Aus: Ausgabe vom 15.07.2017, Seite 10 / Feuilleton

»No pasaran!« heißt nicht »Kein Parmesan!«

Von Wiglaf Droste
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But something is happening, and you don’t know what it is. Do you, Mr. Bosbach?

Jeder Mensch kann etwas dazulernen, sogar Jutta Ditfurth. Bislang kannte ich die Dame vornehmlich als ebenso meinungsstarke wie stilschwache Autorin, die aus purem Narzissmus und langweiliger Rechthaberei lieber eine soziale Bewegung spaltete als ein Scheit Holz vor dem eigenen Kopf. Ihrer im Prinzip richtigen Analyse der Grünen als Arschleckertruppe vom Dienst haftete der Eindruck an, es handele sich um das Nachtreten einer schlechten Verliererin. Dann war Exkommunikation das bevorzugte Mittel der Kommunikation, und gefetzt wurde sich, alte linke Kinderkrankheit, unter ähnlich Gesinnten um Kleinkram, statt sich bei allen Unterschieden und Meinungsverschiedenheiten zusammenzuraufen und den gemeinsamen Feind zu bekämpfen.

Jetzt hat Frau Ditfurth ihre unbestreitbaren vitalen Kräfte einmal richtig eingesetzt. Den TV-Politiker Wolfgang Bosbach brachte sie dazu, eine Maischberger-Talkshow zu verlassen. Keine große Sache? Doch, und Chapeau! Einen berufsdeformierten, Worthülsen aushustenden Vereinsmeier seiner eigenen Abgestumpftheit zu entreißen ist nicht leicht. Es ist angenehm zu sehen, wenn Postenverwaltern einfach nichts mehr einfällt. Das Adieu, das man ihnen hinterherrufen kann, stammt von Bob Dylan: »But something is happening, and you don’t know what it is. Do you, Mr. Jones?«

Beim G-20-Kipferl in Hamburg ging es nicht um »globale Lösungen« für was auch immer, es ging um die primitive Demonstration von Macht und um sehr viel Geld.

Das fängt in Hamburg selbst an; die Stadt soll »saniert«, also ausgewrungen werden. Die Bevölkerung wird ausgetauscht: wenig Geld raus, viel Geld herein, bitte. Die Schanze, früher ein sogenannter Schmuddelbezirk, ist längst hip, chic und teuer; das ist nicht das alte Hamburger Geld, sondern die junge IT-Kohle, komplett sozialgewissensfrei und geil auf sich selbst. Was ist die Rote Flora heute wert?! Und was muss man tun, um sich die und den Rest des Viertels unter die polierten Nägel zu reißen? Gegner der asozialen Wohnungspolitik denunzieren und kriminalisieren, den sowieso schon Hasenfüßigen noch mehr Angst einjagen und sogar einen rechten Sozibürgermeister von geringem politischen Verstand schlachten.

Und der ist blöd genug, um Entschuldigung zu betteln, was als Geständnis gewertet wird. Nazis, AfD etc. sind fein raus, die Gefahr in Deutschland kommt von links, wir haben es doch immer gewusst und gesagt. Gebaut wird eine Welt funktionierender Roboter ohne sozialen Zusammenhalt.

Unter den Linksaktivisten gibt es, ich habe das selbst erlebt, Spinner, die kein bisschen harmlos sind, richtig mieses Volk, Zwille sein Milieu eben, aber doch weit weniger als unter den Sicherheitsfetischisten.

»No pasaran!« heißt nicht »Kein Parmesan!« Da unsere juvenilen Hormonbömbchen Wissen als eine Last empfinden, das sie von unbedachten Taten abhält, müssen wir auf unsere alten, aber klügeren Tage nochmal ran! Bequem wird es nicht, aber die Befreiung von Fremdbestimmtheit und Ohnmacht macht auch gute Laune.

Ich gebe dieser Idee eine Chance, weil sie richtig ist. David ist klein und schlau, Goliath ist groß und brutal, hat aber außer Geld machen und Menschen schinden keine Idee. Geschützt werden die Mächtigen nur noch von Mietlingen: von ihren Armeen und der Polizei. Man kann aber auch Nelken in Gewehrläufe stecken, alles schon passiert. Die Nichtgutwilligen werden ins Spritzenhaus gesteckt wie im Räuber Hotzenplotz und von Wachtmeister Dimpfelmoser bewacht.

Es ist evident: Wir werden über kurz oder lang gewinnen – und dann hoffentlich mehr wollen als Machterhalt. Also nicht verGrünen, was nichts als verwelken und verfaulen bedeutet.

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