Aus: Ausgabe vom 17.07.2017, Seite 10 / Feuilleton

In die Ecken

Von Ulla Lessmann
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»Also in die Ecken, da geht dir ja keine. Und mal so richtig hinter die Schränke auch nicht.«

Also in die Ecken, da geht dir ja keine. Und mal so richtig hinter die Schränke auch nicht. Das sagen alle, die Putzhilfen haben. Putzfrauen darf man nicht mehr sagen, sagt meine Cousine, Haushaltshilfe geht wohl so gerade noch, ich sage jetzt mal Putzhilfe, weil Haushaltshilfe so nach Haushälterin klingt, was sich ja keiner leisten kann, und das sind auch gelernte. Putzhilfen sind eher nicht gelernte, vielleicht ist das deshalb immer so ein Problem mit den Ecken.

Meine Cousine hat jetzt eine, die nur immer mal eben durchwischt so alle paar Tage, um die Ecken, sagt sie, geht die aber immer drumrum. Viele haben ja jetzt eine, weil man denkt, musst du denn nun wirklich noch unter die Betten kriechen und auf die Fensterbänke klettern, und wenn meine Tochter das sehen würde, dass ich immer noch die Oberlichter von außen putze und mich da so schräg rausbeuge, wenn keiner guckt, würde die was über sich kriegen.

Aber ich sehe das auch nicht so eng, dass man bei mir vom Fußboden essen können muss, das sagte man früher oft, bei der kann man vom Fußboden essen, das war vor den Teppichböden, ein blöder Spruch eigentlich, weil gerade die, bei der man vom Fußboden hätte essen können, es doch nun besonders mit dem Tischdecken mit allem Drum und Dran und richtigen Servietten hatte. Die Treppe putze ich aber auf jeden Fall selber weiter, weil, wenn man da nicht in die Ecken geht, denken die Nachbarn, wie das wohl bei einem in der Wohnung aussieht. Deshalb mache ich das auch mit viel Schaum. Wobei sie ja jetzt sagen, man soll auf die Umwelt achten und wenig Putzmittel nehmen wegen des Grundwassers. Aber man kann es auch übertreiben, und es ist mir doch wichtiger, dass die Nachbarn sehen, dass ich gründlich bin, anstatt dass ich nun noch das Grundwasser im Kopf habe!

Meine Turnfreundin hat jetzt eine Hilfe zum Bügeln, aber die macht ihr Knicke in die Geschirrtücher und ich sage ihr: »Wieso lässt du denn deine Geschirrtücher bügeln? Da ist man doch heutzutage drüber hinaus«. Aber sie sagt, man soll da gar nicht erst mit anfangen, manche Sachen wegzulassen, das geht dann so weiter, und dann achtet man irgendwann nicht mehr drauf, ob die Krümel unter dem Frühstückstisch liegen oder die Haare im Waschbecken, und dann kommt Besuch, und der denkt dann, »jetzt müsste hier aber mal jemand gründlich durchgehen«, und dann muss man diskutieren, dass man doch sowieso niemanden findet, der in die Ecken geht, und dass ich eigentlich auch keinen will, der sieht, dass ich die Bilderrahmen nur Ostern wische, weil ich finde, dass man ja selber schuld ist, wenn man mit dem Finger über die Bilderrahmen geht.

Ich mache das jedenfalls nur aus Tradition einmal im Jahr, und so eine Putzhilfe, die kriegt dann alles mit, und man fühlt sich entlarvt, und womöglich werde ich wie meine Cousine, die nämlich immer selber in die Ecken geht, bevor ihre Putzhilfe kommt. Wahrscheinlich machen das alle, und dann beschweren sie sich, dass ihre Putzfrauen nicht in die Ecken gehen.

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