Aus: Ausgabe vom 11.08.2017, Seite 8 / Ansichten

Passgestalter des Tages: Mariusz Blaszczak

Von Reinhard Lauterbach
RTS7KJ3.jpg

Nach außen sehen die Pässe der Bürger von EU-Staaten einheitlich langweilig aus: bordeauxrot, nur die Unterzeile weist aus, welcher der Mitgliedsstaaten das Dokument ausgestellt hat. Im Innern dagegen dürfen sie sich austoben. In Deutschland zieren die Seiten, die für die Visa vorgesehen sind, ästhetisch eher unauffällige Bundesadler. Polen dagegen hat vor, diese Chance zur Kreativität und zum Setzen eigener Akzente zu nutzen, solange es der EU weiterhin angehört und an der Gestaltung des Deckels nichts ändern kann.

Also veranstaltet der für die Personaldokumente zuständige Innenminister Mariusz Blaszczak einen landesweiten Wettbewerb um die schönsten, »polnischsten« Motive für die künftigen polnischen Pässe. 13 Motive sind auf einer Internetseite des Ministeriums für eine Onlineabstimmung vorgeschlagen, die sechs erfolgreichsten sollen tatsächlich in eine neue Passserie eingebracht werden, die nächstes Jahr zum 100. Jubiläum der polnischen Unabhängigkeit ausgegeben werden soll. Denn »Völker haben einen Charakter, und unser polnischer Pass bekommt endlich eine Seele« – so ein Professor, der das Projekt als »Experte« begleitet.

Na gut, soll der Pass halt seelen. Auffallend nur, dass zwei der 13 Motive Orte zeigen, die heute gar nicht mehr zu Polen gehören: einen polnischen Heldenfriedhof im ukrainischen Lwiw und das »Scharfe Tor« in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Das »Scharfe Tor« steht derzeit auf Platz zwei der Abstimmung, hat also gute Chancen. Das sorgte dort und in Kiew für wenig amüsierte Reaktionen. In beiden Ländern wurden die polnischen Botschafter einbestellt und mussten sich Revanchismusvorwürfe anhören. Jetzt warten wir nur noch darauf, dass die Bundesrepublik demnächst das Rathaus von Breslau oder die Marienburg in die Pässe druckt und Polen den Berliner Botschafter vorlädt.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Ansichten
  • Kurswechsel von Venezuelas Opposition
    André Scheer