Aus: Ausgabe vom 17.07.2017, Seite 6 / Ausland

Kampf um Jerusalem

Nach einem Angriff auf Polizisten wollen Israels Rechte den ganzen Tempelberg in Besitz nehmen

Von Knut Mellenthin
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Betende Palästinenser werden am Sonntag vor dem Eingang zum Tempelberg von israelischen Polizisten überwacht

In Israel, in den seit 1967 besetzten Gebieten westlich des Jordan, und im Gazastreifen droht wieder einmal eine gewaltsame Eskalation. Auslöser war am Freitag morgen ein Angriff von drei Arabern aus der nordisraelischen Stadt Umm Al-Fahd auf Angehörige der Grenzpolizei, die einen der Zugänge zum Tempelberg in der Altstadt von Jerusalem bewachten. Bei dem Überfall wurden zwei der Polizisten so schwer verletzt, dass sie später im Krankenhaus starben. Die drei Angreifer – zwei 19jährige und ein 29jähriger – flüchteten in Richtung einer auf dem Tempelberg gelegenen Moschee. Israelische Sicherheitskräfte jagten ihnen nach und erschossen sie.

Aus dem gesamtem Bereich, in dem unter anderem die Al-Aksa Moschee und der ebenfalls muslimische Felsendom liegen, wurden nach dem Zwischenfall alle Gläubigen und Touristen vertrieben. Polizei und Militär riegelten weiträumig alle Zugangswege ab und verhinderten später die Durchführung des muslimischen Freitagsgottesdienstes. Am späten Sonnabend gab die israelische Regierung bekannt, dass der Tempelberg ab Sonntag nachmittag wieder »schrittweise« für Muslime geöffnet werde. Weil inzwischen Metalldetektoren und Kameras an den Toren zum Haram Al-Sharif angebracht worden waren, rief der Direktor der Al-Aksa-Moschee dazu auf, das Gebiet nicht zu betreten. Hunderte Muslime beteten daraufhin auf der Straße vor den Zugängen.

Das größte Risiko ist jetzt, dass die extreme zionistische Rechte darauf drängt, die Rechtslage auf dem Tempelberg zu ändern. In diesem Bereich, der auf Arabisch Al-Haram Al-Scharif – das edle Heiligtum – genannt wird, liegt mit der Al-Aksa-Moschee das drittwichtigste Zentrum des Islam nach Mekka und Medina. Nachdem am 7. Juni 1967 israelische Fallschirmjäger in die damals jordanische Altstadt von Jerusalem vorgedrungen waren und den Tempelberg besetzt hatten, griff Verteidigungsminister Mosche Dajan in einer Weise ein, die ihm viele Zionisten heute noch übelnehmen: Er ließ als erstes die blauweiße Fahne mit dem Davidstern einholen, die die Eroberer auf dem Felsendom gehisst hatten. Anschließend nahm er Kontakt zur jordanischen Religionsbehörde Wakf auf, die mit dem Schutz von Haram Al-Scharif betraut war, und bestätigte sie in dieser Funktion. Auch darüber hinaus benutzte Dajan seine enorme Popularität als »Kriegsheld«, um in den Tagen der Euphorie nach dem schnellen Sieg im Junikrieg provokative Aktionen gegen die ­Moscheen und an der »Klagemauer« auf dem Tempelberg zu verhindern.

Premierminister Benjamin Netanjahu hat nach dem Zwischenfall versichert, dass der Status quo nicht verändert werden solle. Er wird es aber schwer haben, dieses Versprechen durchzusetzen, denn Vertreter extremer Forderungen sind auch in seiner Regierungskoalition zu finden. Der stellvertretende Verteidigungsminister Eli Ben-Dahan – ein orthodoxer Rabbiner und Abgeordneter der ultranationalistischen Partei HaBajit HaJehudi – begrüßte am Freitag die Abriegelung des Haram Al-Scharif und forderte, die dortigen Moscheen so lange geschlossen zu halten, »bis wir die Gewissheit haben, dass das Areal ruhig und sicher ist«. Erziehungsminister Naftali Bennett, Vorsitzender von HaBajit HaJehudi, will »eine gründliche Überprüfung der gegenwärtigen israelischen Politik auf dem Tempelberg« erreichen. Nach Ansicht von Kulturministerin Miri Regew, die Netanjahus Likud-Partei angehört, soll die Wakf nur noch die Moscheen verwalten, aber nicht den Tempelberg insgesamt.

Indessen enthält jede Veränderung des Status quo am Haram Al-Scharif, mag sie auch noch so gering erscheinen, das Risiko einer neuen Intifada, die auch das Verhältnis Israels zur gesamten muslimischen Welt beeinträchtigen würde.

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