Rechnungen noch genauer miteinander abgleichen. Wir verlangen, dass Foodora 35 Cent pro Kilometer zahlt, um den Verschleiß des Fahrrads auszugleichen. Bisher gibt es zwar die Möglichkeit, Schäden, die während der Arbeitszeit entstanden sind, in Rechnung zu stellen. Man kann sein Rad auch in einer Werkstatt selbst reparieren. Das entspricht aber nicht dem, was wir uns vorstellen, denn es geht uns nicht nur um entstandene Schäden, sondern auch um den Wertverlust der Räder durch die ständige Benutzung.

In einer Pressemitteilung vom Dienstag weisen Sie darauf hin, dass Foodora eingestanden hat, Anfang des Jahres zu viele Fahrer eingestellt zu haben. Warum entschuldigt sich das Unternehmen gegenüber der Gewerkschaft dafür, zu viele Personen beschäftigt zu haben?

Das Problem sind nicht zu viele Fahrer, sondern zu wenig Arbeit für sie. Im Frühling mussten sich viele Beschäftigte wenige Schichten teilen. Midijobber, die mit einem Verdienst von 850 Euro im Monat gerechnet haben, kamen nur auf Beträge von 500 Euro. Einige Minijobber standen ganz ohne Verdienst da. Das hat die Kolleginnen und Kollegen in existentielle Nöte gebracht. Außerdem waren die Fahrer so auch gezwungen, Schichten zu Unzeiten oder bei schlechtem Wetter anzunehmen. Foodora hat nun eingestanden, diese Situation herbeigeführt zu haben und erklärt, dass das ein Fehler war.

Wie muss man sich die Gespräche zwischen Ihrer Gewerkschaft und dem Lieferdienst vorstellen? Sechs Menschen in einem Raum, und alle tragen Anzug und Krawatte?

Foodora ist ein sehr junges Startup. Deren Vertreter gehören eher in die Kategorie »Turnschuh und Hemd«. Verhandelt haben wir mit dem ­Geschäftsführer, einem Abteilungsleiter und dem Operationsmanager. Von unserer Seite war eine ­Delegation aus drei Fahrern anwesend, dazu ich als Vertreter des Sekretariats der FAU Berlin. Wir haben länger als zwei Stunden miteinander verhandelt, wobei Foodora betont hat, dass ihnen eine gute Zusammenarbeit mit uns wichtig ist. Aber wir mussten ihnen schon klarmachen, dass viele Fahrer bereit sind, zu streiken.

Im Gegensatz zu Foodora steht Deliveroo nicht in Verhandlungen mit Ihnen. Wie wollen Sie auf die Verweigerungshaltung reagieren? Werden Sie zum Streik aufrufen?

Wir wollen sicher nicht Foodora lahmlegen, damit Deliveroo davon profitiert. Also müssen wir auch dort den Druck erhöhen. Bisher haben wir vor allem auf öffentlichkeitswirksame Aktionen gesetzt, auch um viele Fahrer zu erreichen. Nun haben wir eine solide Basis, um ökonomischen Druck auf die Unternehmen auszuüben. Was Deliveroo angeht: Wir werden in den nächsten Monaten sicherlich zu Maßnahmen greifen, die über Kundgebungen hinausgehen. Wir sind außerdem dabei, unsere Kampagne in anderen Städten vorzustellen – Hamburg, Hannover, Dresden, Leipzig und eine Handvoll weitere. Auf eine Auseinandersetzung sind wir also gut vorbereitet.

Clemens Melzer ist Pressesekretär der Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter­union (FAU) Berlin

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