Aus: Ausgabe vom 20.06.2017, Seite 2 / Ausland

»Krise der Entwicklungsländer«

UNHCR-Bericht: 65,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht

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Flüchtlinge im Oktober 2016 nach ihrer Rettung aus dem Mittelmeer

Noch nie waren auf der Welt so viele Menschen auf der Flucht: 65,5 Millionen Menschen versuchten im vergangenen Jahr, sich vor Krieg, Gewalt und Verfolgung in Sicherheit zu bringen – 300.000 mehr als im Jahr davor. Darunter waren 22,5 Millionen Menschen, die über Grenzen gingen und 40,4 Millionen Vertriebene, die in einem anderen Teil ihrer Heimatländer Unterschlupf fanden. Seit 1997 hat sich die Flüchtlingszahl damit praktisch verdoppelt. Allein in Syrien mussten zwei Drittel der Einwohner ihre Heimat verlassen, berichtete das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) am Montag in Genf.

Zählt man die über die Grenzen Vertriebenen und Binnenflüchtlinge zusammen, steht Syrien an erster Stelle mit zwölf Millionen. Danach kommt Kolumbien (7,7 Millionen), gefolgt von Afghanistan (4,7 Millionen), Irak (4,2 Millionen) und Südsudan (3,3 Millionen).

Vier von fünf Flüchtlingen haben in Ländern Aufnahme gefunden, die selbst teils kaum das Nötigste haben. »Dies ist keine Krise der reichen Welt, sondern eine Krise der Entwicklungsländer«, betonte Flüchtlingshochkommissar Filippo Grandi.

Dass die Gesamtzahl der Flüchtenden nur knapp über der des Vorjahres lag, suggeriere fälschlicherweise eine Stagnation der Lage, sagte Grandi. »Das verschleiert nur, wie instabil die Lage in vielen Regionen ist.« Millionen Menschen seien in ihre Heimatorte zurückgekehrt, ohne dass die Lage wirklich sicherer war. Andere hätten ein neues Zuhause in Drittländern gefunden. Neu wurden 10,3 Millionen Menschen in die Flucht getrieben.

Hilfsorganisationen kritisierten die Abschottungsversuche der EU. So kritisierte die zur Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer gegründete Organisation Mission Lifeline die EU-Unterstützung für die libysche Küstenwache, die Flüchtlinge zurück nach Libyen bringt: »Diese Situation könnte morgen beendet werden, indem man den Bedürftigen sichere und legale Fluchtwege zur Verfügung stellt.«

Die innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Ulla Jelpke, erklärte aus Anlass des Weltflüchtlingstages, der am heutigen Dienstag begangen wird: »Während der globale Norden durch seine zerstörerische Politik immer neue Fluchtgründe schafft, wird das Leben im globalen Süden immer unerträglicher. Die Linke bleibt daher bei ihrer Forderung: Grenzen auf für Menschen in Not!« (dpa/jW)

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