Aus: Ausgabe vom 28.07.2017, Seite 15 / Feminismus

»Autoritäre Sehnsüchte«

Ein neuer Sammelband setzt sich mit etwas überspannten queerfeministischen Debatten auseinander. Weniger Polemik hätte manchen Texten gutgetan

Von Michael Zander
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Nicht überall bedeutet Queerfeminismus, sich gegenseitig verbal zu zerfleischen: Auf der Demo »Welcome to Hell« gegen den G-20-Gipfel in Hamburg zeigte sich der queere Block vereint und kreativ

Queerfeministinnen haben während der vergangenen Jahre vor allem zwei wichtige Debatten in der Linken angestoßen: Zum einen argumentierten sie entschieden gegen die Verdinglichung von Geschlechtlichkeit und sexuellem Begehren. Stärker als ihre Vorläuferinnen hat die queerfeministische Bewegung angebliche Gewissheiten über »Zweigeschlechtlichkeit« hinterfragt und die Themen Inter- und Transsexualität auf die Tagesordnung gesetzt. Zum anderen wandte sie sich von der älteren »Identitätspolitik« ab, die sich an jeweils nur einem Verhältnis abarbeitete, etwa dem zwischen Frauen und Männern, Hetero- und Homosexuellen oder Behinderten und Nichtbehinderten. Dagegen fragte sie nach der »Intersektionalität«, also nach der Überschneidung verschiedener Diskriminierungserfahrungen. Man kann Einwände gegen ihre Theorien haben. So beruht die queerfeministische »Dekonstruk­tion« auf der anfechtbaren linguistischen These, Zweigeschlechtlichkeit werde vor allem durch »Sprechakte« hervorgebracht. Und der Ansatz der Intersektionalität geht eher von individuellen Erfahrungen als von gesellschaftlichen Verhältnissen aus und reduziert Klassen auf »Klassismus«, also auf Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft.

Wie in fast allen politischen Bewegungen zeigen sich zudem auch im Queerfeminismus Phänomene wie Dogmatismus und Sektierertum. Damit beschäftigt sich der Sammelband »Beißreflexe«. Herausgeberin Patsy l’Amour laLove bezeichnet sich als »Geschlechterforscherin und Polit-Tunte«. Eigentlich, so laLove, bedeute »queer« eine »Kritik an der heterosexuellen Normalität«, allerdings stehe heute nicht mehr die »Entgegnung auf die Feindseligkeit der Gesellschaft« im Mittelpunkt, sondern die »Ablehnung anderer politisch engagierter Homosexueller und Linker« sowie ein Aktivismus, in dem sich »autoritäre Sehnsüchte durch Sprech-, Denk- und Bekleidungsverbote« ausdrückten.

Ein Beispiel findet sich im Beitrag von Leo Fischer, der sich mit einem Vorfall aus dem Jahr 2013 befasst: Ein Konzert der linken Band Feine Sahne Fischfilet wurde damals unterbrochen, weil sich der schwitzende Schlagzeuger das Hemd ausgezogen hatte. Deswegen gab es Beschwerden: Der Musiker nutze damit ein »männliches Privileg«, weil Frauen das nicht gleichermaßen machen könnten. Fischer warnt vor den Konsequenzen eines solchen Privilegienbegriffs: »Wenn nicht Rechte erkämpft werden, sondern Privilegien gestrichen«, dann werde »möglichst gleichmäßig verteilte Repression« zum »Eichmaß des gesellschaftlichen Fortschritts«. Ein weiteres Beispiel für diese Denkweise laut Fischer: »Neuerdings ist es etwa in queeren Kreisen Mode geworden, Homosexuelle, die eine bürgerliche Ehe anstreben, als Repräsentanten von Heteronormativität zu behandeln.« Sie schadeten anderen Lebensentwürfen, die »nicht die Paarbeziehung zum Vorbild« hätten.

Andere Autoren beziehen sich auf die Debatte um angebliche »weiße Privilegien«. So wird Weißen, die Dreadlocks tragen oder »Tunnel« im Ohrläppchen haben, eine »kulturelle Aneignung« und damit ein quasi neokolonialistischer Akt vorgeworfen. Dies impliziert, wie laLove schreibt, dass »man von streng voneinander getrennten, identitären Völkern ausgeht, die sich ihrer Zugehörigkeit gemäß zu kleiden haben.« So abwegig solche Auseinandersetzungen erscheinen mögen: Sie haben schon zu schweren Zerwürfnissen in linken Gruppen und Bündnissen geführt. Koschka Linkerhand sieht hinter der Fokussierung auf Identitätskategorien die unbewusste Verinnerlichung neoliberaler Anforderungen zu »permanenter Selbstgestaltung und -optimierung«.

Leider sind die meisten Beiträge des Bandes in Ton und Inhalt äußerst polemisch gehalten. Die Mehrheit der Autoren vertritt dabei »antideutsche« Ansichten – und diffamiert andere Ansichten auf eine Weise, die bei anderen Themen im Buch zu Recht kritisiert wird. Dies zeigt sich etwa in einer pauschalisierenden Kritik am Islam. Melanie Götz zum Beispiel behauptet in ihrem Beitrag, der zuerst in der Wochenzeitung Jungle World erschienen ist, »selbstbewusst (…) auftretende Neo-Muslima«, die das Kopftuch, tragen, würden »die Agenda des Islamismus, ob intendiert oder nicht, verfolgen«. Die Autorin scheint tatsächlich zu glauben, die Millionen muslimischer Frauen, die dies tun, seien Helfershelferinnen einer bestimmten Ideologie. Das ist in etwa so, als würde man die kirchliche Entwicklungshilfeorganisation »Brot für die Welt« mit der Pius-Bruderschaft und der Inquisition in einen Topf werfen oder »Kapital«-Lesekreise mit dem Terror der »Roten Khmer« in den 1970er Jahren in Kambodscha in Verbindung bringen. Wer so leichtfertig verallgemeinert, klingt am Ende tatsächlich ähnlich wie Pegida.

Dirk Ludigs wiederum empört sich über die »queere« Kritik an »Pinkwashing«, also darüber, dass Israel »LGBT-Freundlichkeit als Propagandamittel nutze, um von seiner Palästina-Politik abzulenken, seine muslimischen Nachbarn als (…) rückständig zu brandmarken und die existierende palästinensische LBGT-Bewegung zu marginalisieren« (LGBT: Lesben, Schwule bzw. Gay-People, Bisexuelle, Transgender). Ludigs hält diese Argumentation für antisemitisch, weil sie Israel an besonderen Standards messe, während doch ein Staat wie Kanada auf Landraub gegründet sei, ohne deshalb verurteilt zu werden.

»Antideutschen« wie auch einem Teil der queerfeministischen Bewegung scheint gemein zu sein, dass sie moralisches Diskreditieren als Trumpf in der Auseinandersetzung mit anderen Positionen einsetzen. Wünschenswert wäre, statt dessen verbal abzurüsten und zu sachlicher Kritik zurückzukehren. Dazu trägt der Sammelband leider wenig bei.

Patsy l’Amour laLove (Hrsg.): Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten. Querverlag, Berlin 2017, 269 Seiten, 16,90 Euro

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