Aus: Ausgabe vom 20.07.2017, Seite 15 / Medien

Frischer Wind

Die Medien in Kuba wenden sich ­zunehmend kritisch und ­erfolgreich dem Alltag der Menschen zu

Von Volker Hermsdorf
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Begehrter Lesestoff: Ein Zeitungsverkäufer auf einem Markt in Havanna (26.1.2010)

Kubas Medien werden jünger, kritischer und frecher. Vor allem traditionelle Zeitungen, Onlineportale, Radio- und Fernsehsender verändern sich. Tageszeitungen wie Granma oder Juventud Rebelde sind an den Kiosken fast immer ausverkauft, was nur zum Teil an den materiellen Problemen bei der Herstellung von Printmedien in Kuba liegt. Ihre Beliebtheit verdanken die klassischen Medien vor allem der Professionalität gut ausgebildeter Journalisten, die zunehmend über Missstände berichten, dabei aber auch Hintergründe recherchieren.

Die seit einigen Jahren von ausländischen Staaten und Medienkonzernen mit viel Geld und moderner Technik unterstützten »unabhängigen privaten Medien« haben dagegen einen schweren Stand. Die Kritik der meist in den USA oder Europa trainierten Autoren wirkt oft konstruiert und ist überzogen. Außerdem lassen die Kontakte der Mitarbeiter von 14 y Medio, El Toque oder Periodismo de Barrio zu ausländischen Regierungen und Stiftungen bis hin zu Contraorganisationen in Miami diese Produkte in der Bevölkerung unglaubwürdig erscheinen.

Die Traditionsmedien bemühen sich dagegen seit einigen Jahren mit wachsendem Erfolg um einen neuen Stil ihrer Berichterstattung und um mehr Leserbeteiligung. Seit die Parteizeitung Granma in jeder Freitagausgabe eine Doppelseite für Kritik an Missständen zur Verfügung stellt, sind die dort veröffentlichten Beispiele oft Gesprächsstoff in Betrieben und Stadtteilen. Im Gegensatz zu üblichen Leserbriefseiten hakt die Redaktion bei kritisierten Behörden oder Unternehmen nach, fordert Stellungnahmen ein und überprüft später, ob Abhilfe geschaffen wurde. Auch andere Medien verstehen sich zunehmend als Sprachrohr der Bürger, wie Beispiele aus der ersten Juliwoche zeigen.

Am 3. Juli berichtete die Gewerkschaftszeitung Trabajadores unter der Überschrift »Wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert« als Aufmacher auf der Seite vier über den Fall einer jungen Jurastudentin, die von dem Fahrer eines privaten Taxis zunächst wegen ihrer Hautfarbe beleidigt und als sie sich dagegen verwahrte, vor Erreichen ihres Zieles aus dem Auto geworfen wurde. Die Zeitung druckte ein Foto des Taxis, das die junge Frau mit ihrem Smart­phone gemacht hatte und veröffentlichte es samt Kennzeichen mit dem Hinweis, dass ein derartig rassistisches Verhalten gegen »die ethischen Prinzipien der Revolution und die kubanische Verfassung« verstoße und zudem strafrechtlich relevant sei. Der Journalist Iroel Sánchez verbreitete den Beitrag einen Tag später in seinem Blog La pupila insomne und löste damit eine Lawine von Kommentaren und eine Debatte über den Umgang mit rassistischen Erscheinungen in der kubanischen Gesellschaft aus.

Schönfärberei und Triumphalismus früherer Zeiten sind in den Traditionsmedien immer seltener anzutreffen. Sie verzichten jedoch bewusst auf die reißerische Aufmachung, plakative Sprache und Vereinfachung vieler westlicher Publikationen. Neben Informationen sollen Hintergründe geliefert und eine sachliche Debatte angeregt werden. Ein Beispiel dafür lieferte Javier Gómez Sánchez, ein Autor des Blogs La Joven Cuba Anfang Juli im Onlineportal Cubadebate. Unter dem Titel »Verarmung in HD« beschrieb er die Zunahme von Luxusgeschäften in Havanna, die Läden mit günstigen An­geboten für Normalverdiener verdrängten. Er habe nichts gegen den Verkauf von importierten Smart-TV-Geräten für mehrere tausend und Mobiltelefone für einige hundert Pesos Convertibles (1 CUC entspricht ungefähr 0,90 Euro), schreibt der Jungjournalist. Er kritisiert jedoch, dass es immer schwieriger werde, Geschäfte zu finden, die in Kuba produzierte Haushaltsgeräte zu moderaten Preisen anbieten. Der Luxus der einen, bewertet Gómez Sánchez seine Beispiele, führe zur Verarmung der Mehrheit. »Es kann sein, dass solche Läden wirtschaftlich profitabel sind«, lautet sein Fazit, »aber im Sozialismus reicht uns das nicht, sie müssen auch sozial rentabel sein.« Innerhalb weniger Tage wurde das Thema in mehr als 210 Kommentaren diskutiert, deren Niveau – wie in Kuba üblich – deutlich über den oft substanzlosen in westlichen Onlinemedien liegt.

Die BBC brachte als abschreckendes Gegenbeispiel am 8. Juni zum gleichen Thema lediglich ein plumpes Propagandastück zustande. Im Gegensatz zum differenzierten Cubadebate-Beitrag legt der britische Auslandssender für Kuba andere Maßstäbe als in anderen Ländern an. In einem Bericht über die Einkaufspassage »Manzana de Gomez« in Havanna schwärmt BBC-Korrespondent Will Grant zunächst von den für Kuba neuen Mont Blanc-, Gucci- und Lacoste-Läden. Zu Longines- und Bulgari-Uhren für 10.000 US-Dollar fällt ihm ein, das solche Preise über dem Jahreseinkommen kubanischer Familien liegen. »Über die Preisschilder an den Armani-Anzügen kann Antonio nur lachen«, schildert der BBC-Autor eine offenbar von ihm erfundene Figur, die er dann fragen lässt: »Wissen Sie, was Kubaner verdienen?« Obwohl solche Fragen zu Recht die ungleiche Einkommensverteilung aufwerfen, werden sie erstaunlicherweise nicht für die Luxusshoppingmeilen europäischer Großstädte gestellt. Doch auch in London, Bern, Wien oder Berlin verfügt die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung nach Abzug der in Kuba unbekannten Kosten für Miete, Gesundheit, Bildung und der Steuern nicht über eine Geldsumme, die ihr den Kauf von Uhren für 10.000 US-Dollar gestattet.

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