Aus: Ausgabe vom 08.07.2017, Seite 8 / Ausland

»Wir wollen nicht noch einen Krieg«

Kurdisches Gebiet Afrin fürchtet Angriffe durch das türkische Militär. »Freie Syrische Armee« schießt schon jetzt. Gespräch mit Sinam Mohammed

Interview: Wolfgang Pomrehn
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Afrin, gelegen im Nordwesten Syriens (18. März 2015)

Afrin, der westlichste Teil Rojavas und ganz im Nordwesten Syriens gelegen, wird von der kurdischen föderalen Verwaltung kontrolliert. Doch aus der Region kommen beunruhigende Nachrichten. Können Sie uns dazu Näheres ausführen?

Das türkische Militär zieht vor der Ostgrenze Afrins und auf dnm syrischen Gebieten, die es vor einigen Monaten besetzt hat, Truppen, Artillerie und Panzer zusammen. Auch die sogenannte Freie Syrische Armee, die türkische Interessen verfolgt, ist dabei. Sie beschießen seit einigen Tagen die Grenzdörfer im Norden und Nordosten von Aleppo. Viele Menschen sind schon gestorben, die meisten von ihnen waren Zivilisten. Türkische Einheiten und ihre Verbündeten sind auch dabei, die Olivenbäume zu fällen, von denen die Menschen leben.

Haben Sie an die Verbündeten Ankaras, also an die Regierungen der EU-Staaten und an die USA, appelliert zu intervenieren? Und haben Sie sich auch an Russland gewandt?

Ja. Man hört uns zwar zu, aber niemand tut etwas. Das macht uns wirklich Sorgen. Wir befürchten, dass es hinter den Kulissen eine Verständigung zwischen der Türkei, Russland und dem Assad-Regime gibt. Das Schweigen Russlands zu den Vorgängen spricht dafür. So eine Allianz wäre eine ernste Bedrohung für die Menschen in Afrin und die vielen dort lebenden Binnenflüchtlinge.

Was sind Ankaras Motive?

Die Türkei ist dabei, immer größere Teile Syriens zu besetzen. Ankara versucht, uns von der Befreiung Rakkas, der Hauptstadt des »Islamischen Staates«, abzuhalten. Sie wollen unser demokratisch-föderales System zerstören.

Wie reagieren Ihre Verbündeten in Syrien auf diese Angriffe?

Die Menschen, die an Demokratie glauben und die eine Alternative zu Assad wollen, unterstützen Afrin. Aber wir suchen diesen Konflikt nicht. Wir wollen nicht noch einen Krieg in unserer Region. Wir möchten unser eigenes System aufbauen und nicht, dass sich die Türkei in Syrien, in Rojava einmischt. Wir appellieren an die Europäische Union, die Türkei aufzuhalten.

Gibt es Reaktionen darauf? Hat sich etwa die deutsche Regierung geäußert?

Nein. Wir warten und hoffen.

Sie sagen, Sie bauen eine demokratische Gesellschaft in Rojava auf. Wie stehen Sie zum Rest Syriens?

Im Augenblick ist Syrien zerrissen. Um Syrien und alle Syrer wieder zu vereinen, brauchen wir ein System, das es allen ermöglicht, zusammen zu leben. Das müsste ein föderales und demokratisches System für das ganze Land sein. Im Norden haben wir das bereits erreicht. Assyrier, Araber, Turkmenen, Syriaken, Armenier und Kurden haben sich verständigt, wie man das öffentliche Leben gemeinsam organisiert. Wir glauben, dass das die Lösung für die Probleme ist, vor denen die syrische Gesellschaft steht. Unser Modell könnte ein Vorbild für das ganze Land sein. Föderalismus heißt nicht, dass das Land aufgeteilt wird. Deutschland ist auch föderal organisiert und keiner denkt, dass dadurch das Land gespalten würde.

Wie kann nach einem solch grausamen Bürgerkrieg die Versöhnung organisiert werden?

Wir haben in Rojava damit schon einige Erfahrungen gemacht. Unter den Arabern gab es oft Ressentiments gegen Kurden, aber wir konnten sie durch Gespräche und vor allem durch Zusammenarbeit abbauen. Wenn man Projekte anbietet, die allen nutzen, dann kann das die alten Spannungen lösen. Wir sprechen mit allen, auch mit den Stämmen, und sie sagen: »Wir wollen nicht, dass noch mehr Blut vergossen wird.« So müsste es in ganz Syrien laufen. Wir können unsere eigene Verwaltung aufbauen, wir können uns selbst verteidigen. Alle zusammen, nicht nur die Kurden.

Sinam Mohammed ist Europa-Vertreterin der Demokratischen Selbstverwaltung von Rojava (Nordsyrien)

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