Aus: Ausgabe vom 29.07.2017, Seite 11 / Feuilleton

Kammerspiel und Mystizismus

Andrej Kontschalowskis »Paradies« scheitert auf hohem Niveau

Von Kai Köhler
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Eine triviale Geschichte? Olga (Julia Wisotskaja) und Krause (Peter Kurth) in KZ-Baracke

Olga, russische Aristokratin im französischen Exil, wird im Zweiten Weltkrieg als Résistance-Kämpferin gefangengenommen, von dem Kollaborateur Jules verhört und in ein deutsches KZ verschleppt. Hier trifft sie einen Verehrer aus ihrer Vergangenheit: den jungen Helmut, mit dem sie vor einigen Jahren eine einzige Nacht verbracht hatte, dessen Briefe sie seitdem unbeantwortet ließ und der nun in der Hierarchie der SS weit aufgestiegen ist. Helmut nimmt Olga als Bedienstete zu sich. Damit ist die Gefangene zeitweise vor den schlimmsten Qualen geschützt, und eine komplizierte Beziehung beginnt.

So ambivalent wie dieses Verhältnis ist auch der Film. Wird hier historisch Besonderes sichtbar, das uns heute noch angeht? Oder handelt es sich nur um eine triviale Geschichte von Liebe und Macht, der eine KZ-Szenerie auf geschmacklose Weise Bedeutung verleihen soll? Die Antwort fällt schwer.

Auf der positiven Seite steht das Kammerspielartige der Inszenierung. Mehr als die Brutalität des Alltags im Konzentrationslager prägen ausgedehnte Verhöre den Film. Die Hauptfiguren, in Kittel gekleidet, sind dann jeweils alleine im Bild, man hört nur ihre Antworten – eine Herausforderung für die Schauspieler, so lange ganz ohne Gegenüber, nur für die Kamera, zu agieren. Es sind dies die stärksten Momente des Films. Das Klischee vom liebevollen Familienvater, der während der Dienstzeit foltert, mag alt sein; Philippe Duquesne als Jules verkörpert es derart überzeugend, dass man seinen frühen Abgang fast bedauert. Julia Wysozaia als Olga macht ohne sentimentale Überspitzung die Qual deutlich, mit der sie auf die Kompromisse zurückblickt, die sie nach der Verhaftung fürs Weiterleben schließen musste; und auch die kleinen Freuden, die im KZ zu großen werden: ein Bad! Lippenstift! Ausschlafen!

Christian Clauß spielt den Helmut geradezu ideal: einen gar nicht mal sehr grausamen jungen Adligen, der als Offizier in der Tradition seiner Familie steht und als Nazi keinen Moment zweifelt, dass der Faschismus ein deutsches Paradies schaffen wird. Die Einheit von Sensibilität und politischer Überzeugung geht so weit, dass er die Rettung seiner geliebten Feindin planen kann, ohne im Grundsätzlichen jemals schwankend zu werden.

In der fragwürdigsten Szene des Films dagegen tritt ein knallig chargierender Himmler auf, halb dämonisch und halb versponnen, keineswegs der brutale und effektive Organisator, als der er sich in den Machtapparaten der Nazis durchsetzte. Er verspricht Helmut, einer der künftigen obersten Führer zu sein, ohne dass man auch nur ahnen könnte, was diese leicht träumerische Persönlichkeit dazu qualifiziert. Meist nämlich erscheint Helmut passiv, etwas weich. Nur selten zeigt er Härte, gegen einen besoffenen Freund oder gegen den KZ-Kommandanten Krause, einen brutalen Haudegen, der für sich beansprucht, die für Helmuts Paradies notwendige Hölle geschaffen zu haben.

Dieser Krause ist korrupt, stiehlt das den Juden Gestohlene, statt es dem stehlenden Reich abzuliefern. Helmut überprüft – wie sein historisches Vorbild, SS-Obersturmbannführer Konrad Morgen – die Beuteabrechnungen im KZ. Immerhin gelang es jenem Morgen, den Kommandanten des KZ Buchenwald, Karl Otto Koch, zu überführen. Er wurde erschossen. Helmut bedeutet also für Krause eine Gefahr, zumal er bald Beweise für Unterschlagungen findet. Dieser Konflikt aber bekommt im Film keine Bedeutung. Helmut badet, schaut flimmernde Filme aus friedlicheren Zeiten, pflegt seine Freundin und hat überhaupt alle Zeit der Welt. Für Olga dagegen wird die Härte des Lageralltags bald zu einer ziemlich fernen Bedrohung, die eher von neidischen Mitgefangene ausgeht als von der mörderischen SS. Der Film schrumpft im letzten Drittel zu einer absonderlichen Liebesgeschichte, weil er das zuvor Entwickelte fallenlässt. Die Bildästhetik ist konsequent, die Folge der Handlungen unstimmig.

Wo ein dramaturgischer Fehler ist, findet sich meist auch ein inhaltliches Problem. Was mutet man heute in Russland dem Kinopublikum zu: Muss ausgerechnet eine Exilaristokratin für das Gute stehen, gab es nicht sowjetische Kämpferinnen? Welche heutigen Totalitarismus-Ideologien bedient Helmut, wenn er sein Naziparadies mit bolschewistischen Zukunftsvorstellungen gleichsetzt und verkündet, als Russe wäre er Kommunist geworden?

Und wenn am Ende Olga ins laut Drehbuch wirkliche, das religiöse Paradies eingehen darf, dann siegt religiöser Mystizismus. Eine dramaturgisch ergiebige Grundidee, eine ungewöhnliche Bildstrategie führen zuletzt zum dumpf-verklärenden Glauben. Der Film scheitert auf einem hohen ästhetischen Niveau; doch er scheitert.

»Paradies«, Regie: Andrej Kon­tschalowski, Russland/Deutschland 2016, 130 min, bereits angelaufen

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