Aus: Ausgabe vom 20.06.2017, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

Die Feinheiten eines Arbeitskampfs

Neue Verdi-Broschüre untersucht die erfolgreichen Streiks an der Berliner Uniklinik Charité

Von Stefan Thiel
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Das streikende Pflegepersonal der Charité demonstriert vor dem Bettenhaus des Charité-Campus in Berlin (30. Juni 2015)

Erst im Streik zeigte sich, dass die Ärzte, einmal auf sich allein gestellt, aufgeschmissen sind. »Die Dialyseärzte wissen nicht, wie man die Geräte aufbaut und bedient – das können nur die Pflegekräfte. Und als sie das im Streik verweigerten, waren die Ärzte hilflos.« So schildert eine Intensivkrankenpflegerin die Zustände in der Berliner Uniklinik Charité, als das Pflegepersonal in den Ausstand trat. Dem Selbstbewusstsein der Kolleginnen sei das nur zuträglich gewesen, schließlich habe sich gezeigt, wie wichtig ihre Arbeit ist.

Diese und ähnliche Schilderungen kann man der kürzlich erschienenen Verdi-Broschüre des Landesbezirks Berlin-Brandenburg entnehmen. Unter dem Titel »Mehr von uns ist besser für alle!« ziehen die Autoren dort in 14 übersichtlich gestalteten Kapiteln eine Bilanz des jahrelangen Kampfes der Beschäftigten der Berliner Charité für mehr Personal. Nach vielen Jahren des Kampfes erreichten die Kolleginnen 2016 einen Tarifvertrag, der der Klinik Personalvorgaben stellt. Ein Novum in der BRD. Allerdings räumen die Autoren ein, dass für die tatsächliche Umsetzung des Vereinbarten weiter gestritten werden muss.

Einleitend werden die ökonomischen Rahmenbedingungen erläutert: Die fortschreitende Ökonomisierung des Gesundheitswesens, der damit verbundene permanente Kostendruck und die Unterfinanzierung zwingen die Krankenhäuser zu Kürzungen. Da die Belegschaften den größten Ausgabenposten darstellen, wird genau dort gespart. Neben den Pflegekräften trifft dies vor allem die Beschäftigten der Servicebereiche. Die für Reinigung, Küche, Transport und Sicherheit verantwortlichen Kollegen sind nicht mehr direkt bei Europas größtem Uniklinikum angestellt, sondern bei der ausgelagerten Charité Facility Management GmbH (CFM). Deren Kampf für höhere Löhne und eine Wiedereingliederung in das reguläre Charité-Personal spielt in der Broschüre ebenfalls eine Rolle.

Für aktive Gewerkschafter sind vor allem die im dritten Kapitel geschilderten neuen Aktionsformen und die Arbeit der von Verdi eingesetzten Tarifberater (Kapitel 12) interessant. Während des Arbeitskampfes im Jahr 2011 entwickelten die Aktiven verschiedene Beteiligungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Eine Option stellt zum Beispiel der »Delegationsstreik« dar. Wenn sich Pflegekräfte durch die Übernahme ärztlicher Tätigkeiten überfordert fühlen, haben sie das Recht, diese zurückzudelegieren. Das machte sich Verdi zunutze. Die spezielle Aktionsform sorgte für Überforderung bei den Ärzten und in der Folge gar für geschlossene Stationen. Die Autoren betonen aber, dass sich diese Aktionsform nicht gegen die Mediziner richte, sondern Druck auf das Management ausüben solle.

Carsten Becker, Daniel Behruzi, Stephan Gummert, Meike Jäger, Kalle Kunkel, Dana Lützkendorf, Arnim Thomaß: Mehr von uns ist besser für alle! Der Kampf um Entlastung und Gesundheits­schutz an der Berliner Charité. Berlin 2017, 56 Seiten

Im Netz unter: gesundheit-soziales-bb.verdi.de/themen/tarifvertrag-entlastung

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