Aus: Ausgabe vom 20.06.2017, Seite 11 / Feuilleton

»Rock ’n’ Roll ist Bewusstsein«

Die Kraft der Opposition und die der Meditation. Ein Gespräch mit Thurston Moore

Von Rafik Will
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Die Proteste gegen ihn sind nur der Anfang – vielleicht: Der US-Präsident als Streichholz (vom Künstler John Kettmann 2016 gefertigt)

Sie agitieren gegen Trump, Ihre aktuelle Single »Cease Fire« ist gegen den privaten Schusswaffenbesitz in den USA gerichtet, und die davor, »Chelsea’s Kiss«, war Chelsea Manning gewidmet – die ja nun zum Glück freigelassen wurde. Sind Sie ein politischer Aktivist?

Nein, ich schreibe Songs ja nicht nur über solche Themen. Eigentlich mag ich es nicht, von Wut inspiriert zu werden – lieber schreibe ich Songs, die erhebend wirken und mehr Hoffnung machen, so wie auf meinem Album »Rock ’n’ Roll Consciousness«.

Aber ...

... ja, aber, es ist auch wichtig, sich in Opposition zur Weltelite zu begeben. Gegen die Mächtigen, die Angst und Paranoia benutzen, um noch reicher zu werden. Die die Angst vor dem anderen schüren, Nationalismus und Populismus stark machen. So wie jetzt der White-Power-Präsident Trump.

Und selbst der Rock ’n’ Roll braucht mehr Bewusstsein, folgt man dem Titel Ihrer neuen Platte?

Nun, ich denke, Rock ’n’ Roll ist Bewusstsein. Ich weiß nicht, ob er es braucht. Rock ’n’ Roll ist Bewusstsein für die, die ihm wirklich verpflichtet sind. Das ist meine Art von Meditation.

Und dann gibt es da diese Kraft der Liebe, von der Sie singen. Ist das eigentlich ernst gemeint?

Ja, das ist sogar sehr wichtig, und ich stehe dazu. Für mich ist das eine politische Energie. Denn ich sehe so viele Leute, die auf die Straßen gehen, um zu demonstrieren, um sich physisch einer politischen Situation entgegenzustellen, die sie als verachtenswert und entmutigend empfinden – und das tun sie mit Freude und lachend. Gegen diese Freude kommen die Konservativen nicht an, die ist unschlagbar, eine tiefe innere Kraft. Alles was sich dagegen wendet, hat mit Geld zu tun.

Mit Sonic Youth, der Band, mit der Sie berühmt wurden, haben Sie 1991 eine Europatour gemacht, deren Titel in die Popgeschichte eingegangen ist: »The Year that Punk Broke«. Im Vorprogramm waren damals Nirvana, die danach zu Weltstars wurden. In welche Teile ist Punk anschließend zerbrochen?

Naja, das war ein Wortspiel. »Punk Broke« meint, dass Punk damals regelrecht ausbrach, indem diese Musik allgemein erhältlich und vom Mainstream als Standard aufgenommen wurde. In dieser Hinsicht war es ein Durchbruch, der aber andererseits auch den Zusammenbruch der Punkkultur bedeutete, denn die war immer sehr antiautoritär und auf das Gegenteil von Akzeptanz außerhalb der eigenen Subkultur aus. Das haben wir mit diesem Titel kommentiert.

Danach war Punk hinüber.

Punk war die Stimme der modernen Intelligenz, die oft von Kunsthochschulen kam und die der Stimme der Straße lauschte und der Stimme einer zerrissenen Wirtschaft. In der Armut lag etwas Rühmliches, darin steckte ein gewisser Stolz. Ich denke auch, dass es als Musik zum »Bullying«, zum Einschüchtern und Drangsalieren, gebraucht wurde, aber irgendwann die Ambivalenz verlor und von Leuten vereinnahmt wurde, die »Hate Speech« ausdrücken wollten, die Stimme des Faschismus und der Unterdrückung. Das geschah allerdings auch in anderen Popgenres, im Country and Western oder im Reggae – eine Musik, die der Idee der Brüderlichkeit huldigt, die aber durchsetzt ist von Homophobie und Sexismus.

Und mit Trump, der wirkt wie ein schlechter Traum, wie eine real gewordene Cartoonfigur, ist Pop zerbrochen?

Ich denke, es wird eine ganz neue Bewegung in der kreativen Kunst- und Musikszene geben, die sich wunderschön in Opposition zu dieser unmoralischen Ideologie, die sich im Populismus und Nationalismus zeigt, entfalten wird. Rock ‘n‘ Roll Consciousness ist ein Teil von dieser Bewegung.

Sie gelten als einer der besten Gitarristen überhaupt. Wie haben Sie Ihre Gitarre auf dem neuen Album gestimmt?

Zum größten Teil ist das C, G, D, D, C, D von der tiefsten zur höchsten, von der sechsten zur ersten Saite. Das ist kein Geheimnis, ich möchte auch die Vorstellung entmystifizieren, dass ich da im geheimen arbeite. Ich will es gerne teilen, und alle, die es gebrauchen können, sind eingeladen, das zu tun.

Und die Thurston Moore Group ist jetzt Ihre neue Band?

Es ist eine etablierte Gruppe und nicht nur irgendeine musikalische Übergangssituation für mich. Wir sind eine echte Familie geworden, bestehend aus Debbie Googe (Bass), Steve Shelley (Drums), James Sedwards (Gitarre) und mir. Und ich wollte, dass James Sedwards bei einigen Stücken die Leadgitarre spielt, weil ich das Gefühl hatte, dass er, als wir angefangen haben, zu kurz gekommen ist und er wirklich ein herausragender Gitarrist ist. Ich wollte einige Songs schreiben, die das herausstellen. Wir versuchen weder unsere alten Bands – Sonic Youth und My Bloody Valentine – zu reenacten noch vorzugeben, wir wären neue Musiker. Ich wollte, dass wir ehrlich zu dem stehen, was wir sind: Leute die seit langer Zeit spielen.

Thurston Moore, Jahrgang 1958, ist ein sehr guter Gitarrist aus New York und war Mitgründer der einflussreichen Indieband Sonic Youth. Sie zerbrach 2011 mit dem Ende der Ehe von Kim Gordon und Thurston Moore, ihren führenden Musikern. Nun lebt er in London und spielt unter anderem in der Thurston Moore Group

Thurston Moore: »Rock ’n’ Roll Consciousness« (Caroline/Universal)

Live: heute Hamburg, Übel & Gefährlich; 21.6. Köln, Stadtgarten; 30.6. München, Strom; 4.7. Dresden, Beatpol

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