Aus: Ausgabe vom 22.07.2017, Seite 15 / Geschichte

Riot in Motor City

Vor 50 Jahren entlud sich die Wut der rassistisch diskriminierten Afroamerikaner in Detroit. Bei den Ausschreitungen starben 43 Menschen

Von Jürgen Heiser
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Straßenkämpfe, Plünderungen, Polizeigewalt, Tote: Detroit im Sommer 1967

Im Sommer 1967 war die Atmosphäre im vorwiegend von Schwarzen bewohnten Stadtteil Virginia Park von Detroit äußerst angespannt. Die 60.000 Bewohner im heruntergekommenen Viertel dieser Großstadt im Südosten des US-Bundesstaats Michigan waren auf engem Raum eingepfercht, lebten in zu kleinen Wohnungen und schäbigen Holzhäusern unter elenden Bedingungen. Der Sommer war heiß und eine Perspektive auf Veränderung der Lage in dieser Nachbarschaft nicht in Sicht.

Im Detroit Police Department (DPD) arbeiteten zu dieser Zeit nur wenige afroamerikanische Beamte, weshalb die Polizei in Virginia Park als weiße Besatzungsarmee angesehen wurde. Die wenigen anderen Weißen im Viertel pendelten zwischen ihren »besseren« Wohnvierteln in den Vororten Detroits zur 12. Straße im Zentrum des Viertels, wo sie in zahlreichen Läden ihren Geschäften nachgingen.

Abends verwandelte sich die 12th Street in einen gut besuchten Tummelplatz des Detroiter Nachtlebens. Die Grenze zwischen legaler und illegaler Geschäftigkeit der Gastronomie und allen »Rotlicht«-Unternehmungen war fließend. An der Ecke 12th und Clairmount Street betrieb William Scott einen »blind pig«, einen Nachtclub ohne Schanklizenz. Scott empfing seine Gäste in Räumlichkeiten, die zum Büro der »United Community League for Civic Action« gehörten, einer Bürgerrechtsorganisation, die von hier aus ihre Kampagnen organisierte. Die DPD-Sondereinheit der »Vice Squad«, die sich um »Sitte und öffentliche Ordnung« zu kümmern hatte, nahm sich in diesem Bezirk regelmäßig sogenannte zwielichtige Etablissements vor und war generell nicht zimperlich mit ihren überfallartigen Razzien. Am Sonntag, dem 23. Juli 1967, frühmorgens gegen 3.35 Uhr, war Scotts Club an der Reihe.

Die Wut entlädt sich

Ziel der Razzia war eine Party für zwei schwarze US-Soldaten, die gerade von ihrem Kriegseinsatz in Vietnam zurückgekehrt waren. Die Feier war bereits in Auflösung begriffen, als die Polizei gewaltsam in die Räume eindrang, angeblich, »um die Betreiber der illegalen Schankwirtschaft« festzunehmen. Da die anwesenden 82 Personen nach Hause wollten, wurden sie alle für festgenommen erklärt. Als die Nachricht nach draußen drang, versammelten sich etwa 200 Leute vor dem Gebäude, die wegen der willkürlichen Massenfestnahme und dem brutalen Vorgehen der Polizei äußerst aufgebracht waren. Als eine der festgenommenen schwarzen Frauen von Beamten der »Vice Squad« verprügelt wurde, flog die erste Flasche Richtung Polizei und landete auf der Straße. Zuerst ignorierten die Polizisten den Wurf, als es dann aber Flaschen hagelte und eine durch die Windschutzscheibe eines Streifenwagens flog, flüchteten sie vor der Übermacht der wütenden Viertelbewohner.

Die Menge wuchs schnell auf Tausende an, deren Zorn sich zunächst vor allem gegen die Läden der Weißen richtete. Schaufenster wurden eingeschmissen und Auslagen geplündert. Gegen 6.30 Uhr brach das erste Feuer aus, das sich von Haus zu Haus weiterfraß, bis weite Teile der 12. Straße in Flammen standen. Inzwischen waren alle verfügbaren Kräfte von Polizei und Feuerwehr in Detroit mobilisiert worden. Die Polizei versuchte die Situation unter Kontrolle zu bringen und Feuerwehrleuten den Weg an die Brandstätten zu bahnen, kam aber kaum gegen die überall Widerstand leistende Menge an.

Bürgermeister Jerome P. Cavanagh (Demokraten) forderte deshalb bei Michigans Gouverneur George W. Romney (Republikaner) 360 Staatspolizisten zur Unterstützung an. Diesen gelang es indes ebenfalls nicht, die Unruhen, die sich mittlerweile auf ein Gebiet von etwa hundert Häuserblocks weit über Virginia Park hinaus ausgeweitet hatten, einzudämmen. Daraufhin wurden bis Sonntag Abend zusätzlich 800 Staatspolizisten und 8.000 Milizionäre der Nationalgarde in Marsch gesetzt. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits fünf Tote, und rund tausend »Unruhestifter« waren in Gewahrsam genommen worden. Trotzdem weiteten sich die Straßenkämpfe immer noch aus. Die Einsatzkräfte meldeten ihrer Zentrale, sie würden mit Flaschen und Steinen beworfen und hätten Probleme, weiter vorzurücken.

Militär im Viertel

Die Bilanz von Montag: 16 Menschen waren von Sicherheitskräften erschossen worden. Aufständische hinderten die Feuerwehrleute daran zu löschen und zerschnitten die Schläuche. Da Gouverneur Romney nunmehr die nationale Sicherheit gefährdet sah, forderte er US-Präsident Lyndon B. Johnson zur Entsendung von Einheiten des US-Militärs auf. Am Dienstag um 7 Uhr früh marschierten 4.700 Fallschirmjäger der 82nd Airborne Division in das Aufstandsgebiet ein und nahmen in kleinen Einheiten zu Fuß und mit Panzern und Schützenpanzern ihre Patrouillen auf. Eine knappe Stunde später verhängte Bürgermeister Cavanagh eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 21 Uhr abends und 5 Uhr früh. Kurz nach Beginn der Sperrzeit erschossen Sicherheitskräfte einen 16jährigen schwarzen Jugendlichen auf der Straße, nachdem tagsüber bereits neun Aktivisten ihren Schusswaffenverletzungen erlegen waren. Am Mittwoch starb ein weiteres Dutzend, obwohl das Militär bereits am Dienstag gemeldet hatte, die Lage sei »unter Kontrolle«.

Am Ende des viertägigen Aufstands befanden sich mehr als 7.200 Bewohner des Viertels und anderer Stadtteile Detroits in Gewahrsam. Insgesamt verloren nach offiziellen Angaben 43 Teilnehmer der Unruhen ihr Leben, 1.189 wurden verletzt. Die Einsatzkräfte verzeichneten nur leichte Blessuren durch Flaschen- und Steinwürfe. Rund 2.500 Geschäfte waren geplündert worden und an die 1.400 Gebäude ausgebrannt. Etwa 5.000 Stadtteilbewohner hatten ihr Zuhause verloren. Das Bürgermeisteramt schätzte den Sachschaden grob auf 50 Millionen US-Dollar.

Bis heute gelten die »12th Street Riots« von 1967 als »die schlimmsten« bis zu den landesweiten Unruhen nach der Ermordung Martin Luther Kings im April 1968. Sie seien Teil einer »Periode der Aufstände« in den 1960er Jahren, wie der Bericht der von US-Präsident Johnson eingesetzten Untersuchungskommission »National Advisory Commission on Civil Disorders« feststellte. Zwischen 1965 und 1968 habe es »150 Aufstände oder massive Störungen der öffentlichen Ordnung« gegeben. Getötet und verletzt wurden in der Mehrzahl afroamerikanische Männer und Frauen. Die Aufstände seien meist »die unmittelbare Reaktion auf brutale Polizeigewalt« gewesen, wie der Geschichtsblog BlackPast.org der University of Washington in Seattle notiert. Anlass für »die Steigerung der Wut der Aufständischen«, so der Blog weiter, seien jedoch vor allem »die Rassentrennung in Wohnvierteln und Schulen sowie die steigende Arbeitslosigkeit für Schwarze« gewesen.

Quelle: Malcolm X 1964 zu den Aufständen in den US-Ghettos

Wir hier in Amerika glaubten immer, wir kämpften allein, und die meisten Afroamerikaner werden einem genau das sagen – dass wir eine Minderheit sind. Aber wenn wir denken, dass wir eine Minderheit sind, dann kämpfen wir wie eine. Wir kämpfen, als ob wir die von vornherein Unterlegenen, als ob wir die Underdogs wären. Diese Art Kampf findet statt, nur weil wir noch nicht wissen, wie wir in das Ganze passen. Es ist unmöglich für dich und für mich zu wissen, wo wir stehen, wenn man nicht die ganze Welt mit einbezieht. Eben nicht nur in Harlem oder New York, oder Mississippi oder Amerika – wir müssen die ganze Erde sehen. Man kann nicht wissen, wo man in Amerika steht, wenn man nicht weiß, wo Amerika in der Welt steht. Amerika ist das reichste Land der Erde, und hier gibt es Armut, verkommene Wohnungen, Slums, minderwertige Schulen. Und das soll das reichste Land der Erde sein. (...)

Wenn wir die Motivation für die Weltrevolution, den Antrieb der Afrikaner, der asiatischen Völker verstehen, dann können wir etwas davon selbst werden. Wir werden wirklich in Schwung kommen, auf ein wirkliches Ziel hin. (…) Wir müssen etwas in die Hand nehmen und sagen: »Ihr oder wir.« So können wir frei werden. Dass jeder sagen muss: »Diese Leute sind reif für die Freiheit.« Etwas in die Hand nehmen, sage ich – und ich werde nicht weiter erklären, was. Und ich meine nicht Bananen.

Malcolm X: »Ihr oder wir. Aus einer Rede in Harlem, 20. Dezember 1964« in: »Lernen: subversiv. Amerikkka«, Frankfurt/M 1974, S. 109 f.

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