Aus: Ausgabe vom 11.08.2017, Seite 5 / Inland

Erschöpft und überlastet

DGB: Abhängig Beschäftigte leiden unter wachsendem Arbeitsdruck. Politik und Kapital fordern noch mehr Flexibilität

Von Susan Bonath
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Schöne neue Arbeitswelt: Digitalisiert, gestresst, überwacht (fabrikartiger Bürokomplex in Frankfurt am Main)

Immer effektiver, flexibler, stets einsatzbereit: Während die einen auf der Straße sitzen und von den Jobcentern gegängelt werden, wächst auf der anderen Seite der Stress der Beschäftigten in der zunehmend digitalisierten Arbeitswelt. Mehr als die Hälfte der Lohnabhängigen (52 Prozent) fühlt sich sehr häufig übermäßigem Zeitdruck ausgesetzt. Das belegt eine aktuelle Sonderauswertung einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) für das Jahr 2016.

Der Großteil der Beschäftigten, die sich übermäßig gestresst fühlten, gab an, Arbeitsbelastung und Arbeitsmenge würden mit zunehmender Digitalisierung steigen. So müssten sie zum Beispiel mehr Aufgaben gleichzeitig bewältigen. Den Angaben zufolge erklärten 46 Prozent der Befragten, mit der Zunahme der technischen Möglichkeiten würden Vorgesetzte sie auch verstärkt am Arbeitsplatz kontrollieren. Von den gerne gelobten vermeintlichen Vorteilen der technischen Entwicklung, etwa dass Beschäftigte mobiler arbeiten und so Familie und Beruf besser vereinbaren könnten, kommt demnach bei den meisten Beschäftigten nichts an. 80 Prozent der Befragten äußerten, sie hätten nicht mehr oder sogar noch weniger Freizeit als vorher. Fast zwei Drittel (63 Prozent) beklagten einen Personalnotstand in ihrem Betrieb. Zuviel Arbeit müsse von immer weniger Mitarbeitern bewältigt werden. 45 Prozent sagten, sie fühlten sich häufig oder oft ohnmächtig gegenüber der sich ständig erneuernden Technik.

»Wo in starkem Maße mit digitalen Mitteln gearbeitet wird, ist der Anteil der von Störungen und Unterbrechungen betroffenen Beschäftigten doppelt so hoch wie bei nicht digitaler Arbeit«, resümierten die Autoren. Außerdem hänge »die Mehrbelastung zu einem beträchtlichen Teil mit der Anforderung zusammen, ständig für den Arbeitgeber erreichbar zu sein«. Arbeit und Freizeit würden sich zunehmend vermischen. Hinzu komme, dass in den besonders betroffenen Berufen überdurchschnittlich viele Frauen arbeiteten.

Auffällig sei zudem: »Je stärker digitale Mittel zum Einsatz kommen, desto höher ist der Anteil der Überstunden«. So sei in Berufen mit geringer Digitalisierung knapp die Hälfte der Befragten von regelmäßigen Überstunden betroffen, bei denen mit einem hohen Digitalisierungsgrad seien es hingegen mehr als zwei Drittel. Nach einer Auswertung des Statistischen Bundesamtes leisteten Beschäftigte in Deutschland 2016 insgesamt knapp eine Milliarde Überstunden und somit etwa 52 Millionen Stunden mehr als im Jahr zuvor.

Es laufe etwas schief mit der Digitalisierung, wenn die Beschäftigten sie nicht als Entlastung, sondern als Intensivierung der Arbeit erlebten, kritisierte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach die Entwicklung. »Die Befragung zum DGB-Index ›Gute Arbeit‹ zeigt, dass die ohnehin schon weitverbreiteten psychischen Belastungen bei den hochgradig digitalisiert Arbeitenden noch häufiger auftreten«, so die Gewerkschafterin. Der starke Anstieg psychischer Erkrankungen sei der Beleg, dass die gegenwärtige Entwicklung die Gesundheit gefährde. Buntenbach forderte, die Wirtschaft müsse den Fortschritt dazu nutzen, um »die Arbeitswelt menschengerechter zu gestalten«.

Doch die Unternehmerverbände sind da offenbar völlig anderer Meinung. Alles läuft derzeit darauf hinaus, dass sie nach der Bundestagswahl im September gemeinsam mit den Unionsparteien, der FDP, der AfD und wohl auch mit der SPD einen neuen Anlauf starten, der den einst hart erkämpften Achtstundentag kippen könnte. Bisher sieht das Arbeitszeitgesetz eine tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden vor. Bereits seit Jahren fordert die Bundesvereinigung deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) zusammen mit CDU und FDP eine entsprechende »Reform« der gesetzlichen Regelung, um die Arbeitszeit ausweiten zu können. Erst im März hatte sich die BDA etwa darüber beklagt, dass Deutschland zu den Ländern mit den niedrigsten tariflichen Arbeitszeiten gehöre. Globalisierte Märkte ließen dies aber nicht länger zu, so die Unternehmerlobby.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) ist solchen Vorschlägen nicht abgeneigt. Bereits 2016 hatte sie einen »Modellversuch zur Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes« angekündigt. Erste Gespräche für eine geplante zweijährige Testphase mit den Unternehmen fanden bereits statt. Das Vorhaben scheiterte vorerst an der Union. Allerdings nicht, weil diese es grundsätzlich ablehnt. Nahles habe »das Ganze als Änderungsantrag, angehängt an das Bundesversorgungsgesetz, durchbringen wollen, anstatt ein eigenes Gesetz zu machen«, zitierte Springers Welt dazu am Dienstag den CDU-Bundestagsabgeordneten Karl Schiewerling. Das habe seine Fraktion »trotz Sympathie für den Vorstoß« nicht unterstützen können.

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