Aus: Ausgabe vom 28.06.2017, Seite 12 / Thema

Ein Einzelner, kein Einzelgänger

»Provinzschriftsteller« – Quertreiber – Clown »von außen« – Oskar Maria Graf zum 50. Todestag

Von Gerhard Bauer
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»Ich duschte mich und zog meine bayrische Tracht an: weißes Leinenhemd, kurze Lederhosen, Janker, Kniestrümpfe und das Hütel mit den Federn. Gleich darauf stieg ich die breiten Treppen hinunter. Der ganze Betrieb kam einigermaßen ins Stocken. Es war, als erschiene ein Geist«, so der am 22. Juli 1894 am Starnberger See geborene Autor über seinen Auftritt beim sowjetischen Schriftstellerkongress (Aufnahme von 1950)

Jetzt ist er wahrhaftig 50 Jahre tot, der Unterhalter und Spötter vom Dienst. 50 Jahre, in denen Straßen nach ihm benannt wurden und ein Münchner Lokal ersten Ranges ein paar Dutzend Originalsprüche aus seiner Feder aufs Geschirr hat drucken lassen. Sogar eine Oskar-Maria-Graf-Gesellschaft existiert – natürlich in München. Wie lebendig ist er dort und darüber hinaus geblieben?

Mit dem Ruhm hat er es sein Lebtag nicht so gehabt. D. h. er hätte schon gern dazugehört zur Garde der Wichtigen und Anerkannten, aber er mochte keine Kompromisse machen, nur um mitzuhalten. Schon auf dem Dorf, in Berg am Starnberger See, imponierte er seiner Schwester Anna, genannt Nanndl, mit »wunderschönen« Gedichten und versprach ihr: »Die ganze Welt wird mich bestaunen«. Als er davongelaufen war nach München, mit 17 Jahren, wurde sein erstes Druckwerk eine Visitenkarte, darauf stand schwarz auf weiß: »Schriftsteller«. Sein Problem war, dass er gar nicht so wirkte, wie man sich einen Schriftsteller, einen »Dichter« gar, vorstellt. Er war »ungeschlacht« und nannte sich selbst so. Er neigte zu abrupten Reaktionen, zu drastischen Ausdrücken. Wenn ihm etwas gar zu brenzlig (oder verdächtig oder tückisch) vorkam, griff er lieber selber zu, als dass er es aus sicherem Abstand beobachtete. Er fixierte sich immer wieder auf neue Marotten, »fixe Ideen« halt. Ende 1911 hatte er drei Bände mit Gedichten beisammen. Er nannte sie »Die Fahrt ins Leben« und bot sie renommierten Verlagen an, natürlich vergeblich. In diesen Anfangsübungen suchte er eifrig nach irgendeinem Stil. Erlebnis und Pathos waren die bestimmenden Triebkräfte. Immerhin gibt die eindringliche Frage nach seinem eigenen Selbst den frühen Reimereien einen Anflug von Charakter: »Vielleicht verfrüht, vielleicht schon verblüht, / denk’ ich und trotte an den kahlen Häusern vorbei. / Herrgott, dass ich eigentlich nie zuschlag’ oder schrei’!«

Ernährungssorgen

Dabei konnte das Dichten immer nur eine Nebensache der neuen städtischen Existenz ausmachen. Vor allem musste sich Graf ernähren. Er arbeitete in verschiedenen Bäckereien, in einer Mehl-, einer Keksfabrik – »Dös Fresserts geht imma«, hatte seine Mutter ihm auf den Weg gegeben. Er nahm Aushilfsjobs an als Liftboy, Anstreicher, Paketausträger. Nur im Innendienst bei der Post und in einer Kartenausgabe konnte er einmal sitzen, das ging aber rasch vorüber. Ebenso viele Monate hat sich Graf ohne Anstellung durchgeschlagen. Er hat geschnorrt, geschoben, hat vom Geld anderer Leute gelebt, hat sich sein Erbe heimlich auszahlen lassen. Zweimal sogar wurde ihm ein Stipendium zum Dichten zuerkannt – man kann sich ausmalen, wie stolz er war.

Weil Oskar pfiffig war und scharf darauf achtete, welcher Dichtstil gerade »angesagt« war, ergab er sich bald der expressionistischen Mode und fand sich, für die ersten paar Jahre, in der Sicherheit dieser wortstarken Herde. »Eine gedichtwütige und gedankenschwache Epoche«, hat Peter Fischer dieses vom Expressionismus triefende Jahrzehnt genannt. Graf aber konnte die Leichtfüßigkeit dieser literarischen Mode nur recht sein. »Eigentlich ist für einen Dichter alles rentabel«. Er freute sich an den klangvollen Namen der Zeitschriften, die eine Kleinigkeit von ihm brachten: Die Glocke, Die schöne Rarität, Die Sichel, Marsyas und einige mehr. Daneben schrieb er Kunstkritiken, »dass es nur so fetzt«, z. B. über die Bilder seines Freundes Georg Schrimpf. Die Freundschaft mit Franz Jung, der alle seine Kumpel zur striktesten Unbedingtheit mahnte, in ihrem Lebensstil wie ihren Ansichten, machte Graf zunächst sprachlos und hätte ihn fast aus der Bahn geworfen. Erst in späten Jahren hat er sich ihm gegenüber so gefasst, dass er eine Summe aus Jungs Leben ziehen konnte. Die Wendung vom Expressionismus zum Dadaismus, die Jung vollzog, machte Graf jedoch nicht mehr mit. Statt dessen verabschiedete er sich (und seine Leser) 1920 vom Expressionismus, und zwar ausgerechnet in einer Rezension von Erich Mühsams Gedichten. Dass Mühsam gar nicht daran lag zu reimen und zu »dichten«, dass er nur seine anarchistische Botschaft eingängig machen wollte, das ließ Oskar im Eifer seines Kunstgefechts nicht gelten. »Geist und Charakter haben« wurde von allen Seiten von ihm verlangt. »Ich« aber, »ich hab’ die zwei Sachen nicht gelernt«. Natürlich war er katholisch, und fast ebenso natürlich hat er an nichts geglaubt. In späteren Jahren hat er mit konstanter Bosheit »katholisch« und »meschugge« gleichgesetzt.

Je erfolgreicher er, beflissen und devot, ins Literaturgeschäft einstieg, umso mehr merkte er, dass er selbst, wie er war (wie er geworden war), den gefragtesten Gegenstand seiner Darstellung bildete. Er arbeitete seine befleckte, unverantwortliche Vergangenheit durch, und er präsentierte sie sukzessive immer bitterer, peinlicher. Eine erste Fassung seiner Biographie brachte er 1920 zu Papier (»Frühzeit«, veröffentlicht 1922). In der ausgearbeiteten Version unter dem Titel »Wir sind Gefangene« (1927) fand sie viel Beachtung und Anerkennung. Der Autor stilisiert sich in den verschiedensten Rollen als unmöglich. Er übertreibt seine sagenhafte Tölpelei, seinen »verworrenen, schäbigen Charakter«. »Am liebsten hätte ich mich anspeien, verprügeln mögen, den Schädel einrennen«. Exhibitionismus war gefragt, in Schwabing wie im übrigen München. Graf dreht sich aber nicht nur um sein Ich. Er schaute auch auf seine Landsleute. Was sind die Münchner nur für ein sonderbares Völkchen, und dann erst die Schwabinger! Wie hat dieser Stamm, wie die Bevölkerung des ganzen Deutschen Reiches nach einer langen Phase des Friedens in einem unvorstellbar grausamen Krieg, wahrhaftig einem »Weltkrieg«, standgehalten? Wie viele, genauer: wie wenige haben auch nicht standgehalten, sind durchgedreht, haben den Befehl verweigert wie er, sind in eine Irrenanstalt und dadurch freigekommen? All die Honorigen und Sesshaften, die Dazugeströmten, die unruhigen Geister, wie haben sie 1919 die Münchner Revolution, die Räterepublik durchgestanden, sie unterstützt, sie abgelehnt und verteufelt? Welche haben ihr auch sich selbst zum Opfer gebracht wie Grafs väterlicher Freund Gustav Landauer? Und wer brachte es fertig so wie er, die heikelste Phase der Revolu­tion zu verjuxen und zu versaufen: in der Villa eines reichen Holländers im vornehmen Viertel Nymphenburg? »Leicht idiotisch, tief humoristisch«, konstatierte Thomas Mann, und das konnte man noch geschmeichelt finden.

»Verbrennt mich!«

So lief es weiter, wie es lief: Weitere Bemühungen, neue Erfahrungen – dann plötzlich waren die Nazis am Ruder. Graf begab sich im Frühjahr 1933 ins Ausland, nach Wien, und dort erfuhr er, dass er keinesfalls zurückfahren konnte. Kurz darauf am 11. Mai 1933 wurden die Bücherverbrennungen im Reich gemeldet – er beeilte sich, mit aller Schärfe darauf zu reagieren. Zornig war er nicht, dass sie sein berühmtestes Werk »Wir sind Gefangene« mit zur Verbrennung bestimmt hatten, sondern dass sie seine übrigen Werke für ihre Propagandazwecke brauchen wollten. »Verbrennt mich!« verlangte er von den Machthabern des »neuen Regimes«, den »augenblicklich herrschenden Gewalthabern«, ja den »braunen Mordbanden«. »Diese Unehre habe ich nicht verdient!« Nach den Gegenständen und der politischen Richtung seines bisherigen Schreibens habe er »das Recht zu verlangen, dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden«. Dieser impulsive Protestbrief wurde das bekannteste Schriftstück aus seiner Feder. Friedrich Sally Großhut wertet 20 Jahre später den Text gerade in seinen »gewöhnlichen Worten« als »die Tat eines Ulrich von Hutten«. Helmut Pfanner zählt in seiner Graf-Bibliographie über 50 Nachdrucke, meist auf Englisch oder in weiteren Weltsprachen. Welche Werke aber waren es eigentlich, die die Nazis empfahlen und zu fördern suchten?

Graf hatte sich nach dem Erfolg von »Wir sind Gefangene« auch zu einem geschäftlichen Erfolg verholfen. Aus Schmankerln aller Art über die Lieblingsbeschäftigung von Männern und Frauen hatte er 1928 einen ganzen Band zusammengestellt: »Das Bayrische Dekameron« (Es waren freilich nur 32 Geschichten, keine 100 wie in dem Muster novellistischer Erzählkunst von Giovanni Boccaccio). Als »urderbe Schweinigeleien« qualifizierte sie nun einer der faschistischen Zensoren. Man ließ sie aber zunächst noch existieren. Graf hatte hier vor allem die Diskrepanz zwischen der Wortlosigkeit dieses triebhaften Geschehens und den beschönigenden, ja verklärenden Worten der Zuschauer dabei oder der Akteure selbst (vorher oder hinterher) hervorgehoben. Er feiert geradezu den bayerischen Brunstschrei »Mei g’härt’s«. »Kein Mensch ist aus Eisen« – das mögen seine Leser zwar schon gewusst haben, aber hier bekommt es ungeahnte (und dabei leicht vorstellbare) Weiterungen. Dass Frauen zu »Fetzn« degradiert werden, können sie in Worten heftig zurückweisen, doch die herabziehende Wirkung des Schimpfworts (im Bayerischen gängiger als auf Hochdeutsch) bleibt an ihnen hängen. »Wennst amoi verheirat’t bist, g’schiehcht dös öfta!« Damit tröstet die eine, schon verheiratete Schwester die andere, die erst heiraten will und der es bei dieser Zukunftsaussicht ein wenig genant wird. Unübertroffen ist die Lösung, mit der zwei »heiligmäßig« lebende junge Menschen die Schwelle vor der »Todsünd« überwinden, die nun mal irgendwie zur Hochzeitsnacht gehört. Die beherzte Braut verfällt auf den passenden Spruch: »Grüß Gott, tritt ein, bring Glück herein, Wastl!«

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Oskar Maria Graf, gemalt von seinem Freund Georg Schrimpf (1927)

Auch seine Selbstdarstellung hatte Graf weiter fortgeführt, etwa zu einer Romanfiktion ausgebaut: »Bolwieser. Roman eines Ehemannes« (1931). Und hatte sie ausgeweitet auf die ganze dörfliche Gemeinde, angesiedelt irgendwo in seiner oberbayrischen Heimat (»Kalendergeschichten«, 1932, Bd. 1: »Geschichten vom Land«; bald darauf »Dorfbanditen«, 1932). Er hatte seine Erlebnisse bei einer Münchner Arbeiterbühne zu einem wahren Loblied auf diese »Wunderbaren Menschen« (1927) verdichtet. Und hatte, als die Arbeitslosigkeit um sich griff und die Existenz, die Moral, das schlichte Auskommen miteinander bedrohte, eine Abrechnung mit dem Vagabundenleben veröffentlicht, von dem er aber auch ein wenig fasziniert war: »Einer gegen alle« (1932).

Jetzt saß er im Ausland und musste sich fassen, musste mit den örtlichen Gegebenheiten immer wieder »sein« Leben aufbauen. Er fand Freunde in Brünn (Brno), noch mehr in der Nähe von New York: die »Naturfreunde«, frühere Emigranten aus Deutschland. In Brünn musste er sich an die Polizeistunde halten, in New York aber gründete er alsbald wieder seinen Stammtisch, der zu einer Institution eigenen Charakters wurde (er hat Grafs Tod noch um Jahrzehnte überdauert). Besonders angetan (und nur sacht spöttisch) war er, als er zum Allunionskongress der sowjetischen Schriftsteller nach Moskau eingeladen wurde (im Herbst 1934). Seine treue Gefährtin Mirjam (seit 1944 seine Frau) begleitete ihn überallhin (sie starb 1959). Nur nach Moskau, wo er in Lederhosen, Janker und Kniestümpfen einen bleibenden Eindruck hinterließ, hatten die Genossen sie nicht mit eingeladen.

Natürlich konnte Graf auch im Exil das Schreiben nicht lassen. Er gab zwei Jahre lang zusammen mit Anna Seghers und Wieland Herzfelde die Neuen deutschen Blätter heraus, in denen andere exilierte schreibende Kollegen ihre kürzeren Texte veröffentlichen konnten. Er selbst brachte dort nur einen Auszug aus dem »Abgrund« unter. An diesem Emigrantenroman (erschienen schließlich 1936), arbeitete er mühsam, suchte die quälende soziale Krise im Reich und dann den Schritt ins Exil zu gestalten. Der Titel »Der Abgrund« verhieß nichts Gutes. Vor diesem war noch 1935 »Der harte Handel« erschienen: ein ausgetüftelter Plan, wie ein Bauer seinen Hof anzündet und ihn trotzdem als Familienbesitz behält. 50 Jahre später, lange nach Grafs Tod, griff eine Feuerversicherung zu dem Roman mit der brisanten Handlung und lieferte ihn ihren Versicherten, gratis. Den Typen Bolwieser verschärfte der Autor noch um einige Grade in seinem »Anton Sittinger« (1937): Der pensionierte Postinspektor ist nicht nur strikter Egoist und kaum noch sinnlicher Genießer – er sucht die inzwischen regierenden Nazis auszutricksen, also erliegt er ihnen rettungslos. Wie zur Warnung stellt der Verfasser voraus: »Menschen wie Sittinger gibt es in allen Ländern Abertausende … In manchen Zeiten heißen sie – ›du‹ und ›ich‹.«

Politische Arbeit

Kaum in New York angekommen (Juni 1938), stürzte er sich gleich wieder in die politische Arbeit, jetzt vor allem zur Rettung von Kollegen, die auf dem alten Kontinent »festsaßen«, also zur Überfahrt Visa und Geld brauchten. Eigens dafür belebte er die ein wenig verstaubte »German-American Writers Association« neu. Die Streitigkeiten um seinen Verein (er wurde der Sympathie mit den Kommunisten verdächtigt) stand er zwei Jahre durch, dann löste er ihn auf. Jetzt kam er endlich dazu, »Das Leben meiner Mutter« zu schreiben, einmal wieder mit einem Stipendium, außerhalb von New York. Es erschien 1940 auf Englisch, 1946 auf Deutsch. Sein Lebtag hatte er seine Gedanken um diesen ruhenden Pol in seinem unruhigen Leben kreisen lassen. Schon in der Zeit seiner expressionistischen Ergüsse hatte er den »literarischen Größen« entgegengehalten: »Meine Mutter ist mir jedenfalls lieber als all das schöne Daherreden von diesen Großen«. Eine gewisse stille Größe, wie er sie im Bild seiner Mutter erkannte, erreicht er auch in seiner Darstellung auf (zunächst) 900 Seiten. Danach aber riss der Faden ab. Graf malte sich noch aus, wie ein pfiffiger Helfer (»Banscho«) ein ganzes Dorf zum Widerstehen gegen die braune Herrschaft anstiften könnte, und er besann sich auf liebevolle, rührende oder schlechterdings sonderbare »Mitmenschen« aus seiner Jugendzeit (erschienen 1948). Jahrelang quälte er sich mit einem misslungenen Roman um das Überleben eines Kernbestands der Menschheit nach einem weltweiten Atomschlag (1949, letzte Fassung unter dem Titel: »Die Erben des Untergangs«). Seine Vorträge zu politischen und allgemein kulturellen Themen (ein Spektrum von George Washington bis zu Martin Heidegger) füllten allmählich einen ganzen Band (erschienen erst 1961: »An manchen Tagen«). Erst mit »Unruhe um einen Friedfertigen« (1947) erreichte er wieder sein literarisches Niveau: Ein aus Russland geflohener Schuster sucht sich in einem bayerischen Dorf zu vergraben, wird aber allmählich von der sich formierenden Hitler-Bewegung aufgespürt und schließlich (buchstäblich) zu Tode gehetzt. Eine überraschende Millionenerbschaft aus den Staaten hat ihm nicht geholfen, und dass er sie verschenkt hat: an einen dörflichen Sozialisten mit der Spürnase von Indianern, hat ihm ebensowenig geholfen. Hier legt Graf einmal genausoviel Gewicht auf die Gestaltung des Widersachers: ein unguter Bauernbursch, durchs Militär verdorben, der sich in politische wie familiäre Machenschaften verstrickt und seine Untat vergeblich wegzureden sucht: »Er redete und redete und zerredete das Furchtbare, das in der Kuchel-Luft hing; er tappte wieder hin und her, immer irgendwohin auf den Boden schauend, schüttelte hin und wieder den Kopf, und alles klang blechern wie auf einem Kasernenhof«. Graf hat schon öfter Amtsleute, Regierungsvertreter als unangenehme »bauchige Herren« gezeichnet und hat allmählich (wohl aufs Französische gestützt) daraus seine aparte Kurzform »A- bopa« entwickelt: »Alles verschlang das hemmungslose A-bopa«.

Reisen nach Europa

Seitdem Graf als amerikanischer Staatsbürger vereidigt war, konnte er auch wieder nach Europa fahren oder fliegen (sonst hätte er fürchten müssen, nicht wieder in die USA gelassen zu werden). Er machte viermal Gebrauch davon. Er merkte aber, dass er in der alten Heimat nicht leben konnte, vor allem wegen der lax betriebenen oder ganz sabotierten Entnazifizierung. Den Übergang vom Exil in die »Diaspora« und das Hangen zwischen beiden Kontinenten gestaltete er wieder in Romanform: »Flucht ins Mittelmäßige« (1959). »Zurechtgedachtes wird immer vom Lebendigen zerkrümelt«. Wegen der drohenden Kriegsgefahr mit noch unheilvollerern, nämlich atomaren Waffen wollte er sich noch einmal an eine Instanz der Weltöffentlichkeit wenden. Er schrieb einen Brief an den Papst, fand damit jedoch nur wenig Resonanz, er bekam nicht einmal eine Eingangsbestätigung. Dem dritten und letzten Teil seiner Autobiographie gab er den Titel »Gelächter von außen« (1966): Er fühlte sich an den Rand gedrängt, ins Abseits, und konnte über die miterlebte Weltentwicklung nur noch lachen: trocken und bitter, nicht hämisch. Er merkte, dass es mit ihm zu Ende ging, und er hatte keinen schönen Tod: dauernde Schmerzanfälle, eine Medikation, die er nicht aushielt, dazu regnete es durch (er wohnte im obersten Stockwerk). Er starb am 28. Juni 1967. Ein Jahr später wurde seine Urne in München beigesetzt, auf dem Bogenhausener Friedhof: unter der Münchner Prominenz. Sieben Jahre später erschien die erste Biographie von Rolf Recknagel: »Ein Bayer in Amerika«. Noch ein Jahr darauf begann der Süddeutsche Verlag aus München, seine »Gesammelten Werke« herauszubringen. Sie kamen auf 18 Bände, und das war noch nicht alles. 1977 wurde der erste Film über einen Graf-Roman ausgestrahlt: Rainer Werner Fassbinders »Bolwieser«.

Grafs hartes, wildes, aufwändiges und absichtlich fragwürdiges Leben sträubt sich gegen jede »Zusammenfassung«. Er liebte es, seine Erlebnisse zu entstellen, zur Lächerlichkeit, zur Tollpatschigkeit oder bloß zur »Mittelmäßigkeit«. Wir sind Gefangene, da hat er recht. Wir entkommen weder den Ketten noch den Gefängnismauern. In schiefen, peinlichen, widerwärtigen Situationen spürt er uns auf; gerade da reicht er uns seine Hand. Er war kein Lehrer, kein Prediger, kein Vorbild. Er blieb ein einzelner (aber beileibe kein Einzelgänger), ein höchst unzuverlässiger Sympathisant von mancherlei Revolutionen. Was zu seinen Lebzeiten sich wie ein Stück Revolution gebärdete, hat er alles scheitern sehen; Sieger waren jedesmal die Konterrevolutionäre. »Die Welt – liebe Freunde – ist die Frage und der Mensch ist die Antwort«. Alltäglich-skandalös sind seine Bücher. Wie das Leben selbst.

Gerhard Bauer ist Literaturwissenschaftler. Er hatte bis zum Jahr 2000 eine Professur für Neue Deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin inne.

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