Aus: Ausgabe vom 01.07.2017, Seite 4 / Inland

Kunden durchleuchtet

Nach Klage: Handelsriese stoppt Tests zur Gesichtserkennung vor Reklamebildschirmen. Deutsche Post will Überwachung fortsetzen

Von Ralf Wurzbacher
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Gesichtsanalyse-Software, getestet im Fraunhofer-Institut Erlangen im Juli 2007

Die Deutsche Post AG will weiter auf die Technik der Gesichtsanalyse setzen. Anders als der Handelskonzern Real, der die umstrittene Praxis am Mittwoch eingestellt hat, will der gelbe Riese an dem derzeit in Dutzenden seiner Filialen getesteten Verfahren festhalten. Dabei erfassen spezielle Kamerasysteme an Displays von davorstehenden Kunden Geschlecht, Alter und Dauer des Blickkontakts, woraufhin daran angepasste Werbung auf dem Bildschirm erscheint. Aktivisten des Vereins »Digitalcourage« hatten die beiden Unternehmen wegen »groben Übergriffs auf die Privatsphäre« sowie Verstoßes gegen das Bundesdatenschutzgesetz vor zehn Tagen angezeigt.

In einer Mitteilung vom Dienstag verwies die Supermarktkette auf die öffentliche Diskussion nach Bekanntwerden der Vorgänge. Damit sei der Eindruck entstanden, »in Real-Märkten würden im Kassenbereich ohne Wissen der Kunden Daten erhoben«, hieß es darin, aber das Vorgehen sei juristisch korrekt. »Digitalcourage« dagegen geht in einer Stellungnahme vom Mittwoch davon aus, dass »die Rechtsabteilung von Real unsere Strafanzeige genau angesehen und die Substanz dahinter erkannt hat«.

Der Einzelhandelsfilialist der Metro-Gruppe hatte das von der Berliner Firma Indoor Advertising entwickelte System seit Herbst 2016 in 41 Märkten erprobt. Der Konzern betonte stets, die Durchführung der Tests nur zu gestatten. Deren eigentlicher Betreiber sei die Augsburger Echion AG, ein »Spezialist für digitale Instore Kommunikationskonzepte«. Real vertritt zudem weiterhin den Standpunkt, der Rückzug erfolge nur aus Rücksichtnahme auf die Verbraucher. Auch Bayerns Landesamt für Datenschutzaufsicht hatte das System als unbedenklich eingestuft, weil alle Anforderungen an eine Anonymisierung erfüllt seien und keine personenbezogenen Daten erhoben würden. Demnach würden die Aufnahmen umgehend verworfen und lediglich Informationen zur Anzahl der Betrachter, zu Geschlecht, Alter und Blickkontakten zwecks Werbeoptimierung verwertet.

Kritiker sehen darin eine enorme Verharmlosung. »Wenn wir uns nicht wehren, wird in Zukunft unsere Körperhaltung, unsere Kleidung, unsere Mimik und die Qualität unserer Haut analysiert«, erklärte Kerstin Demuth von Digitalcourage am Mittwoch. »Es ist leicht, zu erahnen, wohin das führt: Barbie-Werbung für Mädchen, Action-Helden für Jungen. Anti-Aging-Cremes für Frauen ab 40, Pheromon-Deodorant für Männer in ihren Zwanzigern«, hieß es Anfang Juni von Seiten des Vereins. Nach Auffassung von »Digitalcourage«-Anwalt Markus Kompa könnte das System einen »Dammbruch« bei »weitere(n) Begehrlichkeiten der Werbeindustrie« nach sich ziehen. Das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung könne nur dann durchgesetzt werden, »wenn Kunden eine Chance zur Beurteilung haben, ob sie getrackt werden – und die Möglichkeit, dem zu widersprechen«, wie der Jurist laut Westfalen-Blatt am 20. Juni erklärte.

Im Fall Real hatten die Betroffenen keine Ahnung, was vor sich geht. In den fraglichen Filialen wurde lediglich auf »Videoüberwachung« hingewiesen. Immerhin gesteht das Unternehmen ein, dass man es nicht auf Ladendiebe, sondern auf das Portemonnaie der Kunden abgesehen hatte. Dagegen behauptete die Post bis zuletzt allen Ernstes, man wolle den Wartenden die Zeit in der Schlange versüßen. Am Bonner Konzernsitz denkt man auch nicht daran, von den Überwachungsmaßnahmen abzulassen. Nach einem Bericht des NDR vom Donnerstag soll der in bundesweit rund 100 Zweigstellen laufende Test bis Jahresende fortgesetzt und dann ausgewertet werden.

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