Aus: Ausgabe vom 19.08.2017, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Jennys Baby

Von Annette Riemer
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Jenny muss früh raus. Viel früher als die meisten. Und auch sonntags. Weil ihr die blöde Kaminski immer die Frühschichten reindrückt. Die ist nämlich eifersüchtig, das weiß Jenny genau und denkt es sich jedes Mal, wenn sie mit dem Rad durch die noch dunkle Stadt fährt. Denn Jenny hat ein Baby und die Kaminski nicht. Sie hätte gern eins, aber sie kann keine kriegen, hat Ramona gesagt. Und die muss es schließlich wissen, weil sie doch immer die Mittelschicht mit der Kaminski hat.

Und weil Jenny also ein Kind und immer die Frühschicht hat, hat sie auch ein Problem. Als sie noch draußen im Gewerbegebiet gearbeitet hat, war das ein ganz einfach zu lösendes Problem, da lag der Kindergarten noch auf dem Weg. Aber seit Jenny in der Filiale am Markt ist und immer die Frühschichten abbekommt, ist es schwieriger geworden. Jenny muss noch viel früher raus. Die Kleine ist dann noch nicht richtig wach und flennt und ist oft maulig. So durch den Wind muss Jenny ihren Schatz im Kindergarten abgeben. Das macht Jenny fertig. Wenn sie dann am Nachmittag das Baby abholt und noch von der Erzieherin angemeckert wird, dass es schon wieder ein paar Minuten drüber ist, hat Jenny gar keinen Nerv mehr, um sich darüber noch großartig aufzuregen. Dann ist sie einfach nur noch fix und fertig.

Wenn Jennys Mutter ihre Tochter fragt, wie es ihr geht, sagt Jenny: Wie immer. Sie weiß nicht, wie sie mit dem übermüdeten Baby nach der Arbeit noch einkaufen soll. Sie hat Angst, dass sie zu wenig Zeit mit ihm verbringt, weil sie nachmittags ja zu Hause erst mal Ordnung machen muss, statt Sprechen zu üben, besser Gehen zu üben, Trockenwerden zu üben. Jenny weint manchmal, wenn sie aufzählt, was sie alles gern mit dem Baby machen würde. Und wenn sie zum Schluss sagt, dass sie eigentlich einfach nur mal wieder ausschlafen würde, sagt ihre Mutter: Was hast du dich auch mit dem eingelassen. Bist du selber schuld dran. Und legt auf.

Jenny hat ihrem Chef einen Brief geschrieben, weil der ja nie da ist. Darin hat sie um ein paar andere Schichten gebeten. Damit sie nicht immer so früh raus muss. Es kam keine Antwort.

Dann hat Jenny die Personalabteilung angerufen. Da hieß es nur, dass man sich kümmert. Als Jenny noch mal angerufen hat, sagte die Frau, dass man schon mit der Kaminski gesprochen hätte und schon wüsste, dass sich Jenny ein bisschen schwertut mit der Filialleiterin. Und dass es vielleicht besser wäre an ihrer Stelle, den Frieden zu wahren. Und als Jenny was dagegen sagen wollte, meinte die Frau, dass die Kaminski schon viel länger dabei ist und außerdem den Chef persönlich kennt und ob Jenny denn nicht begreifen will, dass man manchmal besser die Klappe halten sollte, mal auf deutsch gesagt.

Also radelt Jenny nach wie vor kreuz und quer durch die Stadt, wenn die noch schläft. Sie bringt ihr Baby weg, und sie tütet Brötchen und Sandtaler und Landbrote ein, sie reicht Bockwürste und Kaffee über die Auslage, sie wischt die Tische und den Boden und hat bei all dem immer noch den Ofen im Blick. Und ihre Kunden: Früh kommen die Pendler, die mit dem Zug in die Stadt fahren. Dann die Bauarbeiter zum zweiten Frühstück. Dann die vom Rathaus und von der Lokalredaktion zur Mittagspause. Und dann, wenn Jenny schon fast wieder geht, die Rentner, die hier Kaffee trinken und Eclair essen und mit der Insulintasche kurz aufs Klo verschwinden.

Hinterher radelt Jenny in den Kindergarten und ist jedes Mal innerlich eine einzige Aufregung, bis sie ihr Baby wiederhat. Nicht nur, weil sie es so vermisst hat, sondern auch wegen der ganzen Kinderkrankheiten, die im Kindergarten pausenlos die Runde machen. Wenn es später mal Windpocken kriegt oder Scharlach, denkt sich Jenny, wäre das nicht weiter schlimm, dann macht sie einfach kindkrank. Aber so eine leichte Erkältung, die man nur aussitzen kann, wäre der Horror. Wegen so was bekommt Jenny nämlich nicht frei und schlägt sich trotzdem die Nächte um die Ohren, weil sie bei jedem Huster aufschreckt und die jammernde Kleine wieder in den Schlaf streicheln muss.

Insgesamt ist Jennys Alltag also ziemlich voll, und für viel mehr als Arbeit und Baby ist eigentlich kein Platz mehr. Aber da gibt es diesen Mann, der fast jeden Morgen bei Jenny seinen Kaffee und ein belegtes Brötchen holt und sie so vielsagend anlächelt und mit ihr manchmal auch flirtet. Und zwar so, dass es Jenny erst hinterher auffällt. Dann wird sie nachträglich verlegen und sogar ein bisschen rot, und noch abends, beim Wäscheaufhängen in der Stube, fragt sie sich, was das wohl für ein Mann ist. So rein grundsätzlich hätte sie ja schon Interesse an sehr viel mehr als nur einer Bekanntschaft, nur weiß sie nicht, wie das klappen könnte. Denn sie hat ja ihr Baby, und beim letzten Versuch war genau das der Grund, warum der Typ plötzlich nichts mehr von ihr wollte. Und als der Mann jetzt eines Morgens fragt, ob sie sich nicht einmal mit ihm am Nachmittag treffen will, hat Jenny zwar ganz große Lust dazu, aber eben auch ganz große Angst, dass der Mann es sich anders überlegen könnte, wenn er von ihrem Baby erfährt.

Und weil sie nicht weiß, wohin mit dem Kind, sagt sie nein. Sie sieht seine Enttäuschung, sie spürt ihre eigene Enttäuschung, und plötzlich wird ihr klar, dass sie, wenn es bei diesem Nein bleibt, den Mann für immer verliert. Er wird nie wieder mit ihr flirten, wird sie nie wieder anlächeln, ja vielleicht kommt er überhaupt nicht mehr und geht ab jetzt nur noch zu dem Bäcker in der Jüdenstraße. Und Jenny wäre wieder ganz allein in ihrer Frühschicht und hätte niemand, an den sie abends denken könnte.

Also kann es Jenny nicht bei diesem Nein belassen, und sie sagt, dass sie aber am Abend Zeit hätte. Da lächelt der Mann und sagt, dass er sie abholen wird. Jenny ist überglücklich, so sehr, dass ihr erst viel später, als die Kanalarbeiter aus der Klosterstraße zum Frühstück kommen, einfällt, dass sie ja auch am Abend ihr Kind und somit immer noch ein Problem hat.

Jenny ruft ihre Mutter an, aber die nimmt nicht ab. Jenny fragt Ramona, aber sie sagt, das ginge wohl ein bisschen zu weit, weil sie doch nur Kolleginnen und keine Freundinnen sind. Das Problem bleibt also. Jenny radelt zum Kindergarten und fühlt sich schlecht, weil sie zum ersten Mal denkt, was ihre Mutter immer sagt: dass es blöd war, sich mit einem einzulassen, der sich hinterher einfach aus dem Staub macht. Als sie ihr Baby sieht, weint Jenny, weil es trotzdem so ein wunderbares Baby ist und es doch gar nichts dafür kann, dass manche Männer solche Arschlöcher sind. Jenny beschließt, dem Mann abzusagen, wenn er abends klingelt.

Das Baby hat Husten. Nur ganz leicht, aber Jenny gibt ihm trotzdem Medizin. Nicht, dass es noch schlimmer wird. Im Badeschrank liegen auch ihre Tabletten. Eigentlich will sie nur eine gegen ihre Kopfschmerzen nehmen, aber da sind auch die bei Schlafstörungen. Jenny kommt eine Idee und sie überlegt, setzt sich auf den Wannenrand und überlegt weiter. Sie fragt sich, wie lange sie wohl außer Haus wäre und ob so eine Tablette überhaupt wirklich so schlecht sein kann für ein Kind. Denn ihr Baby ist doch gar nicht mehr so klein, und es wäre außerdem ja nur eine halbe Tablette. Und schlechte Medizin gibt es ja eigentlich auch gar nicht.

Zögerlich zerbröselt Jenny die halbe Tablette in den Brei. Beim Füttern hustet das Baby immer wieder. Da ist sich Jenny sicher, dass die Tablette eigentlich gut ist, denn das Baby braucht ja auch seinen Schlaf. Um sieben legt sie es in sein Bettchen, halb acht klingelt er. Der Mann führt sie aus, in den Jägerhof, wo sie seit einer halben Ewigkeit nicht mehr war. Er heißt Till und ist ein richtiger Kommissar, wie im Fernsehen, nur eben hier in Weißenfels und in echt, und Jenny ist ganz durcheinander, weil er so aufmerksam und höflich ist und so gut zu ihr passen würde. Sie darf es nur nicht versauen. Also redet sie nicht so viel von der Arbeit und gar nicht von ihrem Baby. Sie will ihn nicht verschrecken.

Das funktioniert auch ganz gut, aber hinterher, vor ihrer Haustür, ist da wieder das Problem mit dem Baby. Jenny schämt sich, weil sie ein Geheimnis hat und weil er sich jetzt vielleicht fragt, warum sie ihn nicht reinlassen will. Jenny kann es kaum ertragen, also küsst sie ihn schnell und verschwindet im dunklen Hausflur.

Jenny kann nicht einschlafen. Sie holt das Baby zu sich, es atmet etwas laut wegen der verstopften Nase, aber sonst scheint es ihm gut zu gehen. Jenny kann ihre Gedanken ganz auf Till konzentrieren. Sie fragt sich, ob sie interessant genug für ihn aussieht. Ob sie nicht zu ungebildet für ihn ist. Und was er eigentlich verdient. Vor allem aber fragt sie sich, wie es wohl weitergeht und wann sie ihm von ihrem Kind erzählen möchte.

Und so geht es weiter: Jenny wird wieder von dem Mann gefragt, ob sie sich mit ihm treffen will. Und diesmal sagt sie gleich ja. Und wieder gibt sie ihrem Baby eine halbe Schlaftablette in den Brei und wieder hat sie einen schönen Abend, diesmal im Alten Brauhaus. Hinterher, als sie noch ein bisschen an der Saale spazieren gehen, küsst er sie und Jenny fühlt sich wie verliebt und möchte, dass es nie aufhört und weiter geht als bis zu ihrer Haustür. Aber da ist ja noch das Kind, und auch wenn Till nichts sagt, spürt Jenny doch, dass er es komisch findet, dass er schon wieder nicht zu ihr in die Wohnung darf. Ganz verlegen windet sie sich aus seiner Umarmung.

Oben geht sie unruhig durch ihre kleine Wohnung. Ihr ganzes Leben nervt sie gerade, sie könnte sich ohrfeigen für diese Dummheit, die ihr jetzt alles versaut. Sie flucht und fragt sich, was das eigentlich für ein Leben sein soll, in dem sie doch eigentlich gar nicht richtig vorkommt. Als das Baby wach wird und wie wild hustet, wird Jenny alles klar. Es wird immer so weitergehen, sie wird immer zurückstecken und allein bleiben, einfach nur funktionieren. Ein ganz mickriges Leben wird sie haben, wenn sie nicht dafür sorgt, dass es anders wird.

Und das möchte sie ja. Sie weiß doch, dass Till ganz anders ist. Und zu dritt hätte sie doch eine ganz andere Chance. Auch für das Baby würde sich so viel ändern, alles zum Guten.

Sie darf jetzt bloß nicht wieder kneifen, weil es gerade so schwierig ist, alles unter einen Hut zu bekommen. Sie muss jetzt auch mal an sich denken, macht sie sich klar. Sonst wird das nichts.

Also lässt sie das Baby erst in seinem Bettchen, damit es sich gleich einmal daran gewöhnt, dass nicht alles im Leben ein Spaziergang ist. Aber dann hat Jenny doch Mitleid, und dann ärgert sie sich wieder, weil sie Mitleid hat. Als es ihr mit dem hustenden Kind und ihrer unklaren Gefühlslage eindeutig zu bunt wird, bröselt sie eine ganze Tablette in den kleinen Mund. Mit einem Schluck Tee bringt sie die Medizin nach hinten. Bald schläft die Kleine wieder ein und Jenny atmet auf. Sie ist sich sicher, dass das mit den Schlaftabletten viel besser klappt als mit dem Hustenstiller.

Till ist zwar am nächsten Tag wieder im Laden, aber irgendwie ist er anders. Er fragt sie nicht, ob sie sich treffen wollen, und Jenny kriegt Angst. Vielleicht hat er ja schon keine Lust mehr auf sie, vielleicht merkt er auch, dass sie ein Geheimnis hat und nicht ganz so offen sein kann. Vielleicht möchte er auch, dass sie einmal etwas vorschlägt.

Jenny versteht nicht, was in Till vor sich geht, und zu fragen traut sie sich nicht. Das könnte sie nicht mal, wenn keiner sonst im Laden wäre. Sie zwingt sich zu einem Lächeln und fragt, ob sie wieder ausgehen wollen. Und er sagt, dass er schon etwas vorhat an diesem Abend, was sich für Jenny wie ein Stich anfühlt. Aber morgen vielleicht, fragt sie und schaut ihn ganz flehend an. Er seufzt und sagt schließlich zu und Jenny ist erlöst.

Ganz sicher war er nur überarbeitet und etwas maulfaul, denkt sie sich. Und ganz bestimmt muss er auch mal seine Freunde treffen oder einfach nur seine Ruhe haben, redet sie sich ein. Das ist ganz normal und hat nichts zu sagen. Sie darf da keine Verbindung ziehen. Er hat halt einfach nur keine Zeit, aber Lust hätte er bestimmt, wie an den Abenden zuvor auch. Da ist sich Jenny sicher.

Aber eben nicht so ganz, und deshalb ist sie sehr nervös. Sie möchte Till nicht verlieren, bevor sie ihn überhaupt richtig kennengelernt hat. Vor allem möchte sie nicht wieder allein sein. Deshalb muss der nächste Abend einfach wunderbar werden. Zur Not möchte es Jenny erzwingen, dieses verdammte Glück. Und so greift sie zu den Tabletten und zerkleinert anderthalb von ihnen und mischt sie unter den Brei. Jenny weiß, dass die Medizin nicht schaden kann. Sie möchte nur herausfinden, wie lange die Kleine mit anderthalb Tabletten schläft.

Und das Baby schläft wirklich durch. Aber Jenny nicht. Weil sie weiß, dass das sehr starke Tabletten sind, die sie eigentlich nur nimmt, wenn sie Migräne hat. Und hinterher fühlt sie sich immer wie erschlagen, weil diese Medizin einen ganz eigenartigen Schlaf macht. Und es muss ja sein, denkt sie sich, weil sie doch erst einmal diesen Till für sich gewinnen muss, bevor sie ihn und sich und die Kleine zu einer Familie zusammenfügen kann. Und es ist ja nur für diesen einen Abend, sagt sie sich immer wieder, obwohl sie eigentlich weiß, dass diese Geschichte schon eine ganze Weile geht.

Am nächsten Abend läuft erst einmal gar nichts, wie es soll. Zuerst macht sich Jenny ihr hübsches Sommerkleid in der Küche schmutzig, dann wollen die Haare nicht so wie sie. Und immer hustet das Baby. Jenny hört da sofort die kommende Erkältung heraus. Eine Woche wird das jetzt mindestens so weitergehen, das weiß sie. Und sie muss, muss, muss der Kleinen ja ihre Medizin geben, denn wenn sie morgen früh so hustet, nimmt sie der Kindergarten nicht, und dann darf sich Jenny wieder von der blöden Kaminski anhören, dass sie doch ihr Kind irgendwo unterkriegen muss, weil das doch nicht geht, dass Jenny nie zur Arbeit kommt. Jenny muss handeln und gibt der Kleinen ein Nasenspray und einen Hustenstiller und etwas gegen das Fieber und zwei ganze Schlaftabletten, zur Sicherheit. Dann legt sie das Baby ins Bett und geht.

Der Abend wird dann noch. Mit Till vergisst Jenny ihre Sorgen. Sie essen in der Schnitzelschmiede und spazieren durch die dunkle Stadt. Er war wirklich nur müde, ist sie sich sicher, als er sie so umwirbt und ihr solche tollen Komplimente macht. Später, auf seinem Sofa, muss Jenny erst einmal für einen kurzen Moment die Augen schließen vor Glück. Sie kann das ja gar nicht fassen.

Dann geht alles sehr schnell. Am Morgen, wieder zu Hause, liegt die Kleine immer noch im Bett, reglos und so merkwürdig blass. Sie hat keinen Puls, in ihrem Mund ist gelber Schaum. Jennys panische Schreie alarmieren die Nachbarn. Sanitäter kommen, der Notarzt ist da, aber sie bringen die Kleine nicht in die Klinik. Sie ist schon tot.

Jenny kommt in Untersuchungshaft, weil sie verdächtigt wird, ihr Baby mit Medikamenten umgebracht zu haben. Ob mit Absicht oder fahrlässig, soll der Richter entscheiden. Die Polizei ermittelt. Der Kommissar wird ihr offiziell vorgestellt und heißt Till Thamm und hat in der Nacht zuvor noch mit ihr geschlafen. In seinem Büro sieht er kleiner aus. Als sie miteinander reden, tut er so, als ob sie sich noch nie begegnet wären. Dann schickt er die Kollegen raus. Er stellt das Tonband ab.

Warum hast du das gemacht, fragt er.

Weil ich wollte, dass du dich mit mir triffst, sagt Jenny ehrlich.

Aber warum hast du denn nicht gesagt, dass du ein Kind hast, fragt er.

Hättest du dich dann noch mit mir treffen wollen, entgegnet Jenny.

Natürlich, sagt er. Da sieht sie ihn mit einem überraschten Blick an und er schaut wieder auf seinen Notizblock.

Der Gerichtsmediziner stellt fest, dass die Kleine wegen der Medikamente gestorben ist. Jenny sagt nichts dazu, die Tonbänder im Verhörzimmer bleiben leer. Die Leiche wird freigegeben, und Jennys Mutter sorgt dafür, dass sie eingeäschert und begraben wird. Ganz schnell, damit sie nichts mehr an Jenny erinnert, sagt sie ihr. Und dass sie nie wieder etwas mit ihr zu tun haben will, sagt sie ihr noch und verlässt den Besucherraum, ohne sich nach Jenny umzusehen. Jenny sagt nichts zu all dem.

Jenny kann nicht begreifen, dass ihre Kleine tot sein soll. Sie kann sich nicht verzeihen, was sie gemacht hat, und weiß nicht, was sie anders hätte machen sollen. Sie kann nicht verstehen, warum sie auch zur Beerdigung ihres Babys in Haft bleiben muss.

Die Gerichtsverhandlungen sind sehr kurz. Inzwischen ist der Gerichtsmediziner sicher, dass die Kleine einen Herzfehler hatte und daran gestorben ist. Die Medikamente haben damit nichts zu tun. Und Jenny hätte dem Kind auch nicht helfen können, wenn sie da gewesen wäre. In dem Bericht steht: Plötzlicher Kindstod.

Jenny kommt frei und versteht nicht, warum. Sie traut sich nicht auf den Friedhof, aus Scham. In der Zeitung steht, wie schlimm das alles für sie sein muss, weil sie so lange verdächtigt wurde, ganz zu Unrecht. Auf Arbeit sehen sie alle ganz mitleidig an, sogar die blöde Kaminski. Plötzlich bekommt Jenny auch mal eine Mittelschicht und versteht nicht, was ihr das jetzt noch nützen soll.

Till kommt nicht mehr vorbei. Jenny denkt, dass sie bei allem Pech hat. Sie denkt an die Schlaftabletten, aber sie nimmt sie nicht. Weil dann Schluss wäre und das zu einfach ist. Also lebt sie weiter und fährt zur Arbeit und wieder nach Hause. Und sonst nichts. So geht das immer weiter mit ihr, jeden Tag. Sie fragt sich nichts mehr, und sie wünscht sich nichts mehr. Aber sie macht immer nach Feierabend den Umweg am Friedhof entlang, und da steigt sie ab und schiebt das Rad langsam am Eingang vorbei und geht dann aber doch nie rein. Und dann steigt sie wieder auf und fährt weiter durch ihr mickriges Leben.

Annette Riemer, geboren 1988 in Halle, ist Schriftstellerin. Sie veröffentlicht in Häuptling eigener Herd, Neues Deutschland, Wiener Zeitung, Mitteldeutsche Zeitung und Das Blättchen.

In junge Welt erschien von ihr zuletzt in der Ausgabe vom 17./18. Dezember 2016 die Geschichte »Flüchtlingshelfer Schlademann«

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Stefan Dorl: Großes Lesevergnügen Vielen Dank für den erneuten Abdruck einer Erzählung von Annette Riemer! Ihre Geschichten aus den sozial prekären Milieus lese ich immer mit großem Interesse. Sie sind einfach wunderbar mitfühlend ges...

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