Aus: Ausgabe vom 24.07.2017, Seite 15 / Politisches Buch

Sehhilfe für das Erste

Für wen und wozu macht die ARD die »Tagesschau«? Frühere Redakteure geben Einblick in Geschichte und Gegenwart von Manipulation und Meinungsmache

Von Rüdiger Göbel
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Statt kritischen Journalismus verbreitet das Erste meist die Position der Bundesregierung

Im Jemen steigt die Zahl der Choleraerkrankungen und -toten dramatisch an, meldete die »Tagesschau« am 20. Juli unter Verweis auf aktuelle Zahlen der UNO. »In dem Land auf der Arabischen Halbinsel tobt seit zwei Jahren ein Bürgerkrieg. Weite Teile der Infrastruktur sind zerstört. Es fehlt an medizinischer Versorgung und sauberem Trinkwasser, was die Ausbreitung der Krankheit beschleunigt.« Es fehle an Medikamenten und medizinischer Ausrüstung in den Krankenhäusern, heißt es im Korrespondentenbericht aus einer Klinik in Sanaa. Eine See- und Luftblockade verhindere den Nachschub. Doch wer hat die verhängt? Wer hungert die Bevölkerung Jemens aus, wer lässt die Kinder des Landes an Cholera sterben? Es wird eben nicht vermeldet, dass Saudi-Arabien für die systematische Zerstörung der jemenitischen Infrastruktur verantwortlich ist. Überhaupt wird die Rolle Riads in dem Krieg nur am Rande erwähnt. Liegt das vielleicht daran, dass die reaktionären Diktatoren am Persischen Golf von der Bundesregierung als wichtige Garanten der Stabilität hofiert und weiter fleißig mit Waffen »Made in Germany« aufgerüstet werden? Die saudische Verantwortung für die jemenitische Katastrophe wird kleingeredet. Zur Erinnerung: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei ihrem Besuch im Frühjahr den Truppen des saudischen Herrscherhauses die Ausbildungsertüchtigung durch die Bundeswehr in Aussicht gestellt.

»Wahrheiten halbieren durch schlichtes Verschweigen von Tatsachen ist die einfachste und beliebteste Methode der Meinungsmanipula­tion«, so Uli Gellermann, Friedhelm Klinkhammer und Volker Bräutigam in ihrem Buch »Die Macht um acht. Der Faktor Tagesschau« über die billige Masche. Und die Autoren fragen: »Wem und wozu dient die Tagesschau: Dem Gebührenzahler, vor allem in den gefährlichen Zeiten von Kriegsgefahr und Krieg, die Chance zu geben, sich anhand einer sachlichen, faktenreichen und gegensätzliche Positionen referierenden Berichterstattung eine Meinung zu bilden, oder aber der jeweiligen Regierung ein Medium zu sein, um ihre Politik als richtig und alternativlos zu verkaufen?«

Abend für Abend informiert die »Tagesschau« 15 Minuten lang über die vorgeblich wichtigsten Ereignisse des Tages – nachdem mit »Börse vor acht« Werbung für die Großindustrie und Hochfinanz gemacht wurde. Die Hauptnachrichtensendung im Ersten um 20 Uhr ist eine Institution. Das »Flaggschiff der ARD« gibt sich als verlässlich, neutral und seriös. In »Die Macht um acht« hinterfragt das Autorentrio diese Selbstzuschreibung präzise und brillant. Das Buch ist informativ wie unterhaltsam. Man merkt der Schreibe an, dass die drei ihr Handwerk als Journalisten gelernt haben. Und: Gellermann, Klinkhammer und Bräutigam erklären nicht nur die Nachrichtenauswahl oder kritisieren die Berichterstattung in zentralen Themenfeldern wie Krieg oder Zerstörung des Sozialstaats, sie verweisen die Leser auch auf das Mittel der Programmbeschwerde. Der Zuschauerprotest sei eine Möglichkeit der demokratischen Auseinandersetzung mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Mehr als 200 solcher Programmbeschwerden haben die Autoren in den vergangenen Jahren verfasst, ein Best-of ist im Buch versammelt. Ihre Bilanz der »Tagesschau«-Langzeitauswertung: »Nach diesen 15 Minuten weiß man, was die Regierung denkt; was die Republik denken soll und was zu denken unter den Tisch fallen kann.«

Und doch geben die Autoren nicht auf. Gellermann betreibt in seinem Blog »Rationalgalerie« unermüdlich Medienkritik vom Feinsten, die früheren NDR-Journalisten Klinkhammer und Bräutigam schicken weiter Programmbeschwerde für Programmbeschwerde an ihre ehemaligen Chefs. In einem aktuellen, an die NDR-Rundfunkräte gerichteten Schreiben wird auf eine wichtige, unterschlagene Meldung verwiesen: Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, UNHCR, hat am 30. Juni auf einer Pressekonferenz in Genf mitgeteilt, dass in den ersten sechs Monaten dieses Jahres bereits mindestens 440.000 Syrien-Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückgekehrt seien. Es stehe zu erwarten, dass diese Zahl bis Jahresende auf mehr als eine halbe Million Menschen anwachsen werde. Rückkehr-Schwerpunkte seien die Regionen Aleppo, Hama, Homs und Damaskus. »Nachrichtenagenturen und Rundfunksender, die noch über Restbestände berufsethischer Grundsätze verfügen, informierten selbstverständlich über diese UN-Mitteilung. Beispielsweise die BBC«, so Klinkhammer und Bräutigam. »ARD-aktuell« berichtete nicht. Dabei sei es doch von einigem Interesse, »dass es sich laut UNHCR um freiwillige Rückkehr in die von der syrischen Armee und ihren russischen sowie iranischen Alliierten befreiten Zonen handelt, in Gebiete, aus denen die von der Westlichen Werte-Gemeinschaft bezahlten terroristischen Söldnertruppen und dschihadistischen Mördermilizen von Al-Qaida und IS vertrieben wurden«. Da das Flüchtlingsproblem Syriens monatelang fester Teil der Berichterstattung war, sei es »sachlich nicht gerechtfertigt«, dass über die Angaben der UNHCR in den »ARD-aktuell«-Sendungen sowohl am 1. als auch 2. Juli 2017 »mit keiner Silbe berichtet« wurde.

»Die Macht um acht« ist Aufklärung im besten Sinne und eine eigentlich verschreibungspflichtige Sehhilfe für alle Nachrichtenkonsumenten. Das Drama: Beim ZDF und bei den Privaten ist es nicht besser. Im Gegenteil.

Uli Gellermann, Friedhelm Klinkhammer, Volker Bräutigam: Die Macht um acht. Der Faktor Tagesschau. Papyrossa-Verlag, Köln 2017, 172 S., 13,90 Euro

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