Aus: Ausgabe vom 09.08.2017, Seite 6 / Ausland

Vor einem Weltkrieg

Nach Hiroshima und Nagasaki erwog US-General MacArthur im Koreakrieg erneut den Einsatz von Atombomben

Von Rainer Werning
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Rückentattoo eines in Korea stationierten US-Soldaten (Pyeongchang, 28.1.2016)

Am heutigen Mittwoch wird in Japan der Opfer des Atombombenabwurfes über Nagasaki gedacht. Schätzungen gehen von bis zu 80.000 Toten durch den Angriff aus. Bereits drei Tage zuvor hatte das US-Militär diese neue Massenvernichtungswaffe auf die Stadt Hiroshima geworfen. Die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki waren nach Ansicht selbst hochrangiger US-Militärs wie Dwight D. Eisenhower, Douglas MacArthur und William Halsey Jr. militärisch und strategisch ebensowenig nötig wie moralisch gerechtfertigt. Sie wiesen darauf hin, dass Japan bereits am Boden lag, seine Luftwaffe ausgeschaltet war und ohnehin kurz vor der Kapitulation stand. Admiral Halsey sprach in diesem Zusammenhang zynisch von »einem Fehler … (die Wissenschaftler) hatten dieses Spielzeug und wollten es auch testen, deshalb ließen sie es fallen«.

Während in Korea Einheiten der Roten Armee bereits Mitte August 1945 einmarschierten und – wie zuvor mit den USA im Rahmen einer Treuhandschaft vereinbart – am 38. Breitengrad Halt machten, landete erst am 8. September 1945 die 7. US-Infanteriedivision in Incheon an der Westküste der Halbinsel an. Von der gerade gebildeten Regierung der Volksrepublik Korea nahmen die Besatzungstruppen unter Führung von General John R. Hodge keine Notiz. Statt dessen entstand südlich des 38. Breitengrads die US-amerikanische Militärregierung in Korea, während im Norden die vormals antijapanische Partisanentruppe um Kim Il Sung unter sowjetischer Protektion an die Macht gelangte.

Eine der tiefen Tragiken im 20. Jahrhundert bestand darin, dass ausgerechnet Korea nach 36jähriger japanischer Kolonialherrschaft geteilt wurde und 1948 mit der Republik Korea (Südkorea) und der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) zwei Separatstaaten entstanden, die sodann von 1950 bis 1953 in einen erbitterten Bruderkrieg gerieten. Internationalisiert wurde dieser erste heiße Konflikt im Kalten Krieg wegen der geostrategischen Lage des Landes. Vor allem die USA waren darauf bedacht, nach der Staatsgründung der VR China am 1. Oktober 1949 einen strikt antikommunistischen Cordon sanitaire gegen die Sowjetunion und China zu schaffen. Das Waffenstillstandsabkommen von Panmunjom am 27. Juli 1953 ist bis heute nicht in einen Friedensvertrag überführt worden, was die prekäre Sicherheitslage auf der koreanischen Halbinsel erklärt.

»In der Zeit vom 25. Juni 1950 bis zum 27. Juli 1953«, hieß es in dem Verdikt des Korea International War Crimes Tribunal am 23. Juni 2001 in New York, als dessen Vorsitzender und Chefankläger der ehemalige US-Justizminister Ramsey Clark fungierte, »kamen nach konservativen westlichen Schätzungen über 4,6 Millionen Koreaner ums Leben, einschließlich drei Millionen Zivilisten im Norden und 500.000 Zivilisten im Süden der Halbinsel. Darüber hinaus gab es erdrückende Beweise der kriminellen, teils genozidmäßig betriebenen US-Politik im Norden Koreas, wo systematisch die meisten Häuser und Gebäude durch US-Artilleriefeuer und Luftangriffe in Schutt und Asche gelegt wurden, wo US-amerikanische und südkoreanische Verbände gemeinsam brutal gegen Zivilisten und Kriegsgefangene vorgingen, wo mutwillig lebensnotwendige Einrichtungen des öffentlichen Lebens und wirtschaftliche Produktionsanlagen zerstört und geächtete Waffen sowie biologische und chemische Kampfmittel im Krieg gegen seine Bevölkerung eingesetzt wurden.«

Vor allem war es der Oberbefehlshaber der kombinierten US- und UN-Streitkräfte in Korea, Douglas MacArthur, der mit dem Einsatz atomarer und chemischer Waffen gedroht hatte. In posthum veröffentlichten Interviews behauptete MacArthur laut dem US-amerikanischen Korea-Experten Bruce Cumings, einen Plan ausgearbeitet zu haben, womit er den Krieg innerhalb von zehn Tagen gewonnen hätte. Demnach wollte der General unter anderem 30 Atombomben über das Grenzgebiet zur Mandschurei abwerfen und zwischen dem Ostmeer und dem Gelben Meer einen mit radioaktivem Kobalt verseuchten Landgürtel schaffen. Die »Pulverisierung« – sprich: atomare Verwüstung – grenznaher chinesischer Städte ging selbst US-Präsident Harry S. Truman zu weit. Nach einem Krisentreffen mit MacArthur gab Truman am 11. April 1951 vor der internationalen Presse dessen Absetzung bekannt und schloss seine Erklärung mit den Worten: »Wir bemühen uns, einen dritten Weltkrieg zu verhindern.«

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