Aus: Ausgabe vom 06.07.2017, Seite 15 / Medien

Medienmacht der Scheichs

Die Anrainer Katars fordern die Schließung Al-Dschasiras – des Nachrichtensenders mit den höchsten Einschaltquoten in der arabischen Welt

Von Gerrit Hoekman
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Die Räumlichkeiten des arabischen Fernsehsenders Al-Dschasira in Doha in Katar (28. Februar 2011)

Seit gut drei Wochen ist das Emirat Katar auf dem Landweg nicht mehr zu erreichen. Der große Nachbar Saudi-Arabien hat alle Grenzübergänge geschlossen. Für das Ende der Blockade hat er 13 Bedingungen gestellt. Eine davon: die sofortige Schließung des TV-Senders Al-Dschasira. Der katarische Fernsehkanal fördere den Terrorismus, so die saudische Regierung.

Die Drohung sei ein »inakzeptabler Angriff auf das Recht der freien Meinungsäußerung«, erklärte ein Sprecher der UN-Menschenrechtskommission am Freitag in Genf. Katar hat die Forderung umgehend zurückgewiesen. Al-Dschasira stehe nicht zur Disposition. Auch wenn Saudi-Arabien und seine Verbündeten Ägypten, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate das Ultimatum Sonntag nacht noch einmal um 48 Stunden verlängerten: Pistolenrauch liegt in der Luft.

Saudi-Arabien ärgert sich schon länger über den Nachrichtensender aus Katar, der die höchsten Einschaltquoten in der gesamten arabischen Welt erreicht. Mit seinem 100-Millionen-Publikum und dem ausgebreiteten Netz an Korrespondenten ist Al-Dschasira die Medienmacht im Nahen und Mittleren Osten. Das Geld bekommt der Sender komplett vom katarischen Herrscherhaus der Al Thani, das wegen des immensen Gas- und Ölreichtums noch mehr im Geld schwimmt als die auch nicht armen Scheichs aus Saudi-Arabien.

Die Mainstreammedien in Europa und in den USA ließen sich lange von dem angloamerikanischen Stil der Berichterstattung blenden, der ein Novum im arabischen Fernsehen war. Besonders mit Beginn des sogenannten arabischen Frühlings kannte der Hype um Al-Dschasira kaum Grenzen. Der Sender wurde im Westen als »Leuchtturm« gefeiert und galt als Sprachrohr der jungen Bloggergeneration, die zu Zehntausenden gegen die alten Machthaber wie Mubarak und Ghaddafi aufbegehrte. Doch gleichzeitig kämpfte insbesondere die US-Administration gegen den Sender.

Was viele vergaßen: Al-Dschasira besteht aus einem englischen und einem arabischen Kanal. Das englische Programm richtet sich an die europäischen und nordamerikanischen Zuschauer. Hier gibt man sich weltoffen, objektiv und unabhängig. Aber die Meinungsfreiheit der Redakteure endet dort, wo Katars Interessen beginnen. So kritisch Al-Dschasira oft ist, wenn es um andere arabische Staaten und Machthaber geht, so handzahm ist der Sender gegenüber dem Emir und seinem Gefolge. Al-Dschasira ist auch in der Außenpolitik ein treuer Vasall des Herrscherhauses und flankiert die Interessen der Thani-Familie journalistisch.

Das kleine Land mag militärisch ein Niemand sein, aber finanziell ist es ein Riese. Entsprechend betreibt Katar vor allem Scheckbuchdiplomatie. Gerne nimmt das Emirat Einfluss auf die Innenpolitik anderer Länder, indem es Oppositionsgruppen unterstützt, bevorzugt religiöse, sunnitische. Katars Hätschelkind waren die ägyptischen Muslimbrüder unter ihrem Chef Mohammed Mursi. Auch als angeblicher Geldgeber für die Terrororganisationen »Islamischer Staat« und Al-Qaida steht das Emirat immer wieder am Pranger, allerdings bislang ohne hinreichende Beweise.

Einige Journalisten haben dem Sender wegen seiner Voreingenommenheit bereits den Rücken gekehrt. Die Al-Dschasira-Redaktion in Kairo werde immer mehr zu einer Außenstelle der Muslimbrüder, sagte ein arabischer Kollege schon vor Jahren gegenüber der FAZ. »Ich hatte das Gefühl, dass ich dazu gedrängt wurde, eine bestimmte staatliche Agenda zu bedienen, die Katars« zitierte der Deutschlandfunk im Juni den Journalisten Ali Haschem.

Im arabischen Kanal ist die Parteinahme für bestimmte politische Richtungen noch unverhohlener. Der Islam spielt eine deutlich größere Rolle. Bekannte Imame haben ihre eigenen regelmäßigen Sendungen, darunter auch einige sehr übelwollende Gesellen. Die religiöse Lehre der Muslimbrüder findet im Programm einen breiten Raum.

Es dürfte also eine Menge Machthaber im Nahen Osten geben, die froh sind, wenn Al-Dschasira von der Bildfläche verschwindet. Soweit ist es aber noch nicht, denn für Katar ist der Sender enorm wichtig: »Wenn andere Nationen ein Territorium, ein Volk und eine Regierung haben, dann hat Katar zusätzlich noch Al-Dschasira. Eine Schließung wäre eine Aufgabe der Souveränität«, zitiert die Neue Zürcher Zeitung den Direktor des arabischen Kanals, Jassir Abu Hilala.

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