Aus: Ausgabe vom 17.07.2017, Seite 12 / Thema

Die Mühsal der Emanzipation

Sie holte Sigmund Freuds Lehre nach dem Faschismus zurück nach Deutschland. Der Psychoanalytikerin und Feministin Margarete Mitscherlich-Nielsen zum 100. Geburtstag

Von Christiana Puschak
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1967 attestierte sie den Deutschen im Buch »Die Unfähigkeit zu trauern«, das sie gemeinsam mit ihrem Mann Alexander verfasst hatte, die kollektive und individuelle Verdrängung des Faschismus – die Grande Dame der Psychoanalyse und Mitbegründerin des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts Margarete ­Mitscherlich (Aufnahme vom März 2008)

In diesem Sommer ist es fünf Jahre her, dass die Psychoanalytikerin, Feministin und Gesellschaftskritikerin Margarete Mitscherlich-Nielsen, die bis zuletzt klug, tiefsinnig und humorvoll das Zeitgeschehen kommentierte, hochbetagt verstarb. Sie gehörte zu denen, die sich zeitlebens unmissverständlich für Positionen einer selbstkritischen Aufklärung einsetzten und die Kräfte des Ichs unterstützten. Unprätentiös, mit sanfter Radikalität und ohne Anflug von Orthodoxie reflektierte sie die großen Fragen ihres Lebens sowie des Lebens überhaupt: das Vergessen und Verdrängen, die Stellung der Frau in der Gesellschaft, die Geschlechterrollen, das Älter- und Altwerden. Bis zum Schluss hielt sie nicht hinterm Berg, durch Frechheit und Verstand verblüffte sie die akademische Welt: »Meine Thesen stimmen immer irgendwo auch, sind aber mit einer großen Lust an der Provokation verbunden.« Opposition zog sich gleichsam wie ein roter Faden durch ihre Biographie. Sie beginnt bereits während ihrer Kindheit und Adoleszenz. »Alles, wozu ich gezwungen werden sollte, hatte bei mir keine Chance.« Gegen Ungerechtigkeiten, die sie beobachtete, rebellierte sie und reagierte allergisch auf Benachteiligungen als Mädchen.

Liberales Elternhaus

Unterschiedliches kann zusammengeführt werden und Grenzen müssen nicht unüberwindbar sein müssen, das lernte die am 17. Juli 1917 Geborene früh. Im Grenzgebiet Dänemarks zu Deutschland wuchs sie als Tochter einer deutschen Mutter und eines dänischen Vaters auf. Ihre Mutter war Lehrerin und stand der bürgerlichen Frauenbewegung einer Gertrud Bäumer und Helene Lange nahe, die sich dafür einsetzten, Mädchen eine ebensolche Ausbildung wie Jungen zukommen zu lassen und sie zu befähigen, eine eigenständige Persönlichkeit zu entfalten. Ihre Mutter war es, die die Entwicklung ihrer Tochter förderte und ihr vermittelte, dass Kindererziehung und Beruf durchaus vereinbar seien. Sie war »die einzige«, bei der sie sich »vollkommen aufgehoben fühlte«, die eine Atmosphäre verbreitete, »die das Alleinsein mit sich, seinen Gedanken, seinen Phantasien möglich machte«, ohne dabei die äußere Welt zu verlieren, und die ihr erlaubte, alles zu lesen, was ihr in die Finger kam. Dennoch blieb ihr die Mutter lebenslang ein Rätsel. »Ich bin Psychoanalytikerin geworden, um meine Mutter zu verstehen«, sagte Margarete einmal in einem ihrer zahlreichen Interviews. Ihr Vater, obgleich ein von seiner Arbeit oft überforderter und zuweilen zur Depression neigender Landarzt, zeigte sich als der Einfühlsamere und Tolerantere in der Familie.

Im Lyceum eckte Margarete mit ihrem freien Denken an. Bereits durch ihr Elternhaus gegen die Nazis sensibilisiert, wurde ihr Freiheitsdrang auch durch ihre Deutschlehrerin verstärkt, die ihr wie den anderen Mitschülerinnen »eine Welt des Geistigen« und neue Möglichkeiten des Denkens eröffnete und dadurch ebenso zu ihrer Immunisierung gegen die faschistische Ideologie beitrug. So entschied sie sich aus »Realitätssinn« gegen ein Studium der damals braun gefärbten Fächer Geschichte und Literatur und für ein Studium der Medizin: »Ich dachte, den menschlichen Körper können sie nicht braun färben, der Körper bleibt ewig, was er ist«. Während ihrer Universitätszeit, in der ihr Widerwille gegen Gruppenzwang und Führerkult wie ihr Freigeist auffielen, wurde sie von der Gestapo observiert, verhört und entging knapp der Verhaftung. 1944 legte sie in Heidelberg ihr Staatsexamen ab. Drei Jahre später kam es in einer anthroposophischen Klinik im schweizerischen Ascona zu der Begegnung, die zum Wendepunkt in ihrem Leben wurde. Dort lernte sie Alexander Mitscherlich kennen: Aus einer Affäre wurde eine 35 Jahre währende Liebes- und Arbeitsbeziehung. Gemeinsam führten sie ein offenes und intellektuelles Haus und pflegten ein weit gespanntes Netz an freundschaftlichen Kontakten.

Wie Margarete war Alexander auf seine Art oppositionell. Er scheute sich nicht, in seinen Publikationen »Das Diktat der Menschenverachtung« (1947) und »Wissenschaft ohne Menschlichkeit« (1949) die »Untaten von so ungezügelter und zugleich bürokratisch-sachlich organisierter Lieblosigkeit, Bosheit und Mordgier« der Ärzte während der Nazizeit anzuprangern. Damit machte er sich unter seinen Fachkollegen keine Freunde und wurde als »Nestbeschmutzer« etikettiert. Was sich Alexander Mitscherlich nach dieser, wie er es nannte, »seelenquälenden Quellenarbeit« erhoffte, drückt der Titel einer von Alfred Weber, Karl Jaspers, Werner Krauss und Dolf Sternberger herausgegebenen Zeitschrift programmatisch aus: Die Wandlung. Für dieses progressiv-bürgerliche Monatsheft schrieb er Beiträge, in denen es ihm um eine humanistische Neubesinnung und ein Eintreten für einen demokratischen Sozialismus ging.

Engagement für die Psychoanalyse

Nach dem Ende der blutigen Tyrannei und des Krieges war es Margarete, die zusammen mit ihrem Mann für die Rückkehr der verfemten und als »jüdische« Wissenschaft denunzierten Psychoanalyse nach Deutschland kämpfte. Beide verhalfen ihr gegen Widerstände akademisch zum Durchbruch: die Schriften Freuds wurden diskutiert, die psychoanalytische Forschung des Auslands rezipiert und eine fachwissenschaftliche Öffentlichkeit gebildet. Denn, »was da im Innern des Menschen geschieht – dass er liebt, hasst, Eifersucht fühlt, sexuelle Wünsche hat, Phantasien, die er gar nicht schätzt und unterdrückt –, das hat Freud uns erschlossen und immer wieder neu auf seine Gesetzmäßigkeit zu durchleuchten versucht«. Nie habe sie Freud idealisiert, ihn als Gott gesehen, äußerte sie in einem Interview und fuhr fort: »Ich weiß, dass er ein Mensch seiner Zeit war und die damals herrschenden bürgerlichen und vor allem patriarchalischen Werte seine Ansichten tief geprägt haben«. Zudem war ihr klar, dass er nicht erkannt habe, »dass Frauen keineswegs von Natur aus (…) unterlegen sind, sondern von der Gesellschaft in diese Rolle gedrängt werden«.

Mit Leidenschaft stellte sie sich der Banalisierung wie Ablehnung der psychoanalytischen Theorie im öffentlichen Diskurs entgegen. Ihre psychoanalytische Ausbildung und ihre Lehranalyse absolvierte sie bei Michael Balint in London, dem damaligen Mekka der Psychoanalyse. Dort lernte sie Anna Freud, Paula Heimann, Melanie Klein und viele andere von den Nazis vertriebene Psychoanalytiker kennen. Aus diesem »Zentrum der geistigen Welt« empfing sie inspirierende Impulse. Für sie sollte die Wissenschaft der Psychoanalyse, »die das Unbewusste und damit die Welt der Gefühle und Affekte ins Licht bewusster Erkenntnis führt«, Inhalt ihres intellektuellen Lebens bleiben. Diese sollte ihren »Lebenssinn« bestimmen und ihr helfen, sich von »Denkeinschränkungen, Vorurteilen, Ideologien« zu befreien. Selbstgerechtigkeit, Rechthaberei und Intoleranz hatten bei ihr keinen Platz. Es ist daher auch nicht weiter verwunderlich, dass sie, obwohl »immer eher links gesonnen«, die 68er-Bewegung kritisierte, wenn einzelne ihrer Protagonisten in ihrem Denken »eine gewisse Gewalttätigkeit« ausübten. Manche 68er pochten darauf, so Margarete in einem Interview, »dass alle so denken mussten wie sie (…) Das war wieder eine Ideologie, und es war intolerant.«

Unterstützt von ihren Freunden Theodor W. Adorno und Max Horkheimer gründete Margarete gemeinsam mit ihrem Mann und anderen 1960 das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main, an dem sie fortan therapeutisch wirkte und lehrte. Sie sorgte dafür, dass die Psychoanalyse als Beruf auch in Deutschland institutionalisiert wurde und half beim Aufbau eines Ausbildungssystems. Als Mitherausgeberin der Zeitschrift Psyche, einem Diskussionsforum zur kritischen Auseinandersetzung mit der psychoanalytischen Theorie, war es ihr möglich, »Denkalternativen« gemäß ihrem Credo zu lancieren: »Lebendig bleiben nur solche Menschen, die die Lust an neuen Erkenntnissen auch über sich selber höher bewerten als die Anerkennung von außen.« Gleichzeitig bot ihr die Psychoanalyse als »Eye-Opener« die Möglichkeit der Selbstprüfung: »Ich erkannte, wie vielfältig und oft widersprüchlich mein Verhalten von unbewussten Motiven und Phantasien bestimmt war, ich lernte, mit mir selbst toleranter, ›gnädiger‹ zu sein, Ambivalenz zu ertragen.« Und sie gab ihr die Möglichkeit, wie sie in ihrem autobiographischen Rückblick »Autobiografie und Lebenswerk einer Psychoanalytikerin« schreibt, das Jahrhundert verstehen zu lernen, dessen Zeugin sie war.

Die Unfähigkeit zu trauern

Der seelischen Mauer des Verdrängens wie der »derealisierten« Vergangenheit galt Ende der 1960er Jahre ihre verstärkte Aufmerksamkeit, war doch nur eine Minderheit fähig zu trauern: »Über alles wurde gesprochen, nur nicht über den Krieg« und »über die Verbrechen der Nazis«. Sie beklagte die Unzulänglichkeit der und die Weigerung zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wie das Fehlen von Schuld- und Schamgefühlen: »Als die Deutschen in den 1950er Jahren wieder ins Ausland fahren konnten, waren sie hochgradig erstaunt, dass dort fast nichts vergessen war. An die Vergangenheit erinnert zu werden wurde nur als Böswilligkeit der ressentimentgeladenen Nachbarvölker ausgelegt.« An die Stelle von Trauerarbeit gemäß der Freudschen Formel »Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten« sei die Verleugnung der Vergangenheit getreten, so Margarete und Alexander Mitscherlich in ihrem Buch »Die Unfähigkeit zu trauern – Grundlagen kollektiven Verhaltens«. Diese »manische Abwehr« führten die beiden u. a. auf die massenhafte Integration der Deutschen in die »Volksgemeinschaft« zurück, auf die geschürte und verinnerlichte Angst vor dem Fremden und das Abwerten des anderen. Als einen möglichen Weg boten sie in ihrem Buch »die Arbeit des Erinnerns und des Trauerns« an, »nicht die Abwehrarbeit von Verdrängen und Vergessen«.

So energisch, wie Margarete Mitscherlich gegen die Verdrängungsstrategien nach der Zeit des Faschismus anschrieb, so vehement setzte sie sich für die Rechte und Emanzipation der Frauen ein und griff immer wieder entsprechende Themen auf. War für sie die Psychoanalyse das »Streben nach Wissen, Erkenntnis und Glück«, so war der Feminismus etwas, was schon immer zu ihrem Leben gehörte. Sie fühlte sich als Feministin, »lange bevor es in Deutschland eine Frauenbewegung gab«. Für sie waren Gerechtigkeit und Chancengleichheit zeitlebens etwas Selbstverständliches. 1972 veröffentlichte sie ihr erstes eigenständiges Buch: »Müssen wir hassen?«, das mit einem Essay über »Emanzipation und Sexualität der Frau« beginnt und Psychoanalyse und Feminismus zusammenführt.

Aufklärende Feministin

In ihrem Interesse und Einsatz für die Frauenbewegung zeigen sich die Prägungen ihrer Kindheit und Jugend. »Sie hatten«, so beschreibt sie es in »Mein Leben und meine Zeit«, »mit der starken Mutteridentifizierung« und damit auch ihrem Engagement für Rolle und Status der Frau zu tun, aber auch mit dem »unbewussten Wunsch, sie zu überflügeln, ihre konservativ-bürgerlichen Grenzen zu durchbrechen«. 1977 schockierte sie als anerkannte Psychoanalytikerin mit ihrer Feststellung: »Ich bin Feministin« in der ersten Emma-Ausgabe die Öffentlichkeit. Empfand die Gilde der Psychoanalytiker dieses Bekenntnis als standeswidrige Provokation, so war es für sie, wie sie es einmal formulierte, ein regelrechter Befreiungsschlag. Sie stellte Freuds Weiblichkeitstheorie in Frage, revidierte wie Karen Horney Freuds Entwurf des Penisneids und kritisierte seine patriarchale Grundhaltung. Sie setzte sich für die Abschaffung des Paragraphen 218 ein und verklagte gemeinsam mit ihrer Freundin Alice Schwarzer und anderen Frauen die Zeitschrift Stern wegen deren sexistischen Titelfotos. Durch Vorträge, Artikel und Bücher bestimmte sie den feministischen Diskurs in der Bundesrepublik mit und leistete publizistische Ermutigungsarbeit. Wichtig war es ihr vor allem, begreifen zu lernen, »warum die Frauen seit jeher so bereitwillig ihre gesellschaftliche Degradierung verinnerlichten«. Diagnostizierte sie in »Die friedfertige Frau«, dass »die abhängige und leidensbereite Haltung der Frau durch eine geschlechtsspezifische Sozialisation begünstigt wird«, so postulierte sie in dem Interview-Band »Eine unbeugsame Frau«, »dass Frauen sich nicht nur gegen Männer, sondern auch gegen sich selbst durchsetzen müssen«. Sie sollten sich keine rollenspezifischen Verhaltensweisen aufzwingen lassen. »Eine emanzipierte Frau ist in der Lage, sich von vorgefundenen Werten und Vorstellungen über ihre Rolle zu distanzieren.« Sich aus den Zwängen traditionellen Denkens und dem Gefängnis der Wiederholungen, die das Lebendige in einem Menschen ersticken, zu befreien, ist ein lebenslanges Unternehmen. Dabei halfen ihr das Abenteuer der biographischen Spurensuche, das Interesse an Schicksalen und die »allzu-menschliche Neugier auf das Leben anderer, auf ihr Denken, Fühlen, Phantasieren«. Aus dem Leben Simone de Beauvoirs, Margaret Meads oder Christa Wolfs, die sich ganz bewusst der tradierten Frauenrolle entzogen, erfuhr Margarete Mitscherlich Anregungen für ihre Arbeit und ihre Identitätsbildung: Die Frau müsse sich ihre Identität erst erobern, »bisher wurde ihr ›weibliche Identität‹ von außen aufgezwungen.«

Gleichzeitig räumte sie mit dem auch von einigen Feministinnen beschworenen Mythos auf, dass die Frau im Gegensatz zum Mann von Natur aus friedfertig sei. Dies sei anerzogen und hindere die Frauen daran, gegen die männliche Herrschaft und Unterdrückung zu rebellieren. Ihr Buch »Die friedfertige Frau« ist als ein Appell zu deuten, die sozialisierte und instrumentalisierte Friedfertigkeit abzustreifen und sich gegenüber dem Dominanzverhalten der Männer zur Wehr zu setzen und aufzubegehren. Frauen müssen lernen, so Mitscherlichs Rat, die Rolle der Gefühlvollen und Dienenden zu verändern, mit ihren Aggressionen einen angemessenen Umgang zu finden, der weder anderen noch ihnen selbst schadet, und Schuldgefühle besser zu ertragen. Denn, so Mitscherlich weiter, »konfliktfreies und aggressionsloses Miteinanderleben wäre ein Pseudoparadies, in dem man (…) wahrscheinlich vor Langeweile zugrunde gehen würde«.

In ihrem Nachwort »Weibliche Aggression – ein Modell?« führte sie aus, dass es für einen weiblichen Lernprozess der Ideale und Vorbilder bedürfe. Denn: »An der Frau liegt es, männlichem Imponier- und Selbstdarstellungsgehabe, dieser Wurzel vieler Gewaltakte und kriegerischer Auseinandersetzungen, die zur Aufrechterhaltung solcher Mentalität notwendige Bewunderung zu versagen, die eigenen Identifikationen mit männlichen Idealen und Wertvorstellungen zu überprüfen und in Frage zu stellen. An der Frau liegt es, sich ihrer Geschichte zu erinnern und sich auf ihre Vorbilder in Vergangenheit und Gegenwart zu besinnen.«

Offensiv gelebt

In dem Sammelband »Die Radikalität des Alters« (2010) zieht Margarete Mitscherlich ein Resümee ihres Lebens und gewährt Einblick in ihre gesellschaftlichen Betrachtungen und in die »Einsichten einer Psychoanalytikerin«, so der Untertitel. Hier zeigt sie, wie wichtig ihr das geschriebene oder gesprochene Wort ist, das Wort nämlich als etwas, das den Menschen zum Menschen mache. Dies begründe ihrer Meinung nach die Überlegenheit der Psychoanalyse gegenüber anderen psychotherapeutischen Verfahren: »Die Sprache ist der Beginn jeder Weiterentwicklung.« Bis ins hohe Alter betrieb Margarete ihre eigene psychoanalytische Praxis, war für sie doch »jeder Patient ja auch eine Art Roman«.

Als Lehranalytikerin und Ausbildungsleiterin am Sigmund-Freud-Institut und in der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung prägte sie mehrere Generationen von Analytikerinnen und Analytikern. Sie war verbandspolitisch engagiert, Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und erhielt für ihre Verdienste zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, so 1982 die Wilhelm-Leuschner-Medaille, 1984 den Kulturpreis der Stadt Flensburg, der erstmals einer Frau überreicht wurde, 1990 die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt am Main, 2001 das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und 2005 für ihr frauenpolitisches Engagement und ihren Einsatz für die Gleichberechtigung den Tony-Sender-Preis. Bei der Entgegennahme des Erwin-Chargaff-Preises im gleichen Jahr erklärte sie, sie beschäftige sich in ihrer Arbeit »mit Emanzipation im weitesten Sinn«.

Ihr Leben lang, so auch in ihren letzten Jahren, in denen sie die Unzuverlässigkeit der Beine, die Gebrechlichkeit des Körpers und die Präsenz des Todes spürte, intervenierte sie analytisch und parteinehmend. Sie führte, wie ihre Freunde Ute und Jürgen Habermas schrieben, ein offensiv gelebtes Leben trotz vieler Verwundungen. Denn: »Lebendig zu bleiben« bedeutete für Margarete Mitscherlich auch, »ein Leben lang auf der Suche nach sich selbst zu sein«.

Am 12. Juni 2012 verstarb Margarete Mitscherlich-Nielsen. »Non, je ne regrette rien«, dieses Chanson von Edith Piaf bildete den Schlussakkord der Trauerfeierlichkeiten – ihrem Wunsch gemäß.

Christiana Puschak lebt und arbeitet als Psychologin und freie Autorin in Berlin. Von ihr erschien zuletzt (zusammen mit Jürgen Krämer): »Ein Herzstück blieb in Prag zurück. In Amerika leb’ ich auf Reisen« – ein Lebensbild. Die Dichterin Gertrude Urzidil (1898–1977) zwischen Prag und New York. Praesens Verlag, Wien 2015.

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