Aus: Ausgabe vom 29.07.2017, Seite 12 / Thema

Verweigere dich immer

Vor 60 Jahren wurde die Situationistische Internationale gegründet. Keiner prägte die linke Künstler- und Intellektuellengruppe so sehr wie der Autor der »Gesellschaft des Spektakels«, Guy Debord

Von Klaus Bittermann
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»Die Schönheit auf der Straße« im Mai 1968. Die Situationisten versuchten die Radikalität künstlerischer Bewegungen freizulegen und mit dem subjektiv-moralischen Empfinden der Jugend zu verknüpfen (aus dem Katalog der 1982 in Paris gezeigten Ausstellung: »Les Affiches de mai 68 ou l’Imagination graphique«)

Am 28. Juli 1957 traf sich eine Handvoll Künstler in Cosio d’Arroscia, einem kleinen Bergdorf in Ligurien in der Nähe von Monaco, und gründete weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit und der Welt der Kunst die Situationistische Internationale (SI). Ihre Mitglieder machten vor allem im Mai 1968 von sich reden, weil sie weit besser als die Kommunisten, Trotzkisten, Maoisten und Sozialdemokraten verstanden, was die Gesellschaft quälte und was zu der plötzlichen Radikalisierung der Jugend beigetragen hatte. Ganz abgesehen davon, waren die Anhänger der SI unerbittliche Gegner der kommunistischen Ideologie.

Raoul Vaneigems Schrift »Das Handbuch der Lebenskunst für die jungen Generationen«, eins der wichtigen Zeugnisse der SI-Tätigkeit, versuchte, die Radikalität künstlerischer Bewegungen wie Dada, Surrealismus und Futurismus, verfemter und vergessener Dichter, von Anarchisten und Nihilisten freizulegen und mit dem subjektiv-moralischen Empfinden der Jugendlichen zu verknüpfen, das auf einem feinen Gespür für die autoritären Strukturen der Gesellschaft beruhte. Für junge Leser eröffnete sich ein weiter Horizont. Sie wurden bekanntgemacht mit einem noch unentdeckten Kontinent der Poesie und Haltungen, auf die man sich beziehen konnte. In dem Handbuch ist viel von »Leidenschaft der Subjektivität« die Rede, von »totaler Subversion«, von »hierarchisierter Macht«, von der Wahl, die man zwischen »Leben und Überleben« treffen müsse. Damals traf Vaneigem mit seinem Buch den Lebensnerv der protestierenden Generation, die nach etwas suchte, das ihrer wilden Subjektivität zum Ausdruck verhalf. Die leidenschaftliche Rhetorik und der hohe Ton der Radikalität affizierte jedoch nur so lange, wie der Rausch der Revolte anhielt, und wirkt unter einem retrospektiven, analytischen Blick, wenn man also begreifen will, was eigentlich passiert ist, schnell lächerlich.

Das falsche Wahre

Viel nachhaltiger als Vaneigems Buch hat Guy Debords 1967 erschienenes Hauptwerk »Die Gesellschaft des Spektakels« unter den Protestierenden gewirkt, eine Art »kritische Theorie«, die in ihrer Bedeutung und Auswirkung durchaus mit der von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in Deutschland vergleichbar war und in der man Thesen wiedererkennt wie: »In der wirklich verkehrten Welt ist das Wahre ein Moment des Falschen.« »Die Gesellschaft des Spektakels« wurde zu einem »Kultbuch«, das in den folgenden dreißig Jahren am meisten gelesen wurde, eine Art Hegelianisches Traktat, das in der Absicht geschrieben wurde, »der spektakulären Gesellschaft zu schaden«, wie Debord später schrieb.

Während man sich an Vaneigems Buch berauschen konnte, war die Lektüre der »Gesellschaft des Spektakels« nicht ganz einfach. Denn in Debords Buch waren die über Jean Hyppolite vermittelten Lektüreerfahrungen Hegels (die auch Michel Foucault und Jacques Derrida beeinflussten) ebenso eingegangen wie die von Alexandre Kojève (dessen Vorlesungen auch von André Breton, Georges Bataille und Jean-Paul Sartre besucht wurden) und die von Marx. »Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ›ungeheure Warensammlung‹«, schrieb der im »Kapital«. Debord nahm diesen Gedanken auf und schrieb ihn nach der Empfehlung des Comte de Lautréamonts um, nämlich Ideen zu entwenden und dann in eigenem Sinne zu verbessern: »Das ganze Leben der Gesellschaften, in welchen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Sammlung von Spektakeln.«

In 221 hochkonzentrierten Thesen, unterteilt in neun Kapitel, versucht Debord, die gesellschaftliche Totalität des Kapitalismus zu erfassen, d. h. er wollte nichts Geringeres entwerfen als eine Theorie, mit der sich alle Aspekte der modernen Gesellschaft erklären ließen und die so lange gültig blieb, solange »nicht die allgemeinen Bedingungen der langen Geschichtsperiode zerstört worden sind«. Dieser Ansatz der Welterklärung musste zwangsläufig scheitern, weil er die Modernisierungsfähigkeit des Neoliberalismus unterschätzte, die Fähigkeit des Kapitalismus, sich neu zu erfinden; ganz abgesehen davon, dass jede Theorie einen zeitlichen Kern hat und aus einer bestimmten Zeit heraus entsteht. Darüber kann auch ein hoher Abstraktionsgrad nicht hinwegtäuschen. Aber man merkte doch, dass das Buch aus einer langen und intensiven Auseinandersetzung mit allen möglichen gesellschaftlichen Fragen hervorgegangen war. Und nur deshalb konnte die »Gesellschaft des Spektakels« zu einem Klassiker werden. Die Schrift findet immer neue Leser aus den Disziplinen der Architektur- und Kunsttheorie, wo der Gedanke der Aufhebung der Kunst immer noch virulent ist, in der Filmtheorie und in der Medienwissenschaft, oder in der politischen Linken, die nicht nur moralische Maßstäbe für ihr Handeln gelten lassen will. Ein »Kultbuch« (Libération), das seither nicht totzukriegen ist.

Lange vor Gründung der Situationistischen Internationalen war Debord auf dem linken Seine-Ufer unterwegs, als er zusammen mit einigen Mitstreitern in langen, alkoholischen Nächten ein radikales Programm aufstellte, das den Lebensbedingungen dieser jungen Leute entsprach, die Anfang der 1950er Jahren zwischen Erziehungsanstalt, Knast und Bars ein Paris erkundeten, wie es Brassaï in seinen »Paris bei Nacht«-Fotos von 1933 einzufangen gelungen war. Es ging um die ganz großen Themen, die sich nur Jugendlichen in dieser Totalität stellen: die Abschaffung der Kunst, der Gefängnisse, der polizeilichen Verfolgung. Es ging um einen romantischen Begriff von Freiheit und den Skandal, um die Erforschung der Stadt, um den psychogeographischen Einfluss eines Viertels, also um eine vollkommen neue Perspektive auf die Architektur, die von außen auf das Gesamtensemble sieht und für die der Einwohner nur ein Störfaktor ihrer Ästhetik ist. Die Existenz dieser Jugendlichen war flüchtig, nicht mal eine Fußnote der Geschichte. Nie hätte von diesen jungen Trinkern mit ihren hochfliegenden Plänen wie etwa der Sprengung des Eiffelturms jemand erfahren, wenn sich der Fotograf Ed van der Elsken nicht zufällig in ihre Bar »Moineau« verirrt und ihnen später in seinem berühmten Fotobuch »Liebe in Saint Germain des Prés« ein Denkmal gesetzt hätte, und wenn Guy Debord nicht versucht hätte, den hemmungslosen Forderungen mit der von ihm ins Leben gerufenen »Lettristischen Internationalen« etwas Struktur zu geben. Eines der frühesten Zeugnisse aus dieser Epoche war die Mauerinschrift »Ne travaillez jamais« (»Arbeitet niemals«) von Debord an einem Gebäude in der Rue de Seine. Diese Verweigerungshaltung prägte später eine ganze Generation, die im Mai 1968 auf die Straße ging.

»Gott ist tot«

Zum Mythos dieser »verlorenen Generation« gehörte auch der Skandal von Notre-Dame, als am 9. April 1950 vier junge Männer die Kathedrale betraten, einer von ihnen als Dominikanermönch verkleidet. Michel Mourre, der später in seinen Memoiren darüber schrieb, ging zum Altar und verlas eine von seinem Kollegen Serge Berna verfasste Rede, in der die katholische Kirche angeklagt wurde, »die Welt mit ihrer Friedhofsmoral zu verpesten«. Als Mourre schließlich verkündete: »Gott ist tot!« konnte der Rest der Predigt nicht mehr verlesen werden. Er ging im allgemeinen Tumult unter, und die vier Lettristen wurden bis zur Seine verfolgt, wo sie zu ihrem Glück von der Polizei in Gewahrsam genommen wurden, bevor die Menge sie lynchen konnte. Der Skandal sorgte für eine Menge Wirbel in der Presse und André Breton sprach davon, dass er und seine »Weggefährten« in ihrer Jugend manches Mal davon geträumt hätten, »das Herz des Polypen (Religion) … selbst zu attackieren«. Auch der damals 18jährige Schulabgänger Debord dürfte über diesen Vorfall gelesen haben und von ihm fasziniert gewesen sein, denn ein Jahr später sah man ihn bereits auf einem Foto neben dem Führer der Lettristen, Isidore Isou, auf den 4. Filmfestspielen in Cannes. Dort störten die Lettristen so lange eine Filmaufführung nach der anderen, bis man Isou erlaubte, seinen Film »Traité de bave et d’éternité« zu zeigen, »eine am linken Seineufer angesiedelte Lovestory von fast unglaublicher Manieriertheit«, wie der Kultur- und Musikjournalist Greil Marcus schrieb, ein viereinhalbstündiges Manifest mit zerkratztem Zelluloid, verwackelten Bildern und leerer Leinwand, in dem Isou verkündete: »Es (das Kino) ist verfettet. Hiermit verkünde ich die Zerstörung des Kinos, das erste apokalyptische Anzeichen eines Risses in diesem korpulenten Organismus, den wir Film nennen.« Zweifellos war dies die erste Inspiration für Debords späteres Filmwerk, das sich ebenfalls die leere Leinwand und den Skandal zunutze machte, vor allem in seinem ersten Film »Geheul für Sade«, der in London uraufgeführt wurde und laut Aussagen von Augenzeugen zu kleineren Tumulten führte.

In dieser Zeit sind die wesentlichen Ideen entstanden, auf die Debord und die 1957 auf sein maßgebliches Betreiben gegründete Situationistische Internationale zurückgriffen und theoretisch weiterentwickelten. Die SI war zunächst eine künstlerische Avantgarde, die Anfang der 1960er Jahre mit dem Ende der gesellschaftlichen Nachkriegsdepression und dem Beginn des wirtschaftlichen Wachstums mit einigen Aktionen auf sich aufmerksam machte. Dann entledigte sich Debord der Künstler, wie der deutschen Malergruppe »Spur«, und die SI wurde zu einem rein politischen Projekt, das u. a. zusammen mit Henri Lefebvre eine »Kritik des Alltagslebens« entwarf und mit »Socialisme ou Barbarie« von Cornelius Castoriadis und Claude Lefort eine radikal antistalinistische marxistische Position mit Anleihen beim Rätekommunismus einnahm.

Als es im Mai 1968 in Paris so schien, als wären die Tage Charles De Gaulles gezählt, war Debord einer der wenigen, der den Studenten mit seinem bereits 1967 erschienenen theoretischen Werk »Die Gesellschaft des Spektakels« so etwas wie das Handwerkzeug für den Aufstand zur Verfügung stellen konnte, an dem man sich inzwischen seit nunmehr fünfzig Jahren stetig abarbeitet. Debord wurde berühmt, aber er wollte seine Deckung nicht aufgeben und verzichtete auf einen zweifelhaften Ruhm, wie ihn Daniel Cohn-Bendit und viele andere, die die Mai-Revolte an die Oberfläche gespült hatte, für ihre weitere Karriere nutzten. Debord fand es »vulgär«, eine »Autorität« zu werden. Er verweigerte sich den Medien, die sich an ihm rächten, als 1984 sein Freund und Mäzen, der Filmproduzent und Verleger Gérard Lebovici, in einer Pariser Tiefgarage von Unbekannten erschossen wurde. Mit Verdächtigungen und Gerüchten versuchten sie, Debord mit dem kriminellen Milieu und dem bis heute unaufgeklärten Mord in Verbindung zu bringen.

Debord zog sich nach langen Aufenthalten in Florenz, Arles, Barcelona und wieder Paris immer mehr in ein einsam gelegenes Bauernhaus in Haute Loire zurück. Er litt am Ende an einer schmerzhaften Krankheit als Folge ausgiebigen Alkoholgenusses, dem er sich Zeit seines Lebens hingegeben hatte, und zwar aus Gründen, die er in seiner schmalen Autobiographie »Panegyrikus« benannte: »Man muss lange getrunken haben, bis einem etwas wirklich Hervorragendes einfällt (…) Schreiben muss etwas Seltenes bleiben.«

Kleines Werk, großer Einfluss

Und in der Tat ist sein Werk schmal, sein Einfluss hingegen ist unüberschaubar geworden, wovon nicht zuletzt die Tatsache zeugt, dass inzwischen fünf umfangreiche Biographien über ihn erschienen sind. Greil Marcus verfolgte in seiner »Geheimgeschichte des 20. Jahrhunderts« (»Lippstick traces«) einen roten Faden, der von den Dadaisten über die Lettristen und Situationisten bis zu den Sex Pistols reicht. Unbemerkt breiteten sich die situationistischen Thesen aus, kulminierten im Mai 68 und machten sich in der Folge in den unterschiedlichsten Milieus bemerkbar. Sie fielen bei einigen Studenten der Londoner Kunsthochschule auf fruchtbaren Boden, wie bei Malcolm McLaren, der sie als Strategie gegen die Musikindustrie anwandte, um mit den Sex Pistols nicht nur Musikgeschichte, sondern ein ganz neues Kapitel in der Geschichte gesellschaftlicher Verwerfungen zu schreiben, wunderbar anzusehen in seinem Film »The Great Rock ‘n‘ Roll Swindle«.

Einen Namen hat sich Debord in der Kunstszene und im linksintellektuellen Milieu der ganzen Welt gemacht. Er ist Gegenstand zahlreicher Dissertationen und universitärer Arbeiten, und in den Medienwissenschaften und in einem Studienfach, das Kommunikationsdesign heißt, ist er eine feste Referenzgröße. Als Filmemacher hat er u. a. Jean-Luc Godard beeinflusst, und auch in der Architektur setzt man sich mit seinen Thesen auseinander. Es gibt kaum Intellektuelle von Rang und Namen, die sich nicht auf ihn bezogen hätten. Susan Sontag kritisierte Debords Schriften als »phantasievolle Rhetorik«. Der Geisteswissenschaftler Jan-Werner Müller bezeichnete Debord in seiner »Politischen Ideengeschichte Europas im 20. Jahrhundert« als »innovativsten marxistischen Denker Europas nach 1945«. Sogar Jean Baudrillard war von Debord beeinflusst, weshalb man manchmal den Eindruck nicht los wird, als ob sein Werk als Steinbruch benutzt werde, aus dem sich eine Menge Leute bedient haben.

Noch zwanzig Jahre nach dem Selbstmord Debords 1994 bezeichnete ihn Le Monde in einem Nachruf als »Ästhet der Subversion« und »Doktor des Nichts«. Als solcher aufs Titelblatt zu kommen ist ungewöhnlich, denn in der Regel gelangen Menschen zu dieser Ehre, wenn sie sich um die Gesellschaft verdient gemacht haben. Aber Guy Debord hat es sich immer als Verdienst angerechnet, sein gesamtes Leben um ihre Abschaffung bemüht gewesen zu sein.

Dennoch wurde Debords Nachlass von der »Bibliothèque nationale« unter dem Titel »Eine Kunst des Kriegs« vom 27. März bis zum 13. Juli 2013 in einer großen Ausstellung präsentiert. Ob ihm der modernistische Monumentalbau der Bibliothèque nationale de France »Site François Mitterrand«, für das ein ganzes Viertel abgerissen wurde, immerhin eine Fläche von 60.000 Quadratmetern, gefallen hätte, ist unwahrscheinlich, denn Debord hatte trotz avantgardistischer Vorstellungen von einem neuen Urbanismus und trotz seiner Sympathie für das »New Babylon«, das der holländische Maler Constant Anton Nieuwenhuys entworfen hatte, immer einen melancholischen Blick für das alte Paris, einer Stadt, »die damals so schön war, dass viele Leute es vorzogen, dort lieber arm zu sein als irgendwo anders reich«. Aber die Bibliothèque nationale de France hat 2009 das Archiv Debords für einen mehrstelligen Millionenbetrag gekauft, nachdem auch die Yale University Interesse gezeigt hatte. Die damalige Kulturministerin Christine Albanel erklärte auf Drängen des Bibliotheksdirektors Bruno Racine den Nachlass Debords zum nationalen Kulturgut, zum »Tresor national«, womit Debord, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung spöttelte, »unter kulturellen Heimatschutz gestellt« wurde.

Und auch das ist erstaunlich, denn noch niemals geschah das mit einem französischen Autor, dessen Tod erst 15 Jahre zurücklag. Und noch erstaunlicher ist es, weil Debord vor nicht einmal 30 Jahren als Unruhestifter und Revolutionär galt und immer noch gilt, denn 2008 schrieb die Antiterroristische Einheit in einem Bericht über Julien Coupat, dem eine Sabotageaktion gegen die französische Eisenbahngesellschaft SNFC vorgeworfen wurde, dass er aus »der situationistischen Schule« käme, die sich »den Kampf gegen die aktuellen Strukturen der Gesellschaft« auf die Fahnen geschrieben hätte. In der Tat ist der vom Unsichtbaren Komitee verfasste »Kommende Aufstand«, der auch in Deutschland kurzfristig für eine heftige Wallung im Kulturbetrieb sorgte, eine Schrift, die sich in Stil, Duktus und der radikalen Ablehnung des Staates an die situationistischen Ideen anlehnt.

Rekuperation des Radikalen

Auch dass Debord 1984 von der französischen Presse der Mittäterschaft am Mord an Gérard Lebovici beschuldigt wurde, spielte keine Rolle mehr. Damals jedenfalls hat wahrscheinlich niemand daran gedacht, dass Debord einmal die Ehre widerfahren würde, vom Establishment zum französischen Nationalheiligen ernannt zu werden. Debord selbst hat Auszeichnungen und Preise von offizieller Seite immer abgelehnt. Aber an ihm verifizierte sich eine Einsicht, die Debord »Rekuperation« nannte, also die Vereinnahmung von Ideen und deren produktive Verwendung durch eine Gesellschaft, gegen die sie einst gerichtet waren.

Auch in der Literatur ist der Einfluss Debords posthum auf eigenartige Weise zu spüren. Der Nobelpreisträger Patrick Modiano hat in seinem vielleicht schönsten Roman »Im Café der verlorenen Jugend« von 2007 die Zeit der Lettristen Anfang der 1950er Jahre wieder aufleben lassen, manche der damaligen Tagediebe sogar mit Klarnamen, wie etwa Jean-Michel Mension, der sich in seinem Buch »Wir haben unsere unfertigen Abenteuer gelebt« an seine Freunde erinnert, an die Diskussionen über die einzig akzeptable Form von Kunst als das Leben selbst und an den Alkohol, den man brauchte, um zu überleben. »Auge in Auge mit der Gesellschaft: Kneife niemals, verweigere dich immer, akzeptiere niemals, reingelegt zu werden«, beschrieb für Jean-Michel Mension eine Haltung, die er und seine Freunde pflegten.

Bei Modiano taucht die Parole »Arbeitet niemals« wieder auf, der Fotograf Ed van der Elsken ebenso wie Guy Debord als »rührseliger Philosoph«, weil er die Bar als Treffpunkt der »verlorenen Jugend« bezeichnet hatte. Damals wurde das »Dérive« erfunden, das ziellose Umherschweifen in Paris, eine Praxis, mit der sich die Stimmung der Straßen und Viertel erkunden ließ, die »Psychogeographie«, wie Debord das später nannte und die Iain Sinclair in »London Orbital« wieder aufgegriffen hat, eine Erkundung der Peripherie Londons aus der Perspektive der Autobahn M25. Modianos gesamtes Werk lässt sich wie ein einziges Dérive lesen, ein ständiges Umherirren durch die nächtlichen Straßen, durch Brachen und Viertel und gefährliche Zonen, an Hotels, Bars, Theatern, Zäunen und dunklen Ecken vorbei, wodurch der melancholische Unterton der Verlorenheit in seinen Erzählungen evoziert wird.

»Ich brauchte Orientierungspunkte«, lässt Modiano in seinem Roman »Gräser der Nacht« seinen Protagonisten räsonieren, »Namen von Metrostationen, Hausnummern, Stammbäume von Hunden, als fürchtete ich, die Leute und Dinge könnten von einem Augenblick auf den anderen unsichtbar werden oder verschwinden, und ich müsste wenigstens einen Beweis ihrer Existenz bewahren.« Genau darum hat sich auch Debord in seiner Autobiographie »Panegyrikus« bemüht, um das Festhalten eines Augenblicks, einer Geste, eines Gesprächs, der Erinnerung an Freunde, die sonst unwiederbringlich verloren wären, und von den vielen geheimen Einflüssen, die er ausübte, erscheint mir dieser vielleicht als der schönste.

Klaus Bittermann ist freier Autor und betreibt den Verlag Edition Tiamat, bei dem auch Texte Guy Debords erschienen sind.

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