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18.08.2017, 01:00:42 / Ausland

IS bekennt sich zu Attentat

13 Tote und mehr als 80 Verletzte sind die vorläufige Bilanz des Anschlags in Barcelona. Katalanische Politiker treten Rassismus entgegen

Von Mela Theurer, Barcelona
Sicherung des Tatorts: Polizeikräfte vor dem weißen Lieferwagen,
Sicherung des Tatorts: Polizeikräfte vor dem weißen Lieferwagen, der auf dem Las-Ramblas-Boulevard in Barcelona in eine Menschenmenge gelenkt wurde

Es war nicht die Frage ob, sondern wann es passiert. Nun markiert der 17. August 2017 eines der schrecklichsten Attentate, das der spanische Staat und die Stadt Barcelona je erlebt haben. Im Herzen der katalanischen Metropole, auf der symbolträchtigen Las Ramblas, raste am späten Nachmittag dieses Tages ein Transporter in die Menschenmenge. 600 Meter das Fahrzeug legte das Fahrzeug auf dem Mittelstreifen der belebten Flaniermeile zurück, bis er am Opernhaus Liceu schließlich zum Stehen kam. Seinen Anfang genommen hatte die Horrorfahrt am oberen Ende des Boulevards, nahe dem berühmten Brunnen von Canaletes. Der Fahrer des Mietfahrzeugs flüchtete zu Fuß. 13 Tote, 15 Schwer- und weitere 70 Verletzte sind die vorläufige Bilanz dieses Attentats.

Mit einem Bekenntnis des sogenannten Islamischen Staats bestätigte sich am späten Abend die Vermutung eines politisch motivierten Attentats. Augenzeugen zufolge handelte es sich um einen offensichtlich unbewaffneten Fahrer, der, nachdem der Transporter zum Stehen kam, in den an die Rambla angrenzenden Stadtteil Raval flüchtete. Die Gegend wurde wenig später von den Sicherheitskräften weiträumig abgesperrt und die umliegenden Gebäude wurden evakuiert. Bis kurz vor Mitternacht galt ein Teil der Rambla als Sperrzone – weder Anwohner noch Touristen hatten bis dahin Zutritt zu ihren Wohnungen und Hotels. Zwei Personen konnten im Laufe des Abends im Zusammenhang mit der Tat von der Polizei festgenommen werden.

Auf einer Pressekonferenz erklärte Josep Lluís Trapero, Major der katalanischen Mossos d'Esquadra, den Tathergang. Gegen 16.50 erfasste der als Waffe genutzte Transporter mehr als 100 Personen auf der Rambla. Polizei und Krankenwagen waren kurz darauf zur Stelle. Katalonienweit wurde sofort der »Antiterroristische Plan«, der für solche Fälle entwickelt wurde, von den Behörden aktiviert, so Trapero. Die beiden in Haft genommenen Personen haben laut der katalanischen Polizei direkt etwas mit dem Fall zu tun, wobei es sich bei keinem der beiden um den Attentäter handeln soll.

Einer der Verdächtigen stammt aus Ripoll, einer Kleinstadt in der Nähe Barcelonas, und ist marokkanischer Herkunft. Unbestätigten Quellen zufolge hat er sich selbst gestellt, nachdem sein Fahndungsfoto veröffentlicht worden war. Er soll erklärt haben, dass ihm seine Ausweispapiere vor kurzem gestohlen wurden. Auch Ripolls Bürgermeister äußerte sich entsprechend.

Die katalanische Polizei bringt das Attentat mittlerweile auch mit einer Explosion in einem Haus in der etwa 150 km südlich von Barcelona gelegenen Ortschaft Alcanar/Montsià am Abend des 16. August in Verbindung. Dabei wurden eine Person getötet und mehrere verletzt. Nähere Angaben machte die Polizei dazu »aus ermittlungstechnischen Gründen« nicht. Einen weiteren Toten gab es im Rahmen der Fahndung. Dabei handelt es sich laut Trapero um einen »gewöhnlichen Kriminellen«, der eine Polizeikontrolle mit seinem Auto gewaltsam durchbrochen hatte und drei Kilometer später gestellt und von den Sicherheitskräften erschossen wurde. Mit dem Rambla-Fall hatte dieses Ereignis somit nichts zu tun.

Politiker aller Parteien Spaniens verurteilten das Attentat. Kataloniens Regierungschef Carles Puigdemont kehrte umgehend aus seinem Urlaubsdomizil nach Barcelona zurück und übernahm die Leitung des kurzfristig einberufenen Krisenstabs. In einer ersten Pressekonferenz dankten sowohl er, als auch Barcelonas Bürgermeisterin Ada Colau den Einsatzkräften, Ermittlern und Rettern für ihre effiziente Arbeit. Puigdemont lobte die hervorragende Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen katalonischen und nationalen Polizeikräften. Beide Politiker machten umgehend Front gegen mögliche islamfeindliche Reaktionen. Man setze weiterhin auf Pluralität, auf eine offene und humane Gesellschaft, die verschiedenste Kulturen und Lebensweisen respektiere, erklärten sowohl Colau als auch Puigdemont. Sie bedankten sich für die große, auch internationale Solidarität mit den Menschen in Barcelona.

Auch Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy brach nach dem Attentat umgehend seinen Urlaub im galicischen Pontevedra ab und begab sich ebenso wie seine Stellvertreterin Saénz Santamaria nach Barcelona. Gegen Mitternacht verurteilte Rajoy den Anschlag und sprach in seiner Erklärung den Angehörigen sein Mitgefühl aus.

Warum trifft es jetzt gerade Barcelona? Diese Frage ist hier in aller Munde. Doch die katalanische Metropole ist eine Hauptstadt des Tourismus und damit eine Zielscheibe. Durch die unsichere Lage in nordafrikanischen Urlaubsländern wie Ägypten oder Tunesien, aber auch in der Türkei, erfuhr dieser hier einen noch stärkeren Aufschwung. Die Stadt passt in das Profil der Anschläge, die der sogenannte Islamische Staat in den letzten Jahren in Europa verübte, und dieser war trotz aller Überwachungsmaßnahmen gegen die islamische Gemeinde und einzelne Personen nicht zu verhindern. Antirassistische Gruppen in Katalonien werden nun noch mehr gefordert sein, um einer willkürlichen polizeilichen Verfolgung von Menschen mit islamischem Hintergrund entgegenzuwirken. Für die extreme Rechte und ihre Propaganda ist der Anschlag in und außerhalb Spaniens Wasser auf die Mühlen.

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