Aus: Ausgabe vom 29.07.2017, Seite 10 / Feuilleton

Sind wir eben Indianerkommunisten!

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Letzte Blüte: Spontanumzug zum »Gesang des Sputniks«

»Ein Porträt der Arbeiterklasse zum Zeitpunkt ihrer letzten Blüte« hatte der Franzose Hervé Baruléa alias Baru beim Zeichnen seiner Comicreihe »Die Sputnik-Jahre« (1999–2003, deutsch 2012) im Sinn. Die Coming-of-Age-Geschichte spielt in einem Industriestädtchen in Lothringen Ende der 50er Jahre. In dieser Zeit begann dort der Niedergang der Schwerindustrie. Es gab Streiks, Arbeiteraufstände und Wahlerfolge der KP, aber für die Knochenarbeit an den Hochöfen auch schon viele schwer organisierbare »Gastarbeiter« aus Algerien, Marokko, der Türkei oder Italien, zu letzteren gehörten die Eltern von Baru.

Seit Abschluss der Deindustrialisierung in den 80ern gehört Lothringen zu den ärmsten Regionen Frankreichs. Die Ohnmacht des Proletariats hat Baru zum Zeichnen gebracht: »Alles (…) verschwand direkt vor meinen Augen. Deswegen habe ich angefangen, Comics zu zeichnen (…), in denen die »Meinen« die Handlung bestimmen.«

Als die UdSSR im Oktober 1957 mit dem Sputnik-Start wie versprochen »die Überlegenheit des marxistisch-wissenschaftlichen Systems über den Kapitalismus« demonstriert, kommt es im Comicstädtchen zu einem Spontanumzug hinter einem Lautsprecherwagen her, aus dem »der Gesang des Sputniks« ertönt (dessen Signale aus dem Erdorbit waren weltweit zu empfangen – ein ozeanisches Gefühl, Bild oben).

Held der Bände ist der elfjährige Igor. Je nach Tagesform träumt er von Denkmälern, die ihm auf dem Marktplatz errichtet werden, nach Lektüre der Abenteuercomicserie »Yves le loup« (1947–1965) etwa für »Igor le loup. Den größten Rächer der Welt« – zeitgleich erscheint im Traum in riesenhafter Gestalt das geliebte Mädchen, um das Monument mit einem Blasrohr zu beschießen. Am nächsten kommt Igor der Unsterblichkeit im Arbeitskampf.

»Ihr habt kein Recht, Raketen zu bauen!« schimpft der dickliche Junge, der in der überkommenen Ordnung das Sagen hatte: »Wir sind Indianer, keine Kommunisten.« Igor erweist sich als der geborene Dialektiker: »Dann sind wir eben Indianerkommunisten!!!« Die Untermauerung durch seine Kumpels fällt etwas schwächer aus (»Die Indianer sind Rothäute! Und Rot ist die Farbe der Kommunisten«, sagt der eine. »Und Zack!« der andere), aber sie halten zu ihm. Und nur darum geht’s.

Gegen Ende wird ein Werk bestreikt. Dicht an dicht erwarten die Arbeiter, rote Fahnen schwenkend, hinter dem Fabriktor die Räumtruppen, die im Moment der Erstürmung mit Pfeilen angegriffen werden. »Eine Armee von Kindern!« brüllt der Oberbefehlshaber, nachdem ein Geschoss seine Wangen durchbohrt hat. »Ich hab’ gesagt: Knüppel frei! Verpasst ihnen eine Tracht Prügel! Damit die anderen Dreckschweine rauskommen!« Die Taktik geht auf. »Ver … Verflucht, sie verdreschen die Gören!!!« brüllt ein Arbeiter, und stürzt sich mit den Genossen auf die Ordnungskräfte, die im Verbund mit der minderjährigen »Artillerie« vernichtend geschlagen werden.

Die Montage der Attraktionen ist atemberaubend. Bei den Figuren handelt es sich um völlig unsentimentale Karikaturen, die sanfte Farbgebung ist ein schöner Kontrast.

Baru hat sehr viel mehr gezeichnet als »Die Sputnik-Jahre«, ein Boxersozialdrama (»Wut im Bauch«) etwa, aufwendige Mangas, epische Romanadaptionen und Halbweltkrimis mit unbarmherzigen Familien-Vendettas. Am heutigen Sonnabend wird er 70 Jahre alt. (xre)

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