Aus: Ausgabe vom 20.06.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Die Wut der Mieter

Die Opfer der Brandkatastrophe in London waren Angehörige der Arbeiterklasse. Deren Unmut schlägt nun der Politik entgegen

Von Christian Bunke, Manchester
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»Das ist Klassenkampf«: In Kensington demonstrieren täglich Anwohner gegen die Regierung (London, 16.6.2017)

Die Rede ist schon längst vom »Hurrikan-Katrina-Moment« für Therese May. Die Brandkatastrophe vom »Grenfell Tower« wirft ein Licht auf die Klassenverhältnisse Großbritanniens, auf die grundverschiedenen Lebensbedingungen von Arm und Reich und darauf, dass die neoliberale Deregulierungspolitik der vergangenen Jahrzehnte Leben kostet. Oder, wie es der Generalsekretär der Feuerwehrgewerkschaft FBU in einem Fernsehinterview am Freitag formulierte: »Ein solches Unglück sollte in einem Land wie Großbritannien nicht geschehen dürfen.«

Kensington ist einer von Londons reichsten Stadtteilen. Es ist ein traditionell konservativer Wahlkreis, der bei den vergangenen Parlamentswahlen an Jeremy Corbyns Labour-Partei fiel. Der Grund: Im Schatten der Luxuswohnblocks versteckt sich die bittere Armut der britischen Arbeiterklasse. Durch die Brandkatastrophe wurde sie wieder sichtbar. In diesem Hochhaus lebten Menschen unterschiedlichster Herkunft. Es waren Rentner, Asylsuchende, legal oder illegal in Großbritannien lebende Arbeitsmigranten und ihre Familien sowie britische Lohnabhängige.

Rund um den Grenfell-Turm stehen Luxuswohnungen mit modernster Sicherheitseinrichtung. Dazu gehören zum Beispiel Sprinkleranlagen auf jedem Hausflur. In dem Hochhaus waren keine installiert, das wäre zu teuer gewesen. Vergangenes Jahr wurde der Block kosmetisch aufgehübscht. Doch auch hierbei wurde gespart. An der Außenwand wurde leicht brennbares Material als Wärmeschutz angebracht. Die Londoner Feuerwehr sieht hier einen Hauptgrund, warum sich das Feuer so schnell ausbreiten konnte. Die weniger entzündlichen Materialien waren den Eigentümern zu kostspielig.

Im Hochhaus existierte seit Jahren eine Mieterinitiative, die diese Missstände anprangerte. Deren Befürchtungen, dass eine Katastrophe jederzeit gedroht habe, wurden sowohl von der Stadtteilverwaltung als auch der Londoner Stadtregierung wiederholt beiseite gewischt. Diese waren vielmehr damit beschäftigt, bei der Feuerwehr einzusparen – 550 Feuerwehrleute wurden aufgrund von Kürzungen gekündigt.

Hinzu kommt die Geschichte der neoliberalen Deregulierung. Regierungen von Margaret Thatcher über Anthony Blair bis David Cameron haben den »Bürokratieabbau« zu ihrer Hauptaufgabe erklärt. Dabei ging es auch immer um eine Senkung der Sicherheitsstandards für Bauprojekte. So sollten die Kosten für Investoren gesenkt werden, die gleichzeitig von der immer noch anwachsenden Immobilienblase profitieren konnten.

Die Kürzungspolitik der vergangenen Jahre macht sich auch auf anderer Ebene bemerkbar. Bald ist eine Woche seit Ausbruch des Feuers vergangen, doch städtische und staatliche Behörden haben bislang vor Ort kaum Präsenz gezeigt. Eine geordnete Strategie zur Unterstützung der nun obdachlosen Brandopfer ist bislang nicht erkennbar. Die Einwohner Kensingtons mussten zur Selbsthilfe greifen. Aus der Mieterbewegung im Viertel sind spontane Strukturen entstanden, um Nahrung, Trost und Unterkunft zu spenden.

Das Misstrauen über die Politik ist groß. Auch Labour-Bürgermeister Sadiq Khan wurde bei seinem Besuch im Stadtteil mit nur wenig Begeisterung und vereinzelten Buhrufen begrüßt. Die Menschen haben seine Rolle bei der Umsetzung von Kürzungsmaßnahmen nicht vergessen, auch nicht, dass er London zu einer »wundervollen Stadt für Millionäre« machen möchte. Premierministerin Theresa May wurde am Freitag von einer Menschenmenge davongejagt. Nur Jeremy Corbyns Besuch traf vor Ort auf eine positive Resonanz.

Seine Forderungen nach einer unabhängigen Untersuchung über die Brandursache und einer Bereitstellung leerstehender Luxuswohnungen für die Aufnahme von Obdachlosen fanden ein positives Echo. Auf den inzwischen täglich in Kensington stattfindenden Demonstrationen werden sie aufgegriffen. Am Freitag stürmten Hunderte das Kensingtoner Rathaus, um die lokalen Politiker zur Verantwortung zu ziehen. Zunehmend wird der Rücktritt von Premierministerin May gefordert. Sie versuchte den Unmut mit der Zusage von Hilfsgeldern in Höhe von fünf Millionen Pfund zu besänftigen. Derzeit sieht es nicht danach aus, als ob dieser Versuch der Schadensbegrenzung erfolgreich wäre.

Am 20. November 2016 warnte die »Grenfell Action Group« der Bewohner des Grenfell Tower eindringlich vor den Auswirkungen einer möglichen Brandkatastrophe in ihrem Wohnblock. Der Artikel wird hier in Auszügen wiedergegeben.

»Es ist ein wirklich schrecklicher Gedanke, aber die Grenfell Action Group ist der Ansicht, dass nur eine Katastrophe die Unfähigkeit unseres Hausbesitzers, die gefährlichen Lebensbedingungen sowie die grobe Nachlässigkeit bei Sicherheitsfragen öffentlich machen kann. Wir denken, dass es sich bei der Hausverwaltung um eine bösartige, prinzipienlose Minimafia handelt, die sich niemals um große Sozialwohnungsanlagen kümmern dürfte. (…)

Leider mussten wir zu dem Schluss kommen, dass nur eine Katastrophe mit mehreren Todesfällen die nötige externe Aufmerksamkeit auf die Vorgänge bei dieser bösartigen und nicht funktionierenden Organisation lenken wird. (…)

Unserer Überzeugung nach wird ein Großbrand in einem Wohnblock dazu führen, dass die Handlungsweise der Hausverwaltung an die Öffentlichkeit kommen wird. Wir glauben, dass bereits im Jahr 2013 ein solches Feuer nur knapp verhindert werden konnte. Damals gab es eine Reihe von furchterregenden Kurzschlüssen. Später stellte sich heraus, dass diese durch fehlerhafte Verkabelungen hervorgerufen worden waren. Die Hausverwaltung hat das später verschleiert. (…)

Im Oktober 2015 fegte ein Brand durch ein anderes von der KCTMO verwaltetes Gebäude, nämlich den 14 Stockwerke hohen »Adair Tower« im Norden Kensingtons. Es gab eine Massenpanik, und viele Bewohner wurden mit Rauchvergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert. Hätte die Feuerwehr nicht so schnell reagiert, wären die Konsequenzen viel schlimmer gewesen, und es hätte sicherlich Tote gegeben.

Nach dem Brand stellte die Feuerwehr fest, dass sich die Hausverwaltung nicht ordnungsgemäß um die Sicherheit im »Adair Tower« gekümmert hatte. Von der Brandschutzbehörde wurde eine ganze Reihe von Verbesserungen angeordnet, etwa bei den Fluchtwegen oder der Anbringung selbstschließender Eingangstüren. Im danebenliegenden »Hazelwood Tower« fand die Feuerwehr ähnliche Versäumnisse. (…) Schon vor zehn Jahren hatte die Feuerwehr zahlreiche Verbesserungen beim Brandschutz angeordnet. Schockierenderweise waren sie nicht umgesetzt worden. (…)

Wir sind der Überzeugung, dass die Worte unseres Blogs die Hausverwaltung über kurz oder lang heimsuchen werden. (…) Sie kann dann nicht sagen, es hätte sie keiner gewarnt.«

Übersetzung: Christian Bunke

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