Aus: Ausgabe vom 17.07.2017, Seite 11 / Feuilleton

Sprache als Waffe und Heimat

Zwei Ausstellungen in München erinnern an die Revolutionäre Kurt Eisner und Oskar Maria Graf

Von Nick Brauns
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»Mein Auftreten in Lederhosen macht mich überall rasch populär, und ­geschäftlich ist das ungemein vorteilhaft«: Oskar Maria Graf 1964 in Berg

Während im tiefschwarzen Bayern von höchster Stelle in gewohnter Weise gegen Flüchtlinge und Homoehe gehetzt wird, erinnern derzeit zwei Ausstellungen an ein anderes, rebellisches Bayern. Anlass dafür sind der 150. Geburtstag des Revolutionärs und ersten Ministerpräsidenten des Freistaates, Kurt Eisner, sowie der 50. Todestag des antifaschistischen Schriftstellers Oskar Maria Graf.

Im Stile einer raumgreifenden Wandzeitung haben die Historiker Ingrid Scherf und Günther Gerstenberg die Exposition »Revolutionär und Ministerpräsident – Kurt Eisner 1867–1919« im Münchner Stadtmuseum gestaltet. Collageartig werden unter Überschriften wie »Kriegsgewinnler«, »das Antlitz der herrschenden Klasse«, »Spekulanten und Verlierer« Zitate, Bilder, Artikel und Grafiken präsentiert. Dazu kommen Ton- und Filmdokumente unter anderem von der Friedenskundgebung am 7. November 1918, die zum Auftakt der von Eisner angeführten Revolution wurde. Den Ausstellungsmachern geht es darum, das bis heute vorherrschende Bild von Eisner als einem weltfremden Utopisten zu korrigieren.

Mittelstands-Antisemitismus

Deutlich erkannte der am 14. Mai 1867 in einer Berliner bürgerlich-jüdischen Kaufmannsfamilie geborene Eisner, der als Journalist ab 1907 erst in Nürnberg und dann in München wohnte, die ökonomischen Grundlagen des aufziehenden Antisemitismus. »Der Mittelstand wird von der steten Furcht verfolgt, zu verlieren. Jede leise Veränderung der umgebenden Verhältnisse macht ihn zittern. Jedwedes Geschehnis ist ihm eine Teilerscheinung jener großen Verschwörung, die auf seinen Untergang abzielt. Daher auch die rührend-felsenfeste Überzeugung von der Wahrheit semitischer Weltbündelei auf talmudischer Grundlage«. Dieser Artikel von 1894 könnte auch die heutige AfD- oder Pegida-Gefolgschaft charakterisieren, nur dass an die Stelle des Juden der Moslem getreten ist.

Innerhalb der Sozialdemokratie lag Eisner als Neukantianer, der den in seinen Augen zu ökonomistischen Marxismus durch eine eigene Ethik ergänzen wollte, mit den pragmatischen Realos und den Parteilinken gleichermaßen überkreuz. Sein Ziel war eine »Revolutionierung der Köpfe«: das Proletariat durch Bildungsarbeit zur Befreiung zu befähigen. Mit der Organisation eines Massenstreiks der Münchner Rüstungsarbeiter im Januar 1918 erwies sich Eisner, der während des Weltkrieges die Antikriegsopposition in München angeführt hatte, als politischer Praktiker ersten Ranges. Nach der Novemberrevolution wurde Eisner zum ersten Ministerpräsidenten des von ihm ausgerufenen Freistaates. Seine Ermordung durch den antisemitischen Eiferer Anton Graf von Arco auf Valley läutete am 21. Februar 1919 die nächste radikalere Phase der Revolution ein, die in der Ausrufung der kurzlebigen Räterepublik gipfeln sollte. Auch hierauf geht die Ausstellung noch ein.

In den stürmischen Tagen am Ende des Weltkrieges kreuzten sich die Wege Eisners und des aus der bayerischen Provinz für die erhoffte Dichterkarriere nach München gezogenen Bäckersohns Oskar Maria Graf, der in seiner Autobiographie »Wir sind Gefangene« den Verlauf der Revolution aus eigener Anschauung schilderte. Im Mittelpunkt der Ausstellung »Rebell, Weltbürger, Erzähler« im Münchner Literaturhaus steht allerdings die Zeit des Exils von Graf und seiner Frau Mirjam Sachs, die auf der Flucht vor den Nazis ab 1933 in Wien, dann im tschechischen Brünn (Brno) und ab 1938 in New York lebten.

Goethe, Lincoln, Lenin, Mama

In New York engagierte sich der parteipolitisch nie gebundene Gefühlssozialist Graf, der vor 1933 in der Gefangenenhilfsorganisation Rote Hilfe aktiv war, nicht nur literarisch gegen den Faschismus. Er verschaffte auch zahlreichen verfolgten Schriftstellerkollegen US-Visa und sammelte Hilfsgelder für die Neuangekommenen. Sein 1940 veröffentlichtes Hauptwerk »Das Leben meiner Mutter« entwirft ein humanistisches Gegenbild zum Mutterkult der Nazis.

Die durch Film- und Tondokumente ergänzten Exponate der Ausstellung werden auf alten Schreibtischen präsentiert. Grafs Arbeitstisch aus seiner New Yorker Wohnung, den ihm ein kommunistischer Mitemigrant geschreinert hatte, ist nicht darunter. »Was ich im Lauf der Zeit liebgewann, das hängt verstreut an meinen Zimmerwänden: Tolstoi und Goethe, Lincoln und Lenin, ein Bild von Marx, von Masaryk und Thomas Mann, drei Aquarelle (Wiesen, Berge, Wolken drüberhin), dazwischen, werktäglich und ohne Drum und Dran und dennoch wie das Krönende schlechthin, hängt meine alte Mutter, und mit ihr vollenden sich gleichsam nach geheimnisvollem Sinn Zusammenhänge, die mir erst nach schweren Jahren und wie durch einen Zufall offenbar geworden sind«, beschrieb Graf sein New Yorker Zimmer. Dessen Einrichtung einschließlich des Originaltisches kann in der Dauerausstellung im Münchner Literaturarchiv Monacensia besichtigt werden.

Lederhosen-PR

Dafür hängt im Literaturhaus eine von Graf getragene Lederhose von imposantem Ausmaß. »Mein Auftreten in Lederhosen macht mich überall rasch populär, und geschäftlich ist das ungemein vorteilhaft« – mit dem speckigen Kleidungsstück, das er auch 1934 bei einer Reise zum Schriftstellerkongress in Moskau trug, erzielte Graf durchaus einen PR-Effekt.

Nach einem München-Besuch 1958 drückte er seine Abscheu darüber aus, wie sich die Eliten der Nazizeit weiterhin halten konnten. »Hierbleiben? Auf keinen Fall. Ich könnte hier nicht atmen, wo die Mehrheit so satt und selbstzufrieden dahinlebt. Die Situation hier erinnert mich geradezu unheimlich an die Jahre vor 1933.« Mit seinem autobiographisch geprägten Roman »Flucht ins Mittelmäßige« entwirft er ein neues, nicht mehr an eine Nation, sondern an die Erinnerung, Freunde und die Sprache gebundenes Konzept von Heimat.

»Ich merke, wie unsagbar ich in der deutschen Sprache gefangen bin, ich kann doch wirklich die Deutschen nicht leiden, vielleicht ertrage ich nur die Bayern und die Juden, die deutsch sprechen – aber die Sprache ist geradezu mein Schicksal, mein Segen und mein Fluch!« bekannte der Dichter 1960. Beharrlich weigerte sich Graf auch nach zwei Jahrzehnten in den USA, Englisch zu lernen. Schließlich bewegte sich der auch zwischen Wolkenkratzern Lederhose tragende Bayer, der vom FBI als »Kommunist« überwacht wurde, in New York fast ausschließlich unter deutschen Emigranten. »Jeden Donnerstag habe ich eben meinen Pfundsrausch und bummle mich aus«, schrieb Graf, der sich in Wirtshäusern mit Namen wie Café Vienna oder Restaurant Blaue Donau mit anderen antifaschistischen Emigranten wie Bert Brecht zum Stammtisch einfand. Heute würde man von einer Parallelgesellschaft extremistischer Integrationsverweigerer sprechen.

Eisner-Ausstellung im Münchner Stadtmuseum bis zum 8. Oktober 2017

Graf-Ausstellung im Literaturhaus München bis zum 5. November 2017

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