Aus: Ausgabe vom 11.08.2017, Seite 6 / Ausland

EU-finanzierter Hassprediger

Vertretung der Europäischen Union lässt in ihrem Werbevideo israelischen Rassisten auftreten

Von Gerrit Hoekman
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Opfer des israelischen Kriegs: Eine Mutter trauert um ihren getöteten Sohn in Gaza (28.7.2017)

Gut gemeint ist nicht selten das Gegenteil von gut gemacht. Die Erfahrung machte in den vergangenen Tagen auch die Vertretung der EU in Israel. Um die Israelis davon zu überzeugen, dass Europa auf ihrer Seite steht, gab sie ein Werbevideo in Auftrag. »Die Europäische Union. Du denkst, dass sie antiisraelisch ist? Lass mich dich überraschen«, lockt dort Avischai Ivri die Zuschauer. »Die EU ist der beste Nachbar, den wir haben.«

Jedes Jahr kämen zwei Millionen Europäer als Touristen nach Israel, die EU sei ein riesiger Absatzmarkt für Produkte aus Israel. »Sie lieben den israelischen Export und wir lieben ihren!« säuselte Ivri in die Kamera. Er lobte die gute Zusammenarbeit zwischen Israel und der EU auf technologischem Gebiet und bei der Internetsicherheit.

Dennoch holte die EU das Rührstück europäisch-israelischer Freundschaft vergangene Woche offline. Der Grund: In einem Bericht vom 3. August hatte das Internetportal Electronic Intifada (EI) den politischen Hintergrund des Protagonisten Avischai Ivri offengelegt. Auf seinem Konto beim Kurznachrichtendienst Twitter hetzt er regelmäßig gegen Palästinenser und ruft unverblümt dazu auf, sie zu töten.

Offenbar machte sich bei der EU in Tel Aviv niemand die Mühe, ein wenig über Avischai Ivri zu recherchieren, oder niemand dort versteht Hebräisch. Es wäre gar nicht schwer gewesen, ihm auf die Schliche zu kommen, denn Ivri macht im Internet aus seinem Herzen keine Mördergrube. Die Westbank nennt er »Judäa und Samaria«, wie es die militanten Siedler tun. Sollten die Palästinenser nicht kooperieren, könne man sie auch auf Lkw packen und fortschaffen, droht er.

Einen Tag, nachdem die israelische Luftwaffe am 14. November 2012 damit begann, eine Woche lang den Gazastreifen zu bombardieren, jubelte Ivri auf Twitter: »Scheiß drauf, löscht Gaza aus!« Ein paar Tage später twitterte er: »Hier ist eine Strategie, die wir noch nicht ausprobiert haben: 1.000 Araber umbringen für jeden einzelnen aus unserem Volk, der getötet wird.« Ein Mittel, von dem unter anderem die Nazis im Zweiten Weltkrieg reichlich Gebrauch machten. »Ich glaube, sie schulden uns noch 5.000 für die letzte Woche«, höhnte Ivri.

»Es gibt keine palästinensische Nation«, behauptete er laut EI im vergangenen Februar. Noch kurz vor der Veröffentlichung des Werbevideos auf der Facebook-Seite der EU-Vertretung twitterte er im Mai: »Im Staat Israel wird sich in 500 Jahren niemand mehr daran erinnern, dass es mal eine Sache gab, die man Palästinenser nannte.«

Avischai Ivri ist laut Electronic Intifada Autor des ultrarechten Internetkanals Latma, der einmal die Woche eine spaßig gemeinte Nachrichtensendung veröffentlicht, die im Stil des früheren RTL-Formats »Samstag Nacht« agiert. Der Name bedeutet auf arabisch »Backpfeife«. Der Sender mache vor allem Witze über Palästinenser und verbreitet dabei üble rassistische Vorurteile, so EI. Latma selbst will der politischen Linken ihre angebliche Hoheit über die Satire streitig machen.

In einer Mail an die Redaktion von EI beruhigte am vergangenen Freitag ein Sprecher der EU-Botschaft in Tel Aviv: »Die persönlichen und politischen Ansichten von Herrn Ivri, von denen einige klar gegen die Positionen und Standards der Europäischen Union stehen, sind natürlich seine eigenen.«

Ein wenig dürftig, die Erklärung, findet EI. »Abgesehen von der Entfernung des Videos hat es die EU vermissen lassen, den Aufruf zum Genozid gegen die Palästinenser zu verurteilen«, schreibt das Portal am 4. August. Leider schweige die EU-Vertretung dazu, wie und warum sie Ivri überhaupt für den Werbefilm engagiert habe. »Die EU hat sich bis jetzt weder entschuldigt noch die Verantwortung übernommen«, zeigt sich EI enttäuscht von der schmallippigen Reaktion. Auch eine Anfrage von junge Welt zu diesem Thema ließ die EU-Vertretung bisher unbeantwortet.

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