Aus: Ausgabe vom 01.07.2017, Seite 4 / Inland

Mieten verdoppelt, Ratten im Hof

Im Frankfurter Gallusviertel will Vonovia bisherige Bewohner vergraulen

Von Gitta Düperthal
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Mietwahnsinn und wahnsinnig nette Logos, das geht ganz prima zusammen, hier bei der Vonoviapräsentation 2016 in Essen

Die Mieter im Frankfurter Gallusviertel hätten »die Untätigkeit der Stadt satt«, sagt Michael Martis. Der Oberbürgermeister der Mainmetropole, Peter Feldmann, und Planungsdezernent Mike Josef (beide SPD) schauten zu, wie Mieter verdrängt werden sollen, obgleich sie über die Zustände in der ehemaligen Eisenbahnersiedlung in der Wallauer Straße informiert seien, empörte sich Martis am Donnerstag im Gespräch mit junge Welt.

Der Wohnblock mit rund 100 Mietparteien gehört der privaten Wohnungsbaugesellschaft Vonovia, die ihnen seit mehr als einem Jahr das Leben schwer macht. Ratten hätten sich im begrünten Hof getummelt, weil Hausmüll nicht abtransportiert worden sei, so Martis. Zuletzt war der Oberbürgermeister nach Mieterprotesten vor dem Rathaus am 8. Februar zur Ortsbesichtigung dort; hatte Schimmel und Feuchtigkeit mit seinem Handy fotografieren, einem an Asthma erkrankten Kind die Hand schütteln können. Vor Journalisten habe das Stadtoberhaupt der Mutter versprochen, sich zu kümmern, so Martis weiter. Nun, im Juni, habe sie eine Absage per Mail aus dessen Büro erhalten: Sie müsse sich selber eine neue Wohnung suchen. 2016 hatten Mieter dreimal im Ortsbeirat ihre Lage geschildert. Der Vorsitzende des Beirats, Oliver Strank (SPD), habe sie zuletzt aus der Sitzung geworfen, ebenso wie eine Reporterin des Hessischen Rundfunks, die in der am 18. Juni ausgestrahlten Doku unter dem Titel »Herr Martis will nicht ausziehen« darüber berichtete. Begründung: Die Mieter beanspruchten mit ihren Beschwerden zu viel Zeit.

An diesem Samstag werden sie wieder ihr Transparent mit der Aufschrift »Wohnungen in Volkeshand« auspacken, kündigt Martis an. »Dass die Vonovia obendrein plant, die Mieten um bis zu 115 Prozent zu erhöhen, das geht gar nicht«, schimpft er.

»So werden wir uns nicht vertreiben lassen. Wir verlangen von der Stadt den Bau von 10.000 staatlichen Wohnungen in Frankfurt in den nächsten Jahren«, sagt Martis kämpferisch. Diesmal demonstrierten auch die Mieter einer weiteren Wohneinheit im Besitz der Vonovia mit 115 Mietparteien in der nahe gelegenen Knorrstraße mit. Der gemeinsame Protest richte sich auch gegen die von der Vonovia betriebene Nachverdichtung durch Luxusbauten und die Beseitigung von Grünflächen. Dabei gelte für die Knorrstraße die Erhaltungssatzung zum Schutz der Mieter, die zuvor hätten befragt werden müssen. Das sei nicht geschehen. In der Frankenallee, wo die Erhaltungssatzung ebenso gelte, sei ein anderer privater Eigentümer dabei, die Mieter aggressiv herauszudrängen. Dort werde schon mal an die Wand gehämmert und eingeschüchtert: »Wann ziehen Sie aus?« Ein Mitarbeiter des Wohnungsamts habe gesagt, das sei in Frankfurt normal. Die Miete schieße derweil in die Höhe. Martis 54-Quadratmeter-Wohnung koste 416 Euro, neue Mieter über ihm zahlten bereits 850 Euro. Die Stadt begehe Rechtsbruch, komme ihren Aufgaben nicht nach – auf Kosten der Bevölkerung im traditionellen Arbeiterviertel Gallus. Die Folgen bekämen Mieter in ganz Frankfurt zu spüren. »Das hebt den Mietspiegel an«, erklärt er.

Demonstration: Samstag, 16 Uhr, Knorrstraße/Idsteiner Straße

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