Aus: Ausgabe vom 22.06.2017, Seite 6 / Ausland

Erfolg für Kolumbiens Lehrer

Nach wochenlangem Streik einigen sich Gewerkschaft und Regierung auf Lohnerhöhungen

Von Jan Schwab
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Streikdemonstration von Lehrerinnen und Lehrern am 13. Juni in Bogotá

Kolumbiens Lehrerinnen und Lehrer haben sich gegen die Regierung von Staatschef Juan Manuel Santos durchgesetzt. Nach einem wochenlangen Streik vereinbarten beide Seiten am vergangenen Wochenende eine schrittweise Lohnerhöhung. Die Gehälter steigen im kommenden Jahr um sechs Prozent, 2019 um elf Prozent und 2020 um 15 Prozent. Da diese Lohnerhöhungen somit in die Amtszeit einer künftigen Regierung fallen – am 27. Mai 2018 wählt Kolumbien einen neuen Präsidenten –, soll eine Kommission die Umsetzung der Vereinbarungen überwachen. Weitere Zusagen der Regierung betreffen die Schaffung von Vorschulplätzen bis spätestens 2024 sowie die Einführung von Kursprogrammen zu Menschenrechten und zur Unterstützung des Friedensprozesses. Verbessert werden sollen die Gesundheitsversorgung der Lehrer und die arbeitsrechtlichen Garantien. Im Gegenzug sagte die Lehrergewerkschaft Fecode zu, die durch den Streik verlorene Unterrichtszeit durch eine Anpassung der Schulpläne nachzuholen.

Seit dem 11. Mai befanden sich Zehntausende Mitglieder der Fecode im Ausstand. Für knapp acht Millionen Schülerinnen und Schüler fiel so für mehr als einen Monat der Unterricht aus. An Großdemonstrationen im Mai und Juni in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá beteiligten sich Zehntausende, darunter auch Studenten, Schüler und Arbeiter anderer Teile des öffentlichen Diensts. Dabei kam es am 9. Juni in Bogotá zu Übergriffen der gefürchteten Aufstandsbekämpfungseinheit Esmad, durch die zahlreiche Demonstranten verletzt wurden. Mitte Mai explodierte vor dem Gebäude der Fecode ein Sprengsatz. Anfang Juni musste die Gewerkschaft dann mitteilen, dass drei ihrer Mitglieder vermutlich von paramilitärischen Einheiten ermordet wurden. Eine weitere Aktivistin gilt als vermisst.

Die Forderungen der Gewerkschaft orientierten sich an bereits früher mit der Regierung getroffenen Vereinbarungen. Ähnlich wie bei den Protesten in der Hafenstadt Buenaventura und im nordwestlich gelegenen Bezirk Chocó entzündete sich der Lehrerstreik also vor allem an Vertragsbrüchen der Regierung.

Kolumbien verfügt nur über ein mangelhaft finanziertes und ausgebautes öffentliches Bildungssystem, das vielfältigen privaten und kostenpflichtigen Schulen gegenübersteht. Die Regionen abseits der urbanen Zentren sind häufig unterversorgt. Kernforderungen der Lehrer waren deshalb eine Verbesserung der Ausstattung der öffentlichen Bildungseinrichtungen und ihrer Arbeitsbedingungen sowie eine Lohnerhöhung von 10,75 Prozent. Demgegenüber wollte das Bildungsministerium nur eine Einkommenssteigerung von maximal 6,2 Prozent akzeptieren.

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