Aus: Ausgabe vom 13.07.2017, Seite 11 / Feuilleton

Cowboys knutschen Indianer

Swingerparty mit Klassenfahrtsblues: Ein Dokumentarfilm über eine Kreuzfahrt für Schwule

Von André Weikard
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»Ich wünsche mir jemanden, der mich als Person sieht und nicht als Supermarktware«

Kreuzfahrten sind in etwa so spießig wie Untertassen, Filzpantoffeln und Häkeldeckchen. Diese hier aber nicht: Einmal im Jahr werden Großpackungen von Präservativen in Obstschalen gekippt, 3.000 schwule Männer gehen an Bord. Das »Dream Boat« legt ab, die Vergnügungsfahrt für Partybesessene aus 89 Ländern beginnt. Fünf von ihnen hat Filmemacher Tristan Ferland Milewski auf ihrer Reise begleitet. Darunter einige auch aus Ländern, in denen Homosexualität geächtet ist: Männer aus Polen, aus Palästina und Indien. »Mein Land ist sehr katholisch«, sagt etwa Marek, 24. Und weiter nichts. Wozu auch? Wir verstehen. Das »Dream Boat« ist ein schwimmender Zufluchtsort, ein buntes Utopia, eine feiernde Antithese zum feindlichen Alltag. Oder doch nicht?

Die fünf Reisenden erleben den Trip in eine temporär sexuell befreite Welt als emotionale Achterbahnfahrt. Während der HIV-positive Österreicher Martin das Angebot athletischer Körper auskostet (»Ich habe es mir nicht ausgesucht, schwul zu sein – ich hatte Glück«) wird der 32jährige Dipankar, gerade der Zwangsheirat in seiner Heimat Indien entwischt, auf der Suche nach der wahren Liebe enttäuscht: »Niemals habe ich mich einsam gefühlt. Niemals. Bis ich auf diese Reise kam.«

Das ist in etwa der Konsens unter den Stimmen, die Regisseur Milewski aufgezeichnet hat. Klagen über die Oberflächlichkeit der Szene: »Es ist nicht so wichtig, ob du einen kleinen Bauch hast. Aber einen Knackarsch musst du haben und einen großen Schwanz.« Es gibt romantische Floskeln wie aus dem Groschenroman: »Das ist Sex ohne Liebe. Sex mit Liebe ist besserer Sex.« Und Pubertäres: »Ich wünsche mir jemanden, der mich als Person sieht und nicht als Supermarktware.«

Hinter verschlossenen Kabinentüren erzählen die Männer einander von ihren Müttern, die sie verstoßen haben. Davon, dass sie ihre Heimat verlassen mussten oder dort, wo sie gerade leben, für das, was sie hier auf dem Boot tun, ins Gefängnis kämen.

Dann reißen die Kerle sich am Riemen, zurren einander das Korsett fest, schnallen sich die pinken Flügel auf den Rücken, setzen sich die Bunnyöhrchen auf. Und gehen tanzen.

»Dream Boat« ist kein besonders tiefgründiges Eintauchen in die Gaycommunity. Milewski begleitet keinen seiner Protagonisten in seine Heimat. Man hat den Eindruck, so genau will er das alles gar nicht wissen. Statt dessen gibt es einiges zu sehen. Push-up-Badehosen und endlose Reihen von Sixpacks, Liegestuhl an Liegestuhl. Zu den Mottopartys trottet das Feiervolk an der Hundeleine oder in Schärpe und mit Krönchen als Schönheitskönigin. Cowboys knutschen mit Indianern – und warum nicht die weiße Fliege mal zur Perlenkette tragen?

Das sepia-sonnig abgefilmte Spektakel verbreitet Cluburlaubsatmosphäre. Hier winkt die aufgeblasene Mickymaus-Hand, da kokettiert einer in brüchigem Englisch mit seinem mehrstündigen Make-up-Marathon: »The Queen is never late.« Schwingende Pos, verrutschte Perücken, Mireille-Mathieu-Plattencover, und ein Kapitän in Traumschiff-Kluft gibt das Kommando: »Bring the boys to sea.«

Dazwischen immer wieder der Klassenfahrtblues. Ein einsamer Rollstuhlfahrer auf der Tanzfläche, der matt scherzt, von seiner Position aus habe er die beste Aussicht auf all die prallen Badehosen. Ein kränkelnder Seereisender, der erklärt: »Nach zwei Tagen sind alle hier krank. Kein Wunder, ich habe das halbe Boot geküsst.« Und ein Kehrbesen, der die Berge von Kondomen vom Deck fegt.

Dem Zuschauer wird langsam klar: Auch diese Kreuzfahrt ist ein Spießertrip. Keine Entdeckungsreise, kein Akt der Befreiung, kein emanzipatorisches Manifest. Nur eine ausgedehnte Swingerparty. Eine, in der man sich stark schminkt, weil man hofft, dass der andere einen dann nicht erkennt.

»Dream Boat«, Regie: Tristan Ferland Milewski, D 2017, 90 min., Kinostart: heute

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