Aus: Ausgabe vom 10.08.2017, Seite 5 / Inland

Betriebsratschef auf Kapitallinie

Beschäftigtenvertreter sieht Stellenabbau bei VW auf gutem Weg und mahnt Tempo beim Umbau an

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Hält den Stellenabbau bei VW offenbar für unproblematisch: Der Betriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh (im Bild links zusammen mit VW-Aufsichtsratschef Hans-Dieter Pötsch (mitte) und Peter Altmaier (CDU, rechts)

Die Rolle von Betriebsräten kann bekanntlich unterschiedlich interpretiert werden. Sie bewegt sich irgendwo zwischen konsequenter Interessenvertretung im Sinne der Lohnabhängigen und knallhartem Komanagement. Der Vorsitzende des VW-Betriebsrates Bernd Osterloh dürfte tendenziell eher letzterer Kategorie zuzuordnen sein. Jedenfalls sieht er die Stellenvernichtung bei dem Autobauer auf einem guten Weg und sorgt sich ums Tempo beim Umbau des Konzerns.

»Der Pakt greift«, freute sich Osterloh am Mittwoch im Gespräch mit der Deutschen Presseagentur über Fortschritte beim VW-Kürzungsprogramm »Zukunftspakt«. Die Kernmarke VW komme bei der Umsetzung deutlich schneller voran als geplant. Mehr als 8.000 unterschriebene Altersteilzeitverträge lägen sechs Monate nach dem Start bereits vor. Damit seien fast 90 Prozent des angestrebten Ziels erreicht. Volkswagen will seine Belegschaft bis 2020 unter anderem über Regelungen zur Altersteilzeit um 9.000 Beschäftigte reduzieren.

Als guter Komanager macht sich Osterloh natürlich auch weitergehende Gedanken zur Zukunft des Unternehmens: So mahnte er mehr Tempo bei der Transformation des Konzerns und dem Entstehen neuer Arbeitsplätze an. Darüber hinaus strebt der Betriebsratschef ab September einen neuartigen internen Arbeitsmarkt bei Volkswagen an. Dieser starte beim Mutterkonzern und solle dann auf Audi, Porsche und MAN übertragen werden. Der Betriebsrat setze dabei auf eine technische Lösung mittels einer App, mit der die Beschäftigten auf freiwilliger Basis via Smartphone ihre Daten selbst eingeben, pflegen, Qualifikationen angeben, alle offenen Stellen einsehen und ihre Lohnabrechnung abrufen könnten.

Die Kernmarke des Wolfsburger Autoriesen galt dem Kapital lange im Vergleich mit der Konkurrenz als nicht profitabel genug. Deshalb wurde sie als Sorgenkind, das von ertragreicheren Tochterunternehmen wie Porsche und Audi profitiert habe, angesehen. Mit dieser Begründung vereinbarte das Unternehmen zusammen mit dem Betriebsrat den sogenannten Zukunftspakt. Dieser sieht unter anderem den Abbau von weltweit bis zu 30.000 Stellen vor. Bei der Arbeitsplatzvernichtung möchte VW ohne betriebsbedingte Kündigungen auskommen und schickt deshalb unter anderem Mitarbeiter in die Altersteilzeit. Im Gegenzug sollen Tausende Arbeitsplätze in neuen Zweigen entstehen – so zumindest das Versprechen des Managements. Zunächst hatte es zwischen VW-Markenchef Herbert Diess und Betriebsratsboss Osterloh etwas Streit um das Sparprogramm gegeben, dieser wurde aber schnell wieder beigelegt.

Umso umtriebiger zeigt sich Osterloh jetzt bei der Umsetzung: Bei den »finanziellen Effizienzzielen« seien bereits 1,5 Milliarden Euro erreicht und eine weitere halbe Milliarde Euro in der Umsetzungsphase. »Damit haben wir das Ziel für 2017 schon jetzt übererfüllt und starten gut ins Jahr 2018«, zeigte er sich erfreut. Im übrigen seien die Einsparungen »nachhaltig und kommen jährlich«, betonte Osterloh. Zugleich forderte er aber mehr Tempo bei der Transformation des Autoherstellers: »Wir müssen vorankommen bei den Zukunftsarbeitsplätzen rund um Digitalisierung und Mobilitätsdienstleistungen, aber auch bei der Batteriezellenforschung.« Letztere sei im Motorenwerk Salzgitter bereits genehmigt. »Wir werden dort eine kleine Versuchsanlage aufbauen, wie es im Zukunftspakt beschrieben ist. Wir werden uns dort auch personell noch mal verstärken.« Osterloh weiter im schönsten Unternehmersprech: »Das heißt nicht, dass wir die Entscheidung für den Bau einer Zellenfabrik schon getroffen haben – es muss auch wirtschaftlich sein. Das wird noch zwei bis drei Jahre dauern, bis die letztendliche Entscheidung getroffen wird.« Er habe sich gewünscht, dass die deutsche Autoindustrie sich darüber unterhalte, gemeinsam eine Batterie- oder Zellenentwicklung aufzubauen. Der Anteil der Batterie an der Gesamtwertschöpfung künftiger Autos werde bei 40 Prozent liegen. Osterloh sorgt sich offensichtlich um den Standort Deutschland: »Ich weiß nicht, ob wir es uns leisten können, auf 40 Prozent der Wertschöpfung keinen Einfluss zu haben.« (dpa/jW)

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