Aus: Ausgabe vom 29.07.2017, Seite 1 / Titel

Absturz in den Krieg

Crash eines Hubschraubers lenkt Aufmerksamkeit auf die immer tiefere Verstrickung der Bundeswehr in Malis Konflikte

Von Jörg Kronauer
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»Tiger« können nicht fliegen

Dem Absturz eines »Tiger«-Hubschraubers der Bundeswehr am Mittwoch in Mali sind in dem afrikanischen Land heftige Kämpfe mit vermutlich Dutzenden Toten vorausgegangen. Wie Agenturen unter Berufung auf Quellen vor Ort berichten, handelte es sich dabei um Auseinandersetzungen zwischen zwei nordmalischen Bürgerkriegsparteien, der CMA (Koordination der Bewegungen des Azawad), einem von Tuareg dominierten Zusammenschluss früherer Separatisten, und der tendenziell regierungstreuen GATIA (Selbstverteidigungsgruppe der Imghad-Tuareg und ihrer Verbündeten). Die Rede ist von bis zu 50 Todesopfern auf seiten der GATIA-Miliz, die darüber hinaus einen Stützpunkt verloren haben soll. Die Kämpfe, zu deren Beobachtung die Bundeswehr-Hubschrauber gestartet waren, bevor einer von ihnen rund 70 Kilometer nördlich des deutschen Stützpunkts in Gao in der Wüste zerschellte, zählten demnach zu den verlustreichsten dieses Jahres. Unabhängig von der nach wie vor ungeklärten Absturzursache zeigt der Vorfall einmal mehr, dass die Bundeswehr sich immer tiefer in den Krieg in Mali verstrickt.

Deutsche Soldaten sind mit einem EU-Ausbildungseinsatz (EUTM Mali), vor allem aber im Rahmen der UN-Mission Minusma in Mali präsent. Die Minusma gilt mit bislang fast 130 Todesopfern in den eigenen Reihen als der gefährlichste UN-Einsatz überhaupt. Schon vor dem Absturz vom Mittwoch, bei dem zwei deutsche Soldaten ums Leben kamen, war der Krieg in Mali immer wieder mit dem in Afghanistan verglichen worden.

Dabei hatten Vertreter der Vereinten Nationen erst im Frühjahr Hoffnung auf eine Lösung des Konflikts im Norden Malis verbreitet. Entsprechend einer Friedensvereinbarung aus dem Jahr 2015 sollten ab März in den umkämpften nördlichen Landesteilen Übergangsverwaltungen eingesetzt werden. Dies galt als Voraussetzung, um weitere Fortschritte zu erreichen. Begleitet von erbitterten Auseinandersetzungen, konnte die Maßnahme zumindest ansatzweise in einigen Gebieten Nordmalis durchgesetzt werden, etwa in den Regionen Timbuktu und Gao. Massive Probleme gab es aber in der Region Kidal, wo die CMA schon Anfang Juli militärisch vorzurücken begann. Vor zwei Wochen wurden erste größere Kämpfe südwestlich von Kidal gemeldet, die der CMA offenbar deutliche Geländegewinne einbrachten. Mit den jüngsten Kämpfen eskaliert die Situation weiter; die Friedensvereinbarung, zu deren Einhaltung die Bundeswehr eigentlich beitragen soll, wird immer mehr zu Makulatur.

Dabei sind die Kämpfe zwischen den ehemaligen Tuareg-Separatisten und der GATIA-Miliz lediglich ein Aspekt in der weitaus komplexeren Konfliktkonstellation im Norden Malis. Neben diesen beiden Fraktionen operieren unterschiedliche dschihadistische Milizen im gesamten Sahel. Auf ihr Konto gehen regelmäßig Terroranschläge. Rückhalt haben sie seit dem NATO-Krieg des Jahres 2011 nicht zuletzt in Libyen. Die mutwillige Zerstörung dieses Landes war einer der zentralen Auslöser für den Krieg im Norden Malis: Sie ermöglichte damals den Zustrom einer großen Zahl von Kämpfern und vor allem von Waffen, was die Separatisten erst in die Lage versetzte, einen eigenen Staat auszurufen.

Zur militärischen Zuspitzung in Mali kommen nun auch innere Auseinandersetzungen in der Bundeswehr hinzu. Jüngsten Berichten zufolge sind nicht nur die »Tiger« überaus anfällig, sondern auch ihre Piloten nur unzureichend auf den Einsatz in Mali vorbereitet. Unter anderem hätten sie die vorgeschriebene Zahl an Flugstunden, die sie vor einem Einsatz absolviert haben müssten, nicht annähernd erfüllt, erklärte gestern ein Vertreter der Hubschrauberpiloten in der Truppe.

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