Aus: Ausgabe vom 28.06.2017, Seite 2 / Ausland

»Es gibt einen anderen Weg: die Revolution«

Kommunistische Partei Venezuelas will Errungenschaften des Landes verteidigen. Das erfordert die Radikalisierung des Bolivarischen Prozesses. Gespräch mit Carolus Wimmer

Interview: André Scheer
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Mit Marx und Lenin: Den Bolivarischen Prozess als Klassenkampf verstehen und ihn radikalisieren (Wandbild in Caracas)

Die Nachrichten, die international über Venezuela verbreitet werden, sind besorgniserregend. Die Rede ist von Bürgerkrieg, Hunger, Unterversorgung und der Unregierbarkeit des Landes. Wie schätzt die Kommunistische Partei Venezuelas, die PCV, die Lage ein?

Es ist vollkommen falsch und geht an der Realität vorbei, wenn von einer humanitären Krise oder von einer Hungersnot in unserem Land gesprochen wird. Man muss aber anerkennen, dass die Methoden, die die USA und ihre Verbündeten seit nunmehr 18 Jahren gegen Venezuela anwenden, teilweise Erfolg haben.

In den ersten Jahren richteten sich die Attacken des Imperialismus speziell gegen den Präsidenten und gegen den Staatsapparat. Nachdem er damit zahlreiche Niederlagen erlitten hat, richten sich die Angriffe nun gegen die venezolanischen Familien, gegen die Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten, Waren des täglichen Bedarfs. Es findet ein psychologischer Krieg statt.

Kann man für die Probleme in Venezuela ausschließlich den US-Imperialismus verantwortlich machen, oder sind sie auch hausgemacht?

Politik ist wie ein Boxkampf. Wenn du dem Gegner Schwächen zeigst, wird er dich k. o. schlagen. Die momentan schwierige Situation im politischen Klassenkampf wurde dadurch mit verursacht, dass es die Illusion gab, wir hätten die Macht und seien schon im Sozialismus. Aber wir leben noch im Kapitalismus. Deshalb darf man die aktuellen Schwierigkeiten nicht nur dem Gegner in die Schuhe schieben, sondern muss zum Beispiel auch gegen die Korruption vorgehen. Viele der Essenspakete, die zu staatlich geförderten Preisen an die Bevölkerung verteilt werden, verschwinden und tauchen überteuert auf dem Schwarzmarkt wieder auf.

Auf welche Weise können Sie dagegenhalten?

Ein Gegenmittel ist die Wahrheit. Der Bevölkerung muss durch die Regierung, aber auch von allen anderen Kräften, die Wahrheit gesagt werden. Das passiert leider nicht immer. So wurde Anfang des Jahres versprochen, dass der Wirtschaftskrieg innerhalb der nächsten sechs Monate überwunden werden würde. Das war totaler Unsinn.

Das zweite Gegenmittel ist ein konkreter Kampf gegen die Korruption, gegen Bürokratie und Ineffizienz. Die PCV fordert, dass hart durchgegriffen werden muss. Solche Maßnahmen würden von der Bevölkerung breit unterstützt werden.

Viele Freunde des Bolivarischen Prozesses in Venezuela haben inzwischen aber den Eindruck, dass die von Hugo Chávez eingeleitete Entwicklung ins Stocken geraten ist …

Dieser Prozess hat nichts von seiner Bedeutung verloren. Was international als Bolivarischer Prozess bekannt ist, läuft weiter. Nach wie vor stehen ein Großteil der Bevölkerung und natürlich auch ein Großteil der Streitkräfte dahinter. Diese Entwicklung muss aber als Klassenkampf verstanden werden, nicht als ewiger Siegestaumel von einer Wahl zur nächsten.

Es gibt nun drei Optionen. Zunächst besteht die große Gefahr eines direkten oder indirekten Eingreifens der USA, zusammen mit lateinamerikanischen Truppen oder mit der NATO. Sie würden ein Regime in Venezuela errichten, das mindestens faschistisch beeinflusst wäre. Zweitens könnte ein reformistischer Weg eingeschlagen werden, um innerhalb des kapitalistischen Systems einige der in den vergangenen Jahren erreichten Errungenschaften beizubehalten. Diese Variante wird speziell von den sozialdemokratischen Kräften Europas unterstützt. Sie wäre nach Überzeugung unserer Partei fatal für die meisten Venezolaner. Der Einsatz und die Opfer, die die Arbeiterklasse und die Bevölkerung gebracht haben, würden sinnlos sein, wenn wir im Kapitalismus blieben. Denn er bedeutet immer Ungerechtigkeit, egal, wie gut die Verfassung ist; er bedeutet immer Unterdrückung und Ausbeutung. Doch es gibt einen anderen Weg: die Revolution. Ein Großteil des Volkes ist dafür, dass der Bolivarische Prozess weitergeht, ist für »mehr Revolution«.

Carolus Wimmer ist internationaler Sekretär der Kommunistischen Partei Venezuelas (PCV)

Im Juli informiert Carolus Wimmer auf einer Rundreise durch mehrere Städte der Bundesrepublik über die Lage in seinem Land. Orte und Termine: kurzlink.de/pcv

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