Aus: Ausgabe vom 19.08.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Trump will Ruhe

Von Arnold Schölzel

Bei Hofe in Washington geht’s wieder munter zu. Der Chef rastet regelmäßig öffentlich aus, obwohl er laut Internetportal Vice zweimal täglich Aktenordner mit ausschließlich positiven Nachrichten über sich erhält. Seine Differenzierungsfähigkeit hat aber nicht gelitten. Wenn ein US-Neonazi in eine Menschenmenge rast, nennt er das nicht Terror, sondern erklärt die Opfer für mitschuldig. Fährt in Barcelona ein Killer, der, gemessen an der Tat, ebenfalls eine faschistische Gesinnung hat, in eine Menschenmenge, dann rät er per Twitter zu studieren, was US-General John Pershing (1860–1948) einst mit Gefangenen gemacht habe: »Es gab für 35 Jahre keinen radikalislamischen Terror mehr!«

Die Episode, die Trump schon im Wahlkampf mehrfach erzählte, für die es aber keine Belege gibt, geht ungefähr so: Pershing habe 1911 als Gouverneur auf den Philippinen, die im Krieg zwischen den USA und Spanien 1898 auf klassisch-imperialistische Weise von den Vereinigten Staaten geklaut worden waren, 50 muslimische Gefangene aufstellen lassen, Gewehrkugeln in Schweineblut getunkt, 49 Gefangene erschießen lassen und zum 50. gesagt: »Wir lassen dich laufen. Geh zu deinen Leuten und erzähl ihnen, was wir gemacht haben!« Danach soll jene »Ruhe« geherrscht haben, die sich der Oberkommandierende im Oval Office erträumt – wie einst und gegenwärtig wieder jeder Kolonialschlächter oder jede Kolonialschlächterin zwischen Berlin und Washington.

Wie der Herr, so’s Gescherr. Am Mittwoch veröffentlichte die als linksliberal geltende Internetseite American Prospect einen Text des Journalisten und Wissenschaftlers Robert Kuttner, in dem er ein Gespräch mit Trumps Chefberater Stephen Bannon wiedergab. Der Herr, der eine Karriere als Leiter des Internetportals Breitbart hinter sich hat, über das er gern Faschisten zu Wort kommen ließ, gibt selten Interviews. Das Motiv für seinen Anruf bei Kuttner bleibt unklar. Bannons Rauswurf war allerdings seit Montag in US-Medien für dieses Wochenende angekündigt worden. Er gab jedenfalls das von sich, was als Klartext gilt. Kernpunkt: Die USA müssen gegenüber China eine härtere Gangart einschlagen. Die Gegner seiner Politik in Außen-, Verteidigungs- und Finanzministerium bedachte er mit: »Sie machen sich in die Hosen.« Er und Kuttner aber, der gerade einen entsprechenden Artikel veröffentlicht hatte, säßen in dieser Hinsicht in einem Boot. Bannon: »Wir befinden uns mit China in einem Wirtschaftskrieg.« Und: »Einer von uns beiden wird in 25 oder 30 Jahren ein Hegemon sein, und es werden sie sein, wenn wir weiter den gleichen Weg verfolgen. Mit Korea klopfen sie nur bei uns an.« Das sei eine »Nebenshow«. Nach Bannon ist laut Kuttner ein Deal mit Nordkorea möglich, der Inspektionen und den Rückzug der US-Truppen aus Südkorea vorsieht. Wörtlich: »Es gibt keine militärische Lösung, vergessen Sie’s.« In den ersten 30 Minuten eines Krieges mit Nordkorea würden zehn Millionen Menschen in Seoul durch konventionelle Waffen sterben. Er versuche in der Administration das »Wunschdenken« zu bekämpfen, China könne durch Rücknahme der Beschwerden über seine Handelspraktiken zum »ehrlichen Makler« bei der Zügelung Kims werden: »Für mich ist der Wirtschaftskrieg mit China alles. Und wir müssen uns wahnsinnig darauf konzentrieren.«

Kurz nach Veröffentlichung solcher Sätze erklärten drei Minister Trumps und der US-Generalstabschef, selbstverständlich bleibe die militärische Option gegen Nordkorea auf dem Tisch. Bannon, der in dem Gespräch seine ehemaligen Nazikumpane als »Loser« bezeichnet, weist offenbar auf etwas hin, das im US-Establishment tabu ist: den Bedeutungsverlust der USA. Trump soll’s richten. Der ist allerdings, wie er nachgewiesen hat, jederzeit gut für Pershings »Lösungen«, für »Ruhe«, langfristige.

Bannon, der seine ehemaligen Nazikumpane als »Loser« bezeichnete, weist offenbar auf etwas hin, das im US-Establishment tabu ist: den Bedeutungsverlust der USA. Trump soll’s richten.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Wochenendbeilage