Aus: Ausgabe vom 19.06.2017, Seite 11 / Feuilleton

Der Bauer in Bonn

Das Kanzlersein erfassen und ­festhalten, der Rest ist egal: Helmut Kohl ist tot

Von Jürgen Roth
RTRJ589.jpg
Von der »Bonner Republik« bleibt ein wenig Wehmut: Szene vom CDU-Bundesparteitag in Bonn, November 1998

Helmut Kohl verdanken wir eines der bedeutendsten und komischsten Bücher der deutschsprachigen Literatur nach 1945. Man verfahre aleatorisch, und man wird zuverlässig auf Passagen stoßen, in denen sich die romantische Ironie wer weiß wie viele Male potenziert und zugleich zerlegt; auf eine Prosa, die bis 1985, als Eckhard Henscheids »Helmut Kohl – Biographie einer Jugend« bei Haffmans erschien, nicht zu lesen gewesen war.

Ich schlage, zufällig, Seite 35 auf: »Der Weltkrieg – er tobte inzwischen weiter. Kohl vernahm damals hin und wieder etwas von Stalingrad, von General Rommel und seinem deutschen Afrikakorps (natürlich verstand Kohl dauernd ›Chor‹ und stellte sich darunter weißgottwas vor: einen Chor von Beduinen, Hottentotten und Tuaregs, so was ähnliches also wie die späteren Fischer-Chöre – dem Verfasser ging das als Kind nicht anders; ein typisches infantiles Mißverständnis halt …). Mit dem Krieg kam Kohl später aber auch noch insofern in Berührung, als er sehr gern die Milchsuppe aus den amerikanischen Care-Paketen aß, wie er später der angesehenen Bunten Illustrierten berichten sollte. Aber eigentlich, recht eigentlich Muffensausen hatte der junge Kohl vor dem Krieg kaum – Muffensausen hatte er immer nur vor der Schule, vor der ›Penne‹, wie man es damals in Ludwigshafen nannte – und dies, obwohl Kohl weiterhin gut die Ohren spitzte, sich insgesamt leidlich hielt und auch sonst immer nach seinem Vorteile sah.«

Es war ihm scheißegal

Recht eigentlich, klar, hat der zügig reifende und alsbald unerschütterliche Polithüne Helmut Kohl die von Konrad Adenauer installierte Korruptionsmaschinerie traumschön modernisiert und perfektioniert – hier lediglich zu reden vom Kauf des CDU-Parteivorsitzes über die strahlende Flick-Affäre (Stichwort »politische Landschaftspflege«) bis zum Spendenskandalgewühle rund um die Jahrtausendwende, inklusive zahlloser Anpflaumereien und Stinkstiefeleien im Bundestag, in Fernsehstudios und gegenüber sonstigen infernalischen Schmöcken. Und Kohl war es scheißegal – vermutlich kam es ihm sogar gelegen –, welche öffentlichen Reaktionen es zur Folge hatte, dass er mit Ronald Reagan SS-Gräber abschritt, Gorbatschow mit Goebbels verglich und von der »Gnade der späten Geburt« irrefaselte.

Auch regiert hat Helmut Kohl praktisch nicht (das hatten seine hingebungsvollen Adlaten zu erledigen und hinzubiegen). Dafür hat er ununterbrochen telefoniert – nämlich noch mit jedem CDU-Untersubortsvereins­vizevorsitzenden an dessen Geburtstag. Kohls Telefonbuch muss halb so dick wie er gewesen sein, und mit dessen Hilfe machte er die christdemokratische Volkspartei zu dem, was sie in Ansätzen schon unter Adenauer gewesen war: zum lupenrein loyalen Kanzlerwahlverein.

Über höhere oder inferiorere politische Absichten des enormen Pfälzers zu spekulieren wäre frucht- und sinnlos – die europäische Integration ausgenommen. Was er darüber hinaus in seinen Memoiren zusammenkäste, hat der unvergleichliche Herumhocker im besten Falle bei fünf, sechs Flaschen Riesling, die er locker bezwang, zusammenspintisiert.

Helmut Kohl war es zeit seines Lebens um zweierlei zu tun. Zum einen pflegte er ein innig-gargantueskes Verhältnis zur Einnahme von Speisen jedweder Art. Legendär sind die Schilderungen, wie er bei Tafelsitzungen zu welchem Anlass auch immer, nachdem er in Rekordzeit seine doppelten oder gar Tripelportionen niedergemacht hatte, die Teller sämtlicher Tischnachbarn, die in Kohls imposanter Reichweite saßen, abräumte. Zum anderen wollte er halt unablässig und wohltuend ungestört – so drückte es 2005 die vormalige Kohl-Meuchlerin, die selbst unter metaphysischen Aspekten unbegreifliche Frau Merkel, in bezug auf sich selbst aus – »das Kanzlersein erfassen«.

Jenseits der Bratenteller

Ja, das müssen Ziel und Zweck von Helmut Kohls Leben jenseits der Bratenteller und Weinkaraffen gewesen sein: das Kanzlersein erfassen. Und das Kanzlersein festhalten. Um das Kanzlersein unverbrüchlich gleichwie vergnüglich immerdar erfassen zu können. Weshalb Kohls Trachten, ward seine gemütliche Kanzlerbüroexistenz ausnahmsweise aus den eigenen Reihen heraus schmählich in Frage gestellt (etwa von den räudigen Hunden Heiner Geißler und Lothar Späth, so geschehen auf dem CDU-Parteitag 1989 in Bremen), volle Kraft voraus der »Ausmerzung Anderslautender und Widerwilliger« (Henscheid) galt. (Über den Schlappschwanz Franz Josef Strauß hat Kohl notabene allzeit nur scheppernd gelacht.)

Helmut Kohl war, obwohl er die Umsetzung des NATO-Doppelbeschlusses vorantrieb, kein militaristischer Charakter (Strauß war einer – und was für einer). Er hätte der Beteiligung der Bundeswehr am völkerrechtswidrigen, verbrecherischen Krieg, am Angriffskrieg gegen Serbien nicht zugestimmt. Zudem war Kohl bis Ende der neunziger Jahre der letzte sozialdemokratische Bundeskanzler (davon, was er nach der »Einheit« mit der Treuhand anrichtete, rede ich hier nicht), und er war ein konservativ-erzliberaler Hedonist, der als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident mehr Menschen begnadigte denn jeder andere deutsche Regierungschef.

Vor Helmut Kohl musste man im Westen keine Angst haben. Eckhard Henscheids poetische Phantasie kam bereits vor mehr als dreißig Jahren der historischen Wahrheit so nahe wie keine »seriö­se« Monographie über den ewigen Oggersheimer: »Fasst man bilanzierend zusammen [auf Seite 93 von 223 Seiten!; J. R.], so war Kohl fast in Windeseile also damals schon ein rechter Homo politicus geworden. Und so kann es denn auch kaum ausbleiben, dass der Abiturient Kohl, wie alle bisherigen Biographen bezeugen, auch noch, indem er sogar die härtesten Mitbewerber aussticht, zum Schulsprecher am Max-Planck-Gymnasium gewählt und deklariert wird und auch in dieser Hinsicht manchen politischen Strauß siegreich zu Ende ficht. Später wird Kohl dann ja auch tatsächlich Ministerpräsident in Mainz (und wunderbar einfältig verschlagen, wie von sich selber und seinem gewaltigen Dusel überrascht, sieht man auf den einschlägigen Kabinettsfotos auch schon den jungen H. Geißler lachen und feixen). Noch später wird Kohl dann auch verdientermaßen Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, nach einem langen Leidens- und Kreuzesweg (gar nicht wahr, ging alles wie geschmiert), und dies, obschon Kohl noch am 17.5.1969 irgendwo öffentlich bekennt: ›Ich bin ein verhinderter Bauer.‹«

Das Lumpentriumvirat

Ich habe sieben Jahre meiner Jugend in Bonn-Bad Godesberg verbracht, das Regierungsviertel mit seinen bescheiden-modernistischen Bauten war nur ein paar Fahrradkilometer entfernt. Den Sturz von Kanzler Helmut Schmidt durch das Lumpentriumvirat Kohl/Genscher/Lambsdorff, das heißt die dreistündige Aussprache im Bundestag am Rhein habe ich dann am 1. Oktober 1982 in Brunssum in den Niederlanden stockenden Atems vor dem Fernseher verfolgt.

Ich anempfehle, sich auf Youtube wenigstens die letzte Rede von Herbert Wehner vor dem Hohen Hause anzuschauen, diese anrührend ernsthaft-kämpferische Ansprache eines entkräfteten alten Kommunisten; vielleicht auch den couragierten Auftritt der ehrenwerten FDP-Renegatin Hildegard Hamm-Brücher.

Vergangenes Jahr verstarb Hildegard Hamm-Brücher. Heuer verstarb der eindrucksvolle Redner Horst Ehmke. Man mag mit guten Gründen zu bedenken geben, dass parlamentarisch inszenierte Politik auch in der Bonner Republik nichts weiter als Kasperletheater zwecks Irreführung politisch interessierter und engagierter Bürger gewesen ist. Doch damals traten immerhin Figuren auf, die markant gezeichnet waren, die rhetorisch, mimisch und gestisch, und sei’s illusionistisch, für etwas einstanden, das sie voneinander zuweilen scharf unterschied.

Es ist ja richtig, wenn Freund und Kollege Kay Sokolowsky dem angeblichen »Kanzler der Einheit« in seinem Blog »Abfall aus der Warenwelt« hinterherruft, er sei »nicht irgendein korrupter Arsch aus einer Altnazipartei« gewesen, sondern eben ein exzeptioneller. Gleichwohl, mit dem Tod Helmut Kohls ist die Bonner Republik so gut wie endgültig dahingegangen.

Sie, die Bonner Republik als eine Art psychophysiognomisches Gebilde, empfand ich stets als wohltuend klein, zurückhaltend und heterogen. Ich verhehle nicht, dass mich Wehmut beschleicht, ein wenig Wehmut.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Mehr aus: Feuilleton