Aus: Ausgabe vom 04.08.2017, Seite 15 / Feminismus

Vergessene Pionierinnen

Ein Sammelband widmet sich Leben und Werk von Rosa und Anna Schapire. Beide waren um 1900 engagierte Sozialistinnen und Feministinnen

Von Christiana Puschak
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Anna Schapire (Mitte) wird heute meist nur im Zusammenhang mit ihrem ­Ehemann Otto Neurath (l.) erwähnt, obwohl sie sich früh als Sozial- und ­Literaturwissenschaftlerin profilierte. Ihre Schwester Rosa (r.) ist nur ­Kunsthistorikern ein Begriff

Rosa Schapire kennen wenige, ihre Schwester Anna so gut wie niemand. Während Rosa (1874–1954) als Kunsthistorikerin und Förderin expressionistischer Kunst zumindest Fachleuten ein Begriff sein dürfte, verschwand die Sozialwissenschaftlerin, Übersetzerin, Lyrikerin, Autorin und Publizistin Anna Schapire (1877–1911) fast gänzlich aus der öffentlichen Wahrnehmung. Gelegentlich taucht ihr Name im Zusammenhang mit dem des österreichischen Nationalökonoms Otto Neurath auf, dessen Frau sie bis zu ihrem frühen Tod gewesen ist. Dabei waren Rosa und Anna Schapire politisch engagierte Feministinnen, deren Leben und Texte wiederentdeckt werden müssen. Diesem Anliegen widmeten sich im Juni 2016 die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Workshops am Center for Advanced Studies der Uni München. Der jetzt erschienene Sammelband über die Schwestern und über »Sozialwissenschaft, Kunstgeschichte und Feminismus um 1900« ist ein Ergebnis der Veranstaltung. Darin werden die wechselseitigen Einflüsse, die intellektuellen Profile der beiden, ihre Werdegänge, Netzwerke und wissenschaftlichen Arbeiten im historischen Kontext erstmals vergleichend zur Diskussion gestellt.

Das Buch enthält neben einer ausführlichen Einleitung zwölf Beiträge. Vorgestellt wird das intellektuelle und wirtschaftliche Umfeld der Familie Schapire in Brody in Galizien. Die Stadt, die heute Teil der Westukraine ist, war die drittgrößte der Region. Es werden psychoanalytische Überlegungen zu Schwesternbeziehungen angestellt und ein historischer Überblick zur Situation jüdischer Studentinnen im deutschen Kaiserreich gegeben. Darüber hinaus widmet sich das Buch weiblichen Lebensentwürfen und frauenpolitischem Engagement jener Zeit.

Anna und Rosa, aufgewachsen in einem liberal-bürgerlichen Milieu, erhielten eine vortreffliche Ausbildung. Sie gehörten zu den ersten promovierten Akademikerinnen des wilhelminischen Kaiserreichs. Trotz ihrer sehr unterschiedlichen Lebenswege – Anna heiratete und bekam einen Sohn, Rosa blieb ihr Leben lang unverheiratet und kinderlos – hatten beide ein ausgeprägtes Interesse an Literatur und Kunst, am Schreiben, am Sozialismus, und beide traten schon früh für die Emanzipation von Frauen ein.

Wie das Buch eindrücklich vermittelt, war das Selbstverständnis Annas das einer Publizistin der Frauenbewegung. In diversen Arbeiten setzte sie sich kritisch mit der sozialen Situation von Frauen auseinander, so schon in ihrem ersten Text »Ein Wort zur ­Frauenemanzipation«. Ihr »Abriss einer Geschichte der Frauenbewegung« (1909) und ihr Essay »Über die Psychologie der modernen Frau« sind weitere Belege dafür. Anna Schapire war überzeugt, dass einzig die proletarische Frauenbewegung in der Lage sei, die Benachteiligung der Frauen zu beenden. Mit ihrer 1906 veröffentlichten Dissertation »Der Arbeiterschutz und die Parteien im deutschen Reichstag« und mit ihren Büchern über Lew Tolstoi (1909) und Friedrich Hebbel (1909) profilierte sie sich früh als Sozialwissenschaftlerin und Literaturhistorikerin. Auch einen Gedichtband hat sie publiziert (»Singende Bilder«, 1903).

Rosa teilte die politischen Ansichten ihrer jüngeren Schwester. Ihr politisches Engagement fand allerdings wenig Beachtung. Sie wurde eher als passionierte Sammlerin und Förderin expressionistischer Kunst wahrgenommen. Als Mitglied der Künstlergruppe »Die Brücke« gehörte sie zu deren wichtigsten Fürsprecherinnen. Sie unterstützte das Wirken des Zusammenschlusses mit ihrer hohen sprachlichen Sensibilität auch publizistisch. Zusammen mit Ida Dehmel gründete Rosa 1916 den »Frauenbund zur Förderung deutscher bildender Kunst«. Mit dem großen Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff, der sie des öfteren eindrucksvoll porträtierte, verband sie eine Freundschaft. Zeitlebens führte sie das Leben einer unabhängigen Frau, das sie zugleich in Wort und Schrift propagierte.

Der Band besticht durch gute Lesbarkeit, ein hohes Niveau in Darstellung und Argumentation und mit vielfältigen, sehr gut aufgearbeiteten Archivmaterialien zu Leben und Werk der Schwestern. All das vermittelt ein lebendiges Bild zweier besonderer Frauen, die sich gegen einen misogynen und antisemitischen Zeitgeist zu behaupten wussten.

Burcu Dogramaci, Günther Sandner (Hg.): Rosa und Anna Schapire – ­Sozialwissenschaft, Kunstgeschichte und Feminismus um 1900. AvivA Verlag, Berlin 2017, 288 Seiten, 25 Euro

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