Aus: Ausgabe vom 10.08.2017, Seite 7 / Ausland

Schwarze Vergangenheit

Wie bedrohlich ist der Faschismus für Italiens politische Zukunft?

Von Gerhard Feldbauer
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Faschisten salutieren vor dem Sarg von Romano Mussolini, dem Sohn des Diktators, bei seiner Beerdigung in Rom am 4.2.2006

Die mailändische Zeitung L'Espresso warnt nach einer Meinungsumfrage vor einer möglichen Rückkehr einer faschistisch-rassistischen Allianz bei den Parlamentswahlen im Februar 2018. Drei Beiträge widmete die renommierte Wochenschrift der Diskussion, warum die »schwarze Vergangenheit« so unüberwindbar scheint. Das Fazit: Die »Abrechnung mit dem Faschismus« beschränkte sich auf die Hinrichtung von Exdiktator Benito Mussolini sowie einiger anderer Faschistenführer. Denn bereits ein Jahr danach konnte die Mussolini-Partei trotz eines Verbots in der Verfassung in Gestalt der faschistischen Partei Movimento Sociale Italiano (»Italienische Sozialbewegung«, MSI) wiederauferstehen. Laut L’Espresso eines der »ungelösten Probleme, die Italien heute belasten«. Dazu verfolgt die Zeitung die Spur einiger »schwarzer Extremisten« und widmet sich den von ihnen begangenen Terroranschlägen, mit denen sie wieder ein faschistisches Regime an die Macht putschen wollten. Meist ohne Konsequenzen für die Verschwörer, da »Komplizen und Protegés im Staatsapparat, den Geheimdiensten, der Polizei und der Justiz« die Straftäter schützen konnten.

Paradebeispiele sind Franco Freda und sein Komplize Giovanni Ventura, die im Dezember 1969 den Bombenanschlag auf die Mailänder Landwirtschaftsbank an der Piazza Fontana ausführten – 17 Tote, 88 Verletzte. Drei Jahre vergingen bis zu ihrer Verhaftung. Freda, der 1978 für 16 Attentate zu gerade mal 15 Jahren Haft verurteilt worden war, kam nach acht Jahren wieder frei. Ungehindert gründete er den neofaschistischen »Fronte Nazionale« sowie einen ultrarechten Verlag. Ventura konnte nach Argentinien entkommen. Von den zahllosen Bombenlegern, die bis in die 1980er Jahre Dutzende Anschläge begingen, seien heute nur noch zwei im Gefängnis, so L’Espresso.

Die römische Tageszeitung La Repubblica und sogar internationale Medien berichten immer wieder von den regelmäßigen, tagelangen Ehrenwachen in Predappio in der Emilia Romagna, wo Mussolini am 29. Juli 1883 geboren wurde. Neofaschisten und Rassisten feiern in Schwarzhemden, unter keltischen Symbolen und Hakenkreuzen sowie mit dem »römischen Gruß« (Italiens »Führergruß«) die Herrschaft des Diktators von 1922 bis 1945.

Die Verantwortung dafür tragen auch die Rechtskräfte in der früheren Regierungspartei Democrazia Cristiana (DC). Ihr ehemaliger Premierminister Adone Zoli erlaubte dem MSI im Jahr 1957, den Leichnam Mussolinis nach Predappio zu überführen und dort in einem Ehrenhain beizusetzen. Der MSI zeigte sich dankbar. 1960 ließ sich der DC-Politiker Fernando Tambroni, ein früherer Hauptmann der Miliz Mussolinis, mit den Stimmen der Faschisten ins Amt des Ministerpräsidenten wählen. Solche gegen die Linke gerichtete Kooperationen hatte es auch vorher schon gegeben. Im Gegenzug bewilligte man der Witwe des Diktators eine Rente, und das MSI-nahe Blatt Secolo d’Italia bekam offizielle Zuschüsse vom Staat. Predappio etablierte sich als Wallfahrtsort für Hunderttausende Besucher jährlich. Die »Duce«-Feiern finden unbehelligt mindestens dreimal im Jahr statt: zu Mussolinis Geburtstag, zum »Marsch auf Rom« von 1922 und zu seinem Todestag, der Hinrichtung am 28. April 1945 – von den Anhängern als »Mord« diffamiert.

Das Paktieren mit faschistischen Stimmen setzt der frühere Christdemokrat Matteo Renzi, der zum sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) wechselte und sein Chef wurde, mit dem faschistoiden Expremierminister und Chef der rechtsextremen Forza Italia (FI), Silvio Berlusconi, fort. Das führte nicht nur zur Spaltung des PD, als mehr als einhunderttausend Mitglieder ihm den Rücken kehrten. Die Weigerung Renzis, dem Bündnis mit Berlusconi eine klare Absage zu erteilen, bedeutet auch, dass der ex­tremen Rechten weiterhin keine Mitte-Links-Koalition entgegengestellt werden kann.

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