Aus: Ausgabe vom 20.06.2017, Seite 16 / Sport

Radeln wie im Traum

Von Gabriele Damtew
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»Doch schon brettert eine Gruppe der 120er vorbei« (Sonntag an der Siegessäule)

Stellen Sie sich vor, es ist Sonntag in Berlin und kaum ein Auto unterwegs. Zum zehnten Mal wurde in unserer heiß geliebten Hauptstadt das Amateur-Radrennen »Velothon« ausgetragen. Rund 14.000 Cyclisten von überall und nirgends nahmen teil. Für drei Strecken konnte gemeldet werden: 60 Kilometer Stadtkurs und 120 Kilometer mit Umland als sogenannte Jedermannrennen sowie, ganz Hardcore, 180 Kilometer für die besonders Ehrgeizigen. Knapp hundert Euro betrug die Meldegebühr, Massage und ein Weizenbier am Ziel inklusive.

Bevor ich mich dort in gut zwei Stunden mit meiner brasilianischen Freundin Gabi treffen will (ihr Mann Gustavo fährt die 120 Kilometer), mache ich mich als radelnde Reporterin zum nächstgelegenen Streckenteil auf, dem Tempelhofer Feld. Für uns anrainernde Berliner eine Oase der Erholung und Ruhe. Gerade seien die »Fixies« durch, erzählt mir eine Ordnerin, zuständig für den Durchlass an der Absperrung. Fixies? »Bekloppte Rennfahrer ohne Bremsen am Rad, so was wie Anarchos im Radsport, sind jetzt seit drei Jahren dabei.« Die Umstehenden und ich sind tief beeindruckt. Doch schon brettert eine Gruppe der 120er vorbei, ich hinterher, natürlich unmöglich bei 30 Grad. Wenigstens habe ich den Columbiadamm in Neukölln fast für mich allein.

Radeln wie in einem Traum, ganz ohne Autos. Bergab auf der Hermannstraße denke ich kurz an die »Bekloppten«, aber am Hermannplatz unten sind keine Verletzten zu sehen. Nur ein verirrter Autofahrer, der einen Polizisten anblafft. »U-Bahn oder S-Bahn nehmen«, raunzt der Gesetzeshüter zurück. Der Fahrer erbleicht. »Oder Autobahn.« Der in der Blechbüchse Gefangene schielt auf mein Rad. Schnell weiter auf dem Kottbusser Damm. Ich kann die Bäume riechen. Der Blick auf die Uhr sagt, dass ich abkürzen muss. Also quer durch Kreuzberg 61, wo im Schatten der Platanen üppig gebruncht wird. Einige Kilometer weiter werden im Schatten des Jobcenters preiswertere Sonntagsschrippen jekooft.

14 Uhr, Mitte. Ende meiner Tour de Berlin. Die Touristen- und Zuschauerdichte nimmt zu. Gabi hat mich trotzdem gefunden. Wir sind seit dem »Berlin Triathlon« vor einer Woche ein eingespieltes Team. Ihre App verrät, wo Gustavo gerade steckt. Er und sein Kollege Guil können 120 Kilometer in drei Stunden schaffen, haben aber eine Gruppe Beginner unter ihre Fittiche genommen: Windschatten geben, und die Leute gesund ins Ziel bringen. Ich bin begeistert.

Hundert Meter vor der Zielgeraden am Brandenburger Tor beobachten wir die ankommenden Athleten. Die einen haben bis zuletzt den Tunnelblick, andere feiern sich selbst oder wollen gefeiert werden. Es gibt die romantischen Pärchen aller Couleur, die Hand in Hand ins Ziel kommen, aber auch die Virtuellen, die verwackelte Fotos oder Videos von ihrem Zieleinlauf posten, ohne unmittelbar zu erleben. Es ist wie im wirklichen Leben.

Gustavo und seine Freunde fahren nach drei Stunden und knapp 42 Minuten in geschlossener Reihe ins Ziel.

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