Aus: Ausgabe vom 20.06.2017, Seite 16 / Sport

Unvollendete Drehung

Freud und Leid der deutschen Wasserspringer bei der EM in Kiew

Von Jens Walter
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»Noch etwas Luft« – Patrick Hausding

Mit einem Triumph des Franzosen Benjamin Auffret im Springen vom Zehn-Meter-Turm endeten am Sonntag abend in Kiew die jährlichen Europameisterschaften der Wasserspringer. Florian Fandler und Timo Barthel landeten für den Deutschen Schwimmverband (DSV) auf den Rängen elf und zwölf. Kurz zuvor hatten Tina Punzel und Friederike Freyer im Synchronspringen vom Drei-Meter-Brett die Nerven behalten und hinter Russland Silber gewonnen. Mit 284,10 Punkten trennte das Duo aus Leipzig und Dresden nur 0,6 Zähler vom undankbaren vierten Rang. Auf dem war Rekordeuropameister Patrick Hausding in dieser Disziplin, seinem letzten Wettkampf in Kiew, gelandet. Mit dem Leipziger Stephan Feck verfehlte der Berliner mit 393,39 Punkten Edelmetall um 2,22 Punkte. Gold ging an Ilja Sacharow/Jewgeni Kusnezow aus Russland (427,71).

So blieb Hausding zum ersten Mal seit seinem Premierengold 2008 in Eindhoven bei kontinentalen Meisterschaften ohne Titel. »Die Unsicherheit Patrick Hausdings aus dem Teamwettbewerb zog sich bei ihm wie ein roter Faden durch die EM«, konstatierte Chefbundestrainer Lutz Buschkow. »Er war noch nicht in Topform.«

Beim EM-Auftakt im Teamspringen lagen Hausding und Maria Kurjo lange auf Medaillenkurs, dann missglückte dem Berliner ein Sprung, den er als einziger weltweit beherrscht: der dreieinhalbfache Auerbachsalto gehechtet. Diesen Sprung mit dem höchsten Schwierigkeitsgrad hatte Hausding für Olympia in Rio gelernt, dort hatte er ihm Bronze eingebracht. In Kiew kam er nicht gut vom Brett, konnte die Drehung nicht vollenden und klatschte mit dem Rücken auf die Wasseroberfläche. Die Medaille war weg.

Hausding ist 28 und sein Körper bereits arg lädiert. Nach Bänderrissen an beiden Daumen kann er nur noch mit Bandagen vom Turm springen. Vom exzessiven Kraft- und Akrobatiktraining sind vor allem die Knie verschlissen. Nach Rio musste er eine Verletzungspause einlegen, in Kiew wegen Knieproblemen Schmerzmittel schlucken. »Wenn einem 4.000 bis 5.000 Sprünge fehlen im Jahresverlauf, macht sich das gerade in solchen Stresssituationen bemerkbar«, erklärte Buschkow Hausdings durchwachsene EM-Vorstellung.

In seinem zweiten Wettkampf in Kiew, dem nichtolympischen Springen vom Ein-Meter-Brett, gewann der Berliner recht souverän Silber, anschließend kam es zum Totalausfall. Mit zwei verpatzten Sprüngen verpasste Hausding die Qualifikation für das Finale vom Drei-Meter-Brett, von dem er in Rio Bronze gewonnen hatte. »Es war der schlimmste EM-Wettkampf meiner Karriere«, gab er zu Protokoll.

In Berlin hat Hausding das 16jährige Ausnahmetalent Lou Massenberg unter seinen Fittichen. Der Teenie gewann in Kiew mit Tina Punzel Bronze im Synchron-Mixed-Wettbewerb. Ebenfalls dritte wurde die Berlinerin Louisa Stawczynski vom Ein-Meter-Brett. »Wir haben ungefähr vier Medaillen liegen lassen«, meinte Buschkow. Drei mehr hatte allein Hausding holen wollen. Glücklicherweise ist jetzt laut Bundestrainer »noch etwas Luft« bis zum Saisonhöhepunkt, den Weltmeisterschaften Mitte Juli in Budapest. Bis dahin soll Hausding seine Knie auskurieren. Dann wird auch sein langjähriger Partner Sascha Klein wieder mit ihm vom Turm springen. Die EM hatte der Dresdner ausgelassen, wodurch das Duo seine Erfolgsserie von neun EM-Synchron-Titeln in Folge nicht fortsetzen konnte.

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