Aus: Ausgabe vom 19.08.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Wenn es auf der Bank kein Geld mehr gibt

Venezuelas Finanzinstitute geben ihren Kunden kaum noch Bares. Davon profitieren dubiose Händler

Von André Scheer
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Geschäft mit Geld: Ein Devisenhändler in Maicao an der Grenze zu Kolumbien (18.8.2015)

In Venezuela wird das Bargeld knapp. Ende vergangenen Jahres hatte Präsident Nicolás Maduro angekündigt, die Banknoten mit dem bis dahin höchsten Nennwert von 100 Bolívares aus dem Verkehr zu ziehen und an ihrer Stelle solche für 5.000, 10.000 und 20.000 Bolívares einzuführen. Doch die Operation endete in einem Fiasko – bis heute sind offenkundig nicht genügend der neuen Scheine eingetroffen. Doch angesichts der hohen Inflationsrate und rasant steigender Preise brauchen die Menschen mehr Geld.

Medienberichten zufolge sind die meisten Geldautomaten leer, vor den anderen bilden sich lange Schlangen. Viele Banken haben Obergrenzen festgelegt, bei ihnen kann man am Tag nur noch 20.000 oder 30.000 Bolívares abheben. Für eine solche Summe jedoch bekommt man in Venezuela nicht mehr viel – sie reicht auf dem Schwarzmarkt für ein Kilo Reis oder zwei Kilo Maismehl. Zudem wird die Summe oft auch noch in Scheinen zu 10 oder 20 Bolívares ausgezahlt – die Bankkunden müssen mit Taschen voller Geld abziehen. In vielen Geschäften weigern sich die Verkäufer inzwischen, es anzunehmen, da sie einfach nicht wissen, wo sie die Berge fast wertloser Banknoten lagern sollen.

Prompt hat sich aus dieser Krise ein neuer Geschäftszweig gebildet. Händler tauschen die alten kleinen in neue große Scheine um oder lösen Schecks ein – berechnen dafür aber Gebühren, die Medienberichten zufolge oft 20 und im Extremfall bis zu 30 Prozent der Summe ausmachen. In Internetforen und alternativen Medien fragen viele Venezolaner, warum dieses offensichtlich illegale Geschäft geduldet wird. Es gilt als ausgemacht, dass hohe Funktionäre der Zentralbank und der staatlichen wie privaten Finanzinstitute in diese Praktiken verwickelt sind. So fragt Alexis Arellano auf dem Internetportal Aporrea: »Es gibt kein Geld auf den Banken, aber die Betrüger der Parallelbank verkaufen täglich Millionen und Abermillionen Bolívares. Man muss sich also fragen: Woher haben sie das Geld? Wenn wir alle wissen, wer und wo sie sind, warum werden sie dann nicht festgenommen? Wer beschützt sie? Ist es denn so schwer, ihre Konten zu prüfen und festzustellen, woher das Geld stammt, das sie anhäufen?«

Die Kommunistische Partei Venezuelas (PCV) hat die verfassunggebende Versammlung aufgerufen, sich um die Frage der »Parallelbanken« zu kümmern. Politbüromitglied Carlos Aquino sagte am vergangenen Montag bei der wöchentlichen Pressekonferenz seiner Partei in Caracas, offensichtlich seien die Konten der Venezolaner eingefroren worden, ohne dass dies von der Regierung verkündet worden sei. Die von den Banken festgelegten Obergrenzen hätten nichts mit der Realität des Lebens in Venezuela zu tun. »In dem Maße, wie den Arbeitern Beschränkungen beim Zugang zu ihren Ersparnissen auferlegt werden, werden sie gezwungen, an den Verkaufsstellen auf die sogenannten Bargeldvorschüsse zurückzugreifen, für die ihnen Gebühren von bis zu 20 Prozent berechnet werden.« Er verlangte von der Constituyente, sich des Themas anzunehmen und es grundsätzlich zu lösen.

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