Aus: Ausgabe vom 29.07.2017, Seite 15 / Geschichte

»Mensch weg, Problem weg«

Vor 80 Jahren begann die Sowjetunion mit dem NKWD-Befehl Nr. 00447 die »Massenaktionen« gegen die eigene Bevölkerung

Von Reinhard Lauterbach
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»Fort mit den Kulaken aus dem Kolchos«. Sowjetisches Plakat um 1930

Nach außen sah das Jahr 1937 für die Sowjetunion nicht schlecht aus. Der zweite Fünfjahrplan ging in sein letztes Jahr, und er war, was den industriellen Aufbau anging, alles in allem erfolgreich verwirklicht worden. Mit ihrer Unterstützung ermöglichte die UdSSR der Spanischen Republik zunächst das Überleben und setzte ein Zeichen gegen die Expansion des Faschismus, auch wenn die Bemühungen letztlich wegen der Tatenlosigkeit der westeuropäischen Demokratien wirkungslos blieben. Und der sowjetische Pavillon auf der Pariser Weltausstellung war ein Publikumsmagnet, nicht nur wegen der berühmten Statue »Arbeiter und Kolchosbäuerin« von Wera Muchina. Sie symbolisierte ein Land, wie es sich gern sehen wollte – entschlossen nach vorn schreitend. Im Dezember 1936 war eine neue Verfassung verabschiedet worden, nach sowjetischer Eigendarstellung die »demokratischste der Welt«. In dem seinerzeit populären Lied »Weit ist mein Heimatland« hieß es: »Ich kenne kein anderes Land, in dem der Mensch so frei atmet.« Und es herrschte »Wahlkampf«, im Dezember 1937 sollten Wahlen zum Obersten Sowjet stattfinden.

Trügerische Stabilität

Doch die Stabilität trog. Die Versorgungslage verschlechterte sich, nachdem die Ernte des Vorjahres karg ausgefallen war. Die Kolchosen umfassten zwar formal 90 Prozent aller Bauernfamilien, aber sie arbeiteten weiterhin ineffizient. Die Bezahlung der Kolchosbauern nach »Arbeitstagen« erfolgte erst, nachdem die Kolchose alle anderen Verpflichtungen erfüllt hatte. Wenn nichts übrig war, gingen die Bauern leer aus, oder der Wert des Arbeitstages wurde nach Kassenlage nach unten korrigiert. All das spornte nicht zur persönlichen Anstrengung an. Die Mehrzahl der Bauern drückte sich nach Möglichkeit vor der Arbeit und widmete sich statt dessen der Bewirtschaftung des zur Selbstversorgung überlassenen privaten Hoflands. Die Leichtindustrie blieb um Lichtjahre hinter den Bedürfnissen der Bevölkerung zurück. Noch für 1940, einen halben Fünfjahrplan später, wies die Statistik pro Kopf eine Produktion von weniger als drei Paar Socken, einem knappen Paar Schuhe und weniger als einem Paar Unterwäsche aus. 1937 entfielen auf 100 Menschen zwei Armbanduhren, vier Grammophone und drei Fahrräder. Ein Radio kam auf tausend Menschen. Dass in dieser Situation ein luxuriös gestaltetes »Buch der schmackhaften und gesunden Küche« mit Rezepten für Köstlichkeiten, die der normale Sowjetbürger im Leben nicht zu Gesicht bekam, auf den Markt kam, liegt im Grenzbereich von Surrealität und Zynismus.

Das Land lebte im Rhythmus der »Säuberungen«. In zwei großen und Hunderten kleineren Schauprozessen waren seit dem Sommer 1936 führende alte Bolschewiki und Tausende von Provinzkadern nach erfolterten Geständnissen unter Vorwürfen der Spionage und parteifeindlicher Tätigkeit verurteilt und hingerichtet worden. Im Juni 1937 hatte die Repression mit dem von langer Hand geplanten Verfahren gegen Marschall Michail Tuchatschewski und andere hohe Offiziere auch die Armeeführung getroffen. Die Situation war bei aller äußeren Ruhe unter der Oberfläche angespannt.

Ein Großteil dieser Anspannung beruhte auf den indirekten Folgen der Politik der KPdSU. Millionen von »Kulaken«, die im Zuge der Kollektivierung zu der routinemäßigen Strafe von fünf Jahren Lagerhaft verurteilt worden waren, hatten ihre Urteile abgesessen und kehrten in ihre Dörfer zurück. Regionale Parteiorganisationen berichteten im Frühjahr 1937 von der Befürchtung, sie könnten sich unter der Führung orthodoxer Geistlicher zu einer ländlichen Opposition zusammentun und das Wahlergebnis verderben. Wobei es natürlich nicht um die nach außen bekanntzugebenden Zahlen ging, sondern um das hinter dem wirklichen Resultat stehende Ausmaß möglicher Gegnerschaft.

Wer nicht ins Dorf zurückging, versuchte, in einer der entstehenden Industriestädte ein neues Leben zu beginnen. Die Kollektivierung hatte eine riesige Land-Stadt-Migration in Gang gesetzt; die Städte platzten aus allen Nähten, es fehlte an Wohnungen, Wasserleitungen und sonstiger Infrastruktur. Hunderttausende Fabrikarbeiter lebten in Baracken unter unsäglichen Bedingungen. Die Herrschaft der Partei schien auf tönernen Füßen zu stehen, und vor allem: Sie hatte in dem Maße, wie sich ihre »führende Rolle« in der Gesellschaft durchsetzte, niemanden mehr, auf den sie die Verantwortung für Chaos und Ineffizienz abschieben konnte. Bis auf die »üblichen Verdächtigen«.

Die Kulaken-Operation

In dieser Situation unterzeichnete Nikolai Jeschow, Volkskommissar für Inneres, am 30. Juli 1937 den Befehl Nr. 00447 »Über die Operation zur Repression ehemaliger Kulaken, Krimineller und anderer antisowjetischer Elemente«. Darunter fielen neben ehemaligen Beamten des Zarenreichs auch sozial marginalisierte Menschen aller Art: Kriminelle, Schwarzhändler, Spekulanten und sonstige »Antisowjetschiki«. Der Befehl ist kennzeichnend für einen Umschlag der Stalinschen Repressionen ins Präventive. Es wurden bis hinunter auf Kreisebene Quoten von »Volksfeinden« vorgegeben, die zu »entlarven« seien. 75.950 Personen sollten demnach als Angehörige der »Kategorie 1« erschossen werden. Weitere 193.000 »Elemente« der »Kategorie 2« seien zu acht bis zehn Jahren Lagerhaft zu verurteilen. Die Zahlen wurden im weiteren Verlauf der Kampagne mehrfach erhöht. Die Gesamtbilanz der »Massenaktionen« – es gab noch zwölf weitere, die sich gegen Angehörige nichtrussischer Nationalitäten richteten, denen pauschal Spionage oder Sabotage im ausländischen Auftrag vorgeworfen wurde – beläuft sich auf etwa 800.000 Repressionsopfer, von denen rund die Hälfte erschossen wurde. Der Großteil von ihnen in den letzten Monaten des Jahres 1937, noch vor dem Wahltermin zum Obersten Sowjet.

Die »Massenaktionen« bildeten den Tiefpunkt »sozialistischer Gesetzlichkeit«. In der Praxis blühten Denunziation und Willkür. Ein NKWD-Offizier berichtete über seine »Ermittlungen« im Gebiet Irkutsk: »Ich habe mich bemüht, Feinde aufzustöbern, was mir bei den Finnen und den Tschechen auch gelungen ist. Aber für eine vollständige Sammlung fehlen mir ein Italiener und ein Franzose. Alle Chinesen haben wir schon erwischt.« Die Verhafteten wurden von Dreierkommissionen (Troikas) summarisch abgeurteilt, bis zu 2.000 Menschen in einer Nacht.

Ab dem Frühjahr 1938 wurden die Aktionen zurückgefahren. Ende 1938 wurden sie offiziell eingestellt. Sie hatten sich schließlich gegen übergeordnete Interessen des Sowjetstaates gewandt: In immer mehr Fabriken hatten die Beschäftigten in der Denunziation ihrer Vorgesetzten als »Volksfeinde« ein wirksames Mittel betrieblichen Widerstands gefunden.

Auf schonungsloseste Art und Weise

Vor den Organen der Staatssicherheit steht die Aufgabe, diese ganze Bande antisowjetischer Elemente auf schonungsloseste Art und Weise zu zerschlagen, das werktätige Volk der Sowjetunion vor ihren konterrevolutionären Umtrieben zu schützen und schließlich ein für allemal mit ihrer gemeinen Zersetzungsarbeit an den Grundlagen des sowjetischen Staates Schluss zu machen.

In Übereinstimmung damit befehle ich: Am 5. August 1937 in allen Republiken, Kreisen und Gebieten mit Repressionen gegen ehemalige Kulaken, aktive antisowjetische Elemente und Kriminelle zu beginnen. (…)

II. Über die Strafmaßnahmen für Repressierte und die Anzahl der Personen, die Repressionen zu unterwerfen sind.

1. Alle Kulaken, Kriminelle und anderen antisowjetischen Elemente, die Repressionen unterworfen werden, sind in zwei Kategorien einzuteilen:

a) Zur Kategorie I gehören alle von den oben aufgezählten Elementen, die am meisten feindlich sind. Sie sind sofort zu verhaften und nach der Verhandlung ihrer Fälle durch die Troikas – zu erschießen.

b) Zur Kategorie II gehören alle übrigen Elemente, die zwar feindlich eingestellt, jedoch weniger aktiv sind. Sie sind zu verhaften und zu acht bis zehn Jahren Freiheitsentzug in Lagern zu verurteilen; diejenigen unter ihnen, die am hartnäckigsten und am meisten gemeingefährdend sind, sind auf Beschluss der Troika für die gleiche Zeit im Gefängnis zu inhaftieren.

Einsatzbefehl des Volkskommissars für Innere Angelegenheiten der UdSSR Nr. 00447 über die Repressivmaßnahmen gegen ehemalige Kulaken, Kriminelle und andere antisowjetische Elemente, 30. Juli 1937. Online: t1p.de/eksi

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