Aus: Ausgabe vom 08.08.2017, Seite 8 / Ausland

»Wir müssen autonome Räume schaffen«

Basisdemokratie oder Ökodiktatur? Gedanken zur Gesellschaft nach dem Kollaps des Bestehenden. Gespräch mit Carlos Taibo Arias

Interview: Carmela Negrete
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Erst der Kollaps, dann öde Landschaften? (Spanien, 6. August)

Sie haben kürzlich in spanischer Sprache das Buch »Colapso« verfasst. Darin sprechen Sie über das Ende der bestehenden Gesellschaft, die Ihrer Meinung nach wegen den aus dem Klimawandel resultierenden Problemen, der zunehmenden Wasserknappheit und der Endlichkeit der fossilen Energieträger zusammenbricht. Doch danach, behaupten Sie, wird es neue Arten des menschlichen Zusammenlebens geben: Entweder in Form einer Ökodiktatur oder als basisdemokratische Gesellschaft.

Ich sage nicht, dass das die einzigen beiden Optionen sind. Aber es erscheint mir am wahrscheinlichsten, dass eine der beiden Varianten nach dem Kollaps eintreten wird.

Eine autoritäre Ökodiktatur, die unter Androhung drakonischer Strafen Umweltschutzmaßnahmen durchsetzt, lässt sich leicht vorstellen. Aber woher nehmen Sie die Hoffnung, dass sich die Menschen in einer Basisdemokratie plötzlich ökologisch sinnvoll verhalten würden?

Bereits wenn es die ersten Anzeichen für den Kollaps gibt, werden immer mehr Menschen einen kritischen Blick auf das System werfen, unter dessen Bedingungen sie leiden. Darin liegt auch die Chance für eine andere Art des Zusammenlebens. Derzeit ist es ja so, dass eine basisdemokratische Bewegung schlechte Karten hat. Die bestehenden militärischen, politischen und medialen Strukturen wissen zu gut, wie sie ihre Herrschaft aufrecht erhalten, während wir sehr schwach sind. Doch nach dem Kollaps wird diese Maschinerie beeinträchtigt sein, denn die Infrastruktur und Technologie, auf der sie beruht, werden beschädigt.

Sind bereits Ansätze vorhanden, die sich in der kommenden Gesellschaft entwickeln könnten?

Ich halte es für realistisch, autonome Räume zu schaffen. Damit meine ich Konsumgruppen, Ökodörfer, integrale Kooperativen, ethische Banken und Genossenschaften. Es muss eine zum Kapitalismus parallel agierende Wirtschaft aufgebaut werden. Das wird zu spät kommen, um den Kollaps zu verhindern, aber man könnte aus den Erfahrungen für die Zukunft lernen. Diese Räume müssen zudem die Konfrontation mit Kapital und Staat suchen, denn andernfalls würden sie nur zu Orten und Initiativen verkommen, in denen »Dampf abgelassen« wird. Aber Selbstverwaltungen, die danach streben sich vom System abzukoppeln, werden sich wohl nicht so leicht absorbieren lassen und der Kommerzialisierung Widerstand leisten.

Aber dann beschäftigten sich die Menschen mit allzu kleinen Änderungen am Bestehenden, stellen jedoch nicht mehr den gesamten Kapitalismus in Frage.

Auch auf internationaler Ebene kenne ich kein Beispiel für eine Bewegung, die Antworten auf die Probleme des Systems gibt. Den letzten großen Aufbruch verkörperte die griechische Linkspartei Syriza. Gegen weitere Kürzungen hielt die Partei ein Referendum ab – und 60 Prozent stimmten gegen weitere Einschnitte. Doch in der Woche darauf akzeptierte Syriza dennoch ein neues »Rettungspaket« mit den darin enthaltenen Kürzungsvorgaben. Nun steht die gesamte Linke wieder im Protest auf der Straße.

Würde eine Vielzahl autonomer Räume die Situation nicht noch chaotischer machen?

Sie meinen chaotischer als den gegenwärtigen Kapitalismus mit all seinen Verrücktheiten? Das kann ich mir schwer vorstellen. Hunderttausende Menschen werden in die Obdachlosigkeit gezwungen, andere müssen zu immer niedrigeren Löhnen arbeiten. Woher sollen denn da die Käufer kommen, die all die Produkte erwerben, die derzeit hergestellt werden? In all dem kommt das wirkliche Chaos zum Ausdruck. In der Vergangenheit konnte sich der Kapitalismus immer wieder vor seinem Untergang retten. Das wird nun nicht mehr gehen.

Carlos Taibo Arias ist spanischer Professor und Schriftsteller. Er unterrichtet an der Universidad Autónoma de Madrid und ist überzeugter Anarchist

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