Aus: Ausgabe vom 10.08.2017, Seite 16 / Sport

Der Darm war’s

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Am Boden: Die deutschen Leichtathleten zeigen bei der WM in London bislang ernüchternde Leistungen

London. Pleiten für die Stars Robert Harting, David Storl und Raphael Holzdeppe, nur wenige Lichtblicke wie Carolin Schäfer und Gina Lückenkemper: Den deutschen Leichtathleten droht bei der WM in London ein historischer Misserfolg. Zur Halbzeit steht nur die Silbermedaille von Siebenkämpferin Schäfer auf der Habenseite. »Ich habe keine Ahnung, woran es gelegen hat. Das muss ich jetzt erst mal herausfinden«, sagte der frühere Weltmeister Holzdeppe, nachdem er im Stabhochsprungfinale für das jüngste deutsche Debakel gesorgt hatte. Holzdeppes Ratlosigkeit ist typisch für die deutschen Athleten: Erklären kann sich kaum jemand, was da gerade richtig schiefläuft. Nachdem Katharina Molitor, die vor zwei Jahren in Beijing Gold geholt hatte, im Speerwurffinale nur auf Platz sieben gelandet war, gibt es keinen amtierenden Weltmeister aus Deutschland. Das deutsche Allzeittief liegt bei viermal Edelmetall – 2003 in Paris gab es einmal Silber und dreimal Bronze.

Auch in der sportlichen Führung sorgt die Vorstellungen der ersten Meisterschaftshälfte für Rätselraten, schließlich konnte kaum ein Athlet seine Bestleistungen wiederholen. Chefbundestrainer Idriss Gonschinska hält die im Teamhotel grassierenden Magen-Darm-Erkrankungen für mitursächlich. »Das beeinflusst das Team schon. Wir sind mit anderen Voraussetzungen angereist. Ich habe so etwas noch nie erlebt«, sagte Gonschinska der ARD. Auffällig ist, dass für die wenigen Erfolgserlebnisse vor allem junge und unbekümmerte Athleten verantwortlich zeichnen. Lückenkemper sprintete im Vorlauf die 100 Meter in 10,95 Sekunden, so schnell wie keine andere Deutsche im vergangenen Vierteljahrhundert, ehe sie im Halbfinale Lehrgeld zahlte. 1.500-m-Läuferin Hanna Klein wuchs über sich hinaus und fand sich plötzlich im Finale wieder.

Medaillen aber sind von ihnen nicht zu fordern. Und um die geht es bei Weltmeisterschaften und im Kampf um finanzielle Mittel immer noch vorrangig – auch wenn die DLV-Spitze das Thema abtut. »Ich wehre mich auch dagegen, dass man die sportliche Bilanz in der Auswertung der Medaillen vornimmt«, hatte Präsident Clemens Prokop am Tag vor dem WM-Auftakt gesagt: »Die Bilanz wird aus einer Vielfalt von Aspekten gezogen.« Die Speerwerfer um Thomas Röhler und die Zehnkämpfer sollen nun retten, was noch zu retten ist.(sid/jW)

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