Aus: Ausgabe vom 26.06.2017, Seite 1 / Titel

Diesseits des Störfalls

50.000 demonstrieren mit Menschenkette in Grenzregion für Stillegung maroder belgischer AKW. Auch deutsche Atompolitik in den Blick genommen

Von Reimar Paul
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Hingucker während der Aktionen am Sonntag am AKW Tihange in Belgien: Die Proteste richteten sich gegen die Vogel-Strauß-Politik sowohl in Belgien als auch in den Niederlanden und der BRD in Sachen Atomkraftnutzung

Es war die weltweit größte Demonstration gegen die Atom­energienutzung seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima im März 2011: Mit einer 90 Kilometer langen Menschenkette von Aachen über das niederländische Maastricht bis zum belgischen AKW Tihange haben am Sonntag nachmittag nach Veranstalter­angaben rund 50.000 Umweltschützer aus mehreren Ländern für die Stillegung des bei Lüttich gelegenen Kraftwerks sowie der Reaktoren in Doel nahe Antwerpen demonstriert.

Die Sicherheit der Reaktorblöcke Tihange 2 und Doel 3 steht in Frage, seit Techniker bei Ultraschalluntersuchungen vor mehreren Jahren Tausende feiner Risse an den Druckbehältern entdeckten. Sie waren zunächst wenige Millimeter groß, inzwischen sind Risse von bis zu 17,2 Zentimetern dokumentiert. »Der Betreiber Engie Elec­trabel riskiert das plötzliche Bersten des Druckbehälters und damit den Super-GAU, die Kernschmelze«, warnen Aktivisten aus der Region.

In den vergangenen Jahren ereigneten sich in Tihange und Doel etliche Störfälle. Infolge von Bränden und Ausfällen von Kühlwasserpumpen mussten die Reaktoren mehrfach notabgeschaltet werden. Die Wirtschaftswoche schrieb Ende 2015, neben dem »Störfallkatalog« von Tihange nehme sich »der ›Herr der Ringe‹ wie ein Reclam-Heft« aus. Zudem ist in beiden Kraftwerken die Lagerkapazität für radioaktiven Müll so gut wie erschöpft. Belgische Medien berichteten schon im Dezember, dass sich in Tihange und Doel die nuklearen Abfälle stapelten.

Für die umgehende Abschaltung der beiden AKW macht sich auf deutscher Seite seit geraumer Zeit ein breites gesellschaftliches Bündnis aus Bürgern, Kommunen und Politik stark. Zu den Unterstützern zählt auch Nordrhein-Westfalens designierter Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hat ebenfalls mehrfach eine Abschaltung der Reaktoren Tihange 2 und Doel 3 gefordert. Viele Aktivisten halten das aber für Heuchelei. Schließlich würden die Meiler auch aus Deutschland mit frischen Brennelementen versorgt. Laschet kündigte am Sonntag im WDR an, die neue Landesregierung in Düsseldorf werde einen Stopp der deutschen Lieferungen »thematisieren«.

Aus allen Regionen Belgiens, der Niederlande und Deutschlands waren am Sonntag Demonstranten angereist. Allerdings war die Kette nicht überall geschlossen. Dazu hätten noch einmal rund 10.000 Menschen mehr teilnehmen müssen. Die meisten Demonstranten kamen nach Angaben des Veranstalterbündnisses aus der Region um Aachen, Maastricht und Lüttich. Sie seien aber nicht nur durch Tihange und Doel bedroht, sondern auch durch die AKW in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland, erklärte Jochen Stay, Sprecher der Antiatominitiative »Ausgestrahlt«. Wer wie die Bundesregierung gegenüber den Nachbarländern auf das Abschalten ihrer Schrottmeiler poche, müsse mit gutem Beispiel vorangehen. Deutschland sei nach Frankreich aber immer noch der zweitgrößte Atomstromproduzent in der EU. Ähnlich äußerte sich der Sprecher einer Gruppe von Radlern, die in mehreren Etappen vom niedersächsischen Grohnde nach Belgien gestrampelt waren und unterwegs am stillgelegten Hochtemperaturreaktor in Hamm und der Kernforschungsanlage Jülich Station gemacht hatten: »Politiker weisen gerne in die Ferne, um von naheliegenden Problemen abzulenken.« Sie kritisierten die Belgier und ließen »den deutschen Problemreaktor Grohnde weiterlaufen«.

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