Aus: Ausgabe vom 26.06.2017, Seite 15 / Politisches Buch

Entschuldigung steht aus

Bundesregierung weigert sich, Völkermord an Nama und Herero anzuerkennen

Von Simon Loidl
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In den USA lebende Herero demonstrieren vor einem Gericht in New York, das sich mit den deutschen Kolonialverbrechen in Afrika befasst (16.3.2017)

Vor einem New Yorker Gericht wird derzeit über deutsche Geschichte verhandelt. Zu Jahresbeginn hatten Vertreter der Herero und Nama stellvertretend für die Nachfahren von Opfern und Überlebenden des Völkermordes in »Deutsch-Südwestafrika« in den Jahren 1904 bis 1908 eine Sammelklage eingereicht. Deren Ziele sind nicht nur Entschädigungszahlungen, sondern auch Mitsprache der Betroffenen bei den laufenden Verhandlungen zwischen der deutschen und der namibischen Regierung. Gefordert wird die Anerkennung des Völkermords durch die Bundesrepublik.

Die Klage ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Verzögerungstaktik Berlins, das sich zunächst kategorisch weigerte, den Völkermord anzuerkennen, und jegliche Verantwortung für die Ereignisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurückwies. Als diese Position nicht mehr haltbar war, kam es während der vergangenen Jahre zu vorsichtigen Eingeständnissen von Vertretern der Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reichs. Eine offizielle Entschuldigung, wie auch die Zahlung von Reparationsleistungen ohne Bedingungen, ist bis heute ausgeblieben. Die Nachfahren der Opfer und Überlebenden sahen sich aus dieser deutsch-namibischen »Vergangenheitsbearbeitung« zunehmend hinausgedrängt. Doch gerade um die Einbindung dieser Generation muss es gehen, um irgendwann zu einem tragfähigen Ergebnis zu kommen, »das die zentralen Anliegen der Opfergruppen angemessen berücksichtigt und damit bei ihnen Legitimität genießen kann«, so die Autoren des vorliegenden Bandes.

Die Namibia-Experten Reinhart Kößler und Henning Melber verstehen ihre Publikation als »Intervention« angesichts des Verhandlungs- und Diskussionsprozesses um die Anerkennung des Genozids. Erst seit 2015 wird in der Bundesrepublik offiziell von einem Völkermord gesprochen, und seither finden Verhandlungen darüber statt, was aus dieser Anerkennung nun folgt.

Die »Intention der Vernichtung« bei der Kriegführung der deutschen »Schutztruppe« unter General Lothar von Trotha gegen die Nama und Herero ist mittlerweile kaum mehr umstritten. Die Autoren weisen aber darauf hin, dass »die Folgen des deutschen Kolonialismus die Strukturen der namibischen Gesellschaft nachhaltig bis in die Gegenwart veränderten«. Nicht zuletzt sei die demographische Zusammensetzung der Bevölkerung ohne die Auswirkungen der genozidalen Kriegführung heute anders. Diese »durch die Gewaltverhältnisse geschaffenen Fakten« seien zwar irreversibel, jedoch gelte es, sie »im Sinne einer Völkerverständigung handlungsanleitend bewusstzumachen«.

An dieser Stelle jedoch versagt die deutsche Politik. Denn immerhin sind die Verhandlungen über materielle Leistungen der Bundesrepublik bereits relativ weit gediehen – zuletzt war etwa von der Einrichtung einer Stiftung die Rede. »Von der materiellen Substanz her wären diese Vorstellungen der deutschen Diplomatie durchaus mit den Erwartungen der Opfergruppen zu vereinbaren«, so Kößler und Melber. Es gehe darüber hinaus aber »um den Ausdruck des Bedauerns und der Verantwortung von deutscher Seite, die in solchen Transfers Gestalt annehmen und dementsprechend als ›Reparationen‹ bezeichnet werden.«

Reinhart Kößler / Henning Melber: Völkermord – und was dann? Die Politik deutsch-namibischer Vergangenheitsbewältigung. Vorwort von Heidemarie Wieczorek-Zeul. Brandes und Apsel Verlag, Frankfurt am Main 2017, 172 S., 19,90 Euro

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