Aus: Ausgabe vom 19.06.2017, Seite 16 / Sport

Kleckern statt Klotzen

Die 129. Deutschen Schwimm-Meisterschaften in Berlin waren ernüchternd

Von Klaus Weise
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Bringt das was? Marek Ulrich freut sich über seinen ersten Platz im A-Finale bei 100-Meter-Rücken

Vom vergangenen Donnerstag bis zum Sonntag mühten sich die Besten der Besten bei den Deutschen Schwimm-Meisterschaften (DSM) in Berlin, die Debakel der letzten Jahre vergessen zu machen. Denn vor einem Jahr hatte man aus Rio zum zweiten Male in Folge (nach London 2012) ohne eine einzige Olympiamedaille die Heimreise angetreten – bei 40 olympischen Entscheidungen (Staffeln inklusive) insgesamt. Damit avancierte die frühere Kernsportart zum Außenseiter im deutschen Spitzensport.

Die inhaltlich immer noch sehr vage, dafür aber umso heftiger dauerdiskutierte Spitzensportreform verspricht hier keine Wunder. Im Gegenteil, sie trifft fast alle – kurioserweise sogar die stets Erfolgreichen, zum Beispiel die Rennkanuten. Es geht um Personalien und Trainer, Fördergelder, Stützpunkte, Strukturen. Die Nicht-Erfolgreichen wie die Schwimmer sind vollends im Abseits und im Grunde genommen zu Befehlsempfängern der Geldgeber – sprich des Bundesinnenministeriums (BMI) – degradiert. Die Aussagen der seit Ende 2016 als DSV-Präsidentin (Deutscher Schwimm-Verband) amtierenden Gabi Dörries und des Chefbundestrainers Henning Lambertz bei der DSM, übrigens die einzige Qualifikation für die WM im Sommer in Budapest, gerieten trotz verordneter Zuversicht erstaunlich offen und ehrlich. Auf den Spitzensport bezogen ließen sie nur einen Schluss zu: Deutschland ist auf dem Weg vom Vornewegschwimmer der 90er Jahre (mit zunehmenden Abstrichen) über den Mitschwimmer der Nullerjahre zum Nichtschwimmer der Gegenwart.

Bei der 129. DSM jedenfalls hat die gewählte härtere Gangart noch nicht zu höherem Tempo geführt. Nach Rio sind die WM-Normen neu gefasst worden, jetzt orientiert man sich letztlich an Platz 8 des olympischen Finals 2016 als entscheidender Richtzeit, weil man ja schließlich das als Leistungsrichtwert (Finalplätze!) von BMI und DOSB (Deutsch-Olympischer Sportbund) vorgeschrieben bekommen hat. Vor dem abschließenden DM-Finaltag hatten gerade mal drei (!) Athleten des Elitekaders die Normen erreicht. Glücklicherweise aber waren vorab – vorgeblich als Leistungsanreiz für den Nachwuchs – »weichere« Richtzeiten für die Altersgruppe U23 festgelegt worden, die den Talenten einen Platz im WM-Team verschaffen sollen. Und es glückte – verursachte aber eine kuriose Situation. Denn erfüllten ältere Athleten auf ihren Strecken als erste, zweite oder sonstwievielte die Richtzeiten (eine im Vorlauf, eine im Finale) nicht, dann konnte es ohne weiteres passieren, dass die »Jungen« auf den hinteren Rängen die U23-Normen erreichten und mithin ein WM-Ticket feiern durften. Wobei natürlich generell zu fragen ist, ob die Altersgrenze 23 Jahre angesichts der Jugend von Topschwimmern aus den USA, Asien, Australien oder auch Europa überhaupt noch als »Nachwuchs« betrachtet werden kann. Und eben diesem, der dann solcherart qualifiziert im Kreis der Weltbesten mitschwimmen darf, droht – ausgehend von den bei den DSM erzielten Resultaten – auch ein schnelles Wettkampfaus mit einmaligem Vorlaufstart. Sportpsychologisch ist das nicht ideal.

Gabi Dörries erklärte denn auch beim Start der DSM, dass »nicht vom dem, was wir in Sachen Zentralisierung und Stützpunkte jetzt tun, nur unsere eigene Idee ist, es passiert im Einklang mit dem deutschen Sport«. Wolle man auf der internationalen Bühne den Standard erreichen und »mitmachen«, dann bleibe gar nichts weiter übrig, als den Vorgaben des BMI und DOSB zu folgen. Unmittelbar vor der DSM hatte es eine intensive Diskussion des DSV mit den politischen Entscheidungsträgern gegeben. Ob man den Vorgaben folgt oder nicht, hat Dörries mit ebenso knappen wie klaren sechs Worten beantwortet: »Wir haben gar nicht die Wahl.« Wenn man weiter Fördermittel beziehen wolle, die eh ab 2018 bis 2020 schrittweise gekürzt werden, »dann müssen wir umsetzen, was man von uns erwartet«.

Immerhin schwamm Europameisterin Franziska Hentke in Weltjahresbestzeit zum WM-Ticket, auf ihrer Paradestrecke 200 m Schmetterling in 2:06, 18 Minuten. Außer ihr schaffte nur Philip Heintz (Heidelberg) die verschärfte Norm für die WM in Budapest. Bei Olympia in Rio de Janeiro war Hentke mit kleinen Medaillenhoffnungen an den Start gegangen, im Halbfinale kam jedoch das enttäuschende Aus. Bei der WM will sie es besser machen.

Der WM-Fünfte Jacob Heidtmann (Elmshorn) und der frühere EM-Zweite Christian Diener (Potsdam) werden die WM wohl verpassen, obwohl sie auf ihren Paradestrecken über 400 m Lagen beziehungsweise 200 m Rücken den Titel gewannen. Ihre Vorlauf- und Finalzeiten aber reichten nicht für die neue Norm.

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