Aus: Ausgabe vom 17.07.2017, Seite 10 / Feuilleton

Frei und entschlossen

Verschrubbelte Dröhnungen und ­aufgedrehte Hits: Neuerscheinungen im aktuellen Krautrock-Revival

Von Thomas Behlert
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Noch und nöcher: Cluster, tief in den Siebzigern

Jetzt ist es wieder soweit. Die Musik, die ab den Siebzigern das elektronische Gezirpe ab den frühen Neunzigern überhaupt erst möglich machte, erlebt abermals ein Revival: Krautrock, von seinen Produzenten auch gern als »kosmische Musik« bezeichnet. Es gibt immer noch genug Musiker vom damals, die unverdrossen an ihrer Acid-Freakout-Musik weiterarbeiten, auch wenn sie nicht mehr in wilden Op-Art-Covern erscheint.

In den goldenen Siebzigern flüsterte man sich ihre Namen heimlich und ehrfurchtsvoll während der Vorlesungen zu, um den harmlos flachen Scheiß von ELP, die spirituelle Airbrushmalereimusik von Yes und das Mantra-Geklingel von Pink Floyds »Dark Side of the Moon« aus den Gehörgängen verbannten. Das waren sie, die Genialen der Krautrockszene: Can, Cluster, Tangerine Dream, Amon Düül II, Klaus Schulze, Neu!, später dann Faust und natürlich Kraftwerk.

Nachdem Can die Fans vor zwei Jahren mit einer dicken LP-Box fast kirre gemacht haben, weil es sie erst nirgends und dann nur sehr selten und sehr teuer zu kaufen gab, erscheint nun eine kompakte Hitsammlung, die sie schlicht und gerecht »The Singles« nennen. Was es da plötzlich alles wieder zu entdecken gibt, und dann auch noch als detailgenaue Reproduktion: Das Klagelied »Vitamin C« scheppert genial, es knarzt das Schlagzeug, und Holger Czukay gibt am Bass tiefe Einblicke in seine Soundgedanken. Dann noch das zarte »I’m So Green« und das monumentale »Halleluwah«, das den Rhythmus nur schwer halten kann, aber Damo Suzukis Stimme mit der Perkussion an die Wand drückt.

Von Cluster dagegen findet man »noch und nöcher« Livemitschnitte, die Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius auf dem Höhepunkt ihrer vertrackten Künste präsentieren. Diesmal sind es ein Konzert von 1972 aus der Hamburger Fabrik und ein unwahrscheinlich farbenfrohes Gemetzel vom Science-Fiction-Festival 1977 in Metz. Das Duo zeigt sich roh, brutal und sehr spontan. Es gibt Klangfetzen, Dröhnungen und aufgedrehtes Gepiepse, das in beschwingten und kosmisch angehauchten Instrumentalverwirrungen endet. Weder herkömmliche Synthesizer noch Sequenzer und Verstärkertürme sind hier zu vernehmen, statt dessen wird mit großer Kraft dem Publikum die Birne weichgespielt.

Desweiteren wird an Jurriaan Andriessen (1925–1996), den niederländischen Komponisten experimenteller Ambient- und Minimal-Music, erinnert – mit der Wiederveröffentlichung seines 1977er Werkes »The Awakening Dream«. Andriessen, der auch 1980 die Musik zur Krönung von Königin Beatrix schrieb, verbindet hier die Ideen von Cluster, Edgar Froese, gar Kraftwerk mit den minimalistischen Kompositionen von Philip Glass. Manchmal guckt Conrad Schnitzler aus den Boxen, um gleich wieder von einem überraschenden Soundgefüge vertrieben zu werden.

Aber wir leben doch heute, oder? Also, Faust gibt es immer noch, auch wenn sie nur noch aus den Gründern Jean-Hervé Péron und Werner Diermeyer bestehen und sich nun »faUSt« schreiben. Zusammen mit befreundeten Musikern wie Jürgen Engler von Die Krupps oder der Indie-Heroine Barbara Manning spielten sie an verschiedenen Orten der USA das Album »Fresh Air« ein, auf dem sie die Texte hinausschreien und beim Titelstück dann doch ziemlich sinnlos fragen: »Kann man ruhig atmen hier, oder werden wir vergiftet?« Doch dann wird die »Marseillaise« im Stück »Chlorophyll« für das Jetzt und Heute umgedichtet, es gibt wildes Entsetzen, hymnische Wortfetzen und ein freies Spiel, das sehr entschlossen und polyphon klingt. Verschrubbelter Rock und ewig stampfender Maschinenhallen-Blues.

Noch mehr Pioniere in der Gegenwart gefällig? Harald Grosskopf und Eberhard Kranemann trippen und flippen auf ihrem ersten gemeinsamen Album »Krautwerk« eine psychedelische Geisterbeschwörung herbei. Grosskopf war erster Schlagzeuger bei Klaus Schulze und Mitglied von Ashra, während Kranemann bei den ganz frühen Kraftwerk und Neu! tätig war. Sie trafen sich im vergangenen Jahr auf einem Festival und beschlossen, gemeinsam eine Art Mensch-Maschine-Kunst zu zelebrieren und wahnwitzig grenzenlose Klangfarben einzubauen – visionär!

Kraftwerk, das heißt das letzte verbliebene Urmitglied Ralf Hütter plus Personal, hauen völlig unvisionär und selbstreferentiell die Acht-CD-Box »3 D – der Katalog« raus, für die acht Kraftwerk-Platten in den großen Kunstkathedralen und Theatern neu eingepielt wurden – live, aber ohne dass man das Publikum hört.

Und wer das Frühwerk von Kraftwerk genießen, aber dafür nicht soviel Geld ausgeben möchte, der wird nun von Zeitkratzer bestens bedient. Die zehnköpfige Avantgarde- und Improband aus Berlin interpretiert nichts neu, sondern verarbeitet unter Leitung von Reinhold Fiedl ziemlich deckungsgleich die alten Songs. Das ist Musik von Kraftwerk vor deren großem Durchbruch, wie Anfang der Siebziger, als sie noch mit Schlagzeug, Cello, Flöte und Keyboard in Verbindung gebracht wurden. Auf »Zeitkratzer performs songs from ›Kraftwerk‹ and ›Kraftwerk 2‹« freut man sich über wunderbare, vielleicht schon längst vergessene Stücke wie »Ruckzuck«, »Kling Klang« und »Spule 4«.

Can: »The Singles« (Spoon)

Cluster: »Konzerte 72/75« (Bureau B.)

Jurriaan Andriessen: »The Awakening Dream« (Bureau B.)

faUSt: »Fresh Air« (Bureau B.)

Harald Grosskopf/Eberhard Kranemann: »Krautwerk« (Bureau B.)

Kraftwerk: »3 D – der Katalog« (­Parlophon)

Zeitkratzer: »… performs songs from ›Kraftwerk‹ and ›Kraftwerk 2‹« (­Broken Silence)

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